Nach oben

Am 20.Juli 1914 begann in Mannheim das Meisterturnier anlässlich des 19. Kongresses des Deutschen Schachbundes. Dazu erschien in diesem Jahr ein Buch von Stefan Haas (siehe Bild).

Zwar hatte der Mord am österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo Europa in eine Krise gestürzt, doch davon hatte es zu Beginn des 20.Jahrhunderts schon viele gegeben, so dass zunächst kein ernsthafter Grund zur Beunruhigung gegeben war. Am 28.Juli erfolgte die Kriegserklärung Österreichs an Serbien. Russlands Mobilmachung am 30.Juli löste die deutsche Mobilmachung am folgenden Tag und zwei Stunden später die Kriegserklärung Deutschlands an Russlands aus. Das Schachturnier in Mannheim wurde am gleichen Tage abgebrochen, die russischen Spieler in Internierungshaft festgesetzt. 100 Jahre später ist Gelegenheit, zurück zu blicken. Hans-Dieter Müller (†), freier Mitarbeiter unseres Partners ChessBase liess die die Ereignisse 2005 Revue passieren. Wir geben den Text mit freundlicher Genehmigung von ChessBase hier wieder.

Der 19. Kongreß des Deutschen Schachbundes

Mannheim 1914 - Schach und Krieg
Das unvollendete Turnier - Der 19. Kongreß des Deutschen Schachbundes (DSB)
Von Hans-Dieter Müller (†)

Seit der Gründung des Deutschen Schachbundes DSB im Jahr 1877 wurden in der Regel im Abstand von zwei Jahren die Mitgliederversammlungen (Kongresse) abgehalten. Die hierbei veranstalteten oft internationalen Turniere stellten seinerzeit den Höhepunkt des Schachlebens in Deutschland statt und erfreuten sich auch im Ausland großer Beliebtheit. Zur Austragung kamen ein "Meisterturnier", zu dem nur Teilnehmer, die den "Meistertitel des Deutschen Schachbundes" (der auch von Ausländern erworben werden konnte) trugen, oder deren "Meisterstärke allgemein anerkannt" war sowie ein "Hauptturnier" dessen Sieger den besagten Meistertitel erhielt, und diverse Nebenturniere für alle Spielklassen.

Im Jahr 1914 war die süddeutsche Handelsmetropole Mannheim als Austragungsort des 19. Kongresses des DSB vorgesehen.

Mannheim - Paradeplatz zur Zeit des Turniers
Professor Rudolph Gebhardt (*1859)

Der DSB hatte 1914 etwa 5000 Mitglieder (zum Vergleich heute: ca. 90.000), die in 182 Vereinen organisiert waren sowie auch 135 "Einzelmitglieder" und stand finanziell gut da. Seit 1901 war Professor Rudolph Gebhardt (*1859) Vorsitzender des DSB (siehe Bild links).

Der Mannheimer Schachklub von 1865 wollte mit der Austragung seine Feierlichkeiten zum 50-jährigen Jubiläum einleiten und die Voraussetzungen konnten nicht besser sein: Idealere Spiel- und Aufenthaltsmöglichkeiten, als sie das versteckt im Schlossgarten gelegene "Ballhaus" mit seinen großen und kleinen Sälen, seiner Terrasse und seinem schattigen Garten bot hätten sich für den Kongress kaum finden lassen.

Seltsam mag es aus heutiger Sicht anmuten, dass auch sämtliche Spieler, selbst große Meister, die an der Teilnahme am Internationalen Meisterturnier interessiert waren, einen Antrag auf Zulassung zu stellen und einen Einsatz (sprich Startgeld) zu entrichten hatten. Der Ausrichter traf dann in Abstimmung mit dem DSB die Entscheidung über die Zulassung. Schließlich wurden jeweils 18 Teilnehmer sowohl für das Meisterturnier wie auch für das Hauptturnier zugelassen, die natürlich - wie damals üblich - vollrundig ausgetragen wurden. Die Bedenkzeit sollte 30 Züge in 2 Stunden und dann 15 Züge pro Stunde betragen. Verärgerung hatte im Vorfeld das Verhalten der Großmeister Richard Teichmann und Akiba Rubinstein ausgelöst. Teichmann hatte in letzter Sekunde telegraphisch abgesagt, während Rubinstein erst zusagte, dann seine Teilnahme von der Gewährung eines Extrahonorars in Höhe von 500 Goldmark abhängig machte, nach der Ablehnung aber nicht mehr reagierte.

Im Meisterturnier am Start waren schließlich folgende Teilnehmer:

Aus Österreich-Ungarn:
Dr. Milan Vidmar, Richard Reti, Dr. Savielly Tartakower, Rudolf Spielmann, Oldrich Duras, Gyula Breyer

Aus Russland:
Alexander Aljechin, Jefim D. Bogoljubow, Dawid Janowski, Alexander Flamberg

Aus Deutschland:
Dr. Siegbert Tarrasch (Nürnberg), Walther John (Breslau), Paul Krüger (Hamburg), Carl Carls (Bremen), Ehrhardt Post (Berlin) und Jacques Mieses (Leipzig)

Aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika (USA): Frank James Marshall

Aus der Schweiz: Hans Fahrni

Für Montag, den 20. Juli 1914 war der Beginn des Turniers festgesetzt. Am vorhergehenden Sonntag fand die Auslosung und im Anschluss die Mitgliederversammlung des DSB statt. Auf der Tagesordnung stand als wohl interessantester Punkt die Debatte über die Gründung einer "Internationalen Schachorganisation", dessen Keimzelle außer dem DSB der "Allrussische Schachverband" sein sollte, dessen Vorsitzender Saburow auch in Mannheim anwesend war. Die Frage nach der Regelung der Weltmeisterschaftskämpfe sollten diesem Verband dann obliegen, sowie auch die Unterstützung "notleidender Meister". Die Meinungen gingen auseinander zumal auch von weiteren ausländischen Verbänden bisher keine Zustimmung signalisiert worden war. Ehrhardt Post (Berlin), selbst Teilnehmer im Meisterturnier, der in späterer Zeit Geschäftsführer des "Großdeutschen Schachbundes" werden sollte, hielt eine solche Organisation für "überflüssig". Sie "bringe nichts für das deutsche Schach". Er machte sich zum Wortführer einer Gruppierung, die eine Umwandlung der Kongressturniere in rein nationale Meisterschaften befürwortete und anstrebte.

Fast auf den Tag genau 10 Jahre später in einer mittlerweile veränderten Welt wurde mit der Gründung der FIDE in Paris dann die Internationale Schachorganisation aus der Taufe gehoben.

Am Abend folgte der Versammlung das damals übliche Festbankett im großen Festsaal des Ballhauses.

Im Meisterturnier setzte sich sofort der 22-jährige Russe Alexander Aljechin an die Spitze, der vor Ehrgeiz brannte und bereits vier Wochen vor Turnierbeginn angereist war. Der nachmalige Weltmeister hatte, obwohl zweitjüngster Teilnehmer (nach Breyer *1894), bereits einige beeindruckende Resultate vorzuweisen, so den ersten Platz in Stockholm 1912 und in Scheveningen 1913 und beim Großmeisterturnier in Sankt Petersburg im Frühjahr 1914 den dritten Platz hinter Lasker und Capablanca sowie den mit Nimzowitsch geteilten 1./2. Platz bei der "Allrussischen Meisterschaft" 1914.

Spielmann konnte ebenso wie sein Landsmann Milan Vidmar als einziger mit Aljechins Tempo Schritt halten, lag nach der sechsten Runde sogar mit einem halben Punkt in Front, nachdem Aljechin gegen seinen Landsmann Janowski, den Kürzeren gezogen hatte, dem er bereits in Scheveningen 1913 unterlegen war.

Demgegenüber hatte der ehemalige Weltmeisterschaftskandidat und Turniersenior (mit 52 Jahren), Dr. Siegbert Tarrasch, mit einer Doppelnull (gegen John und Spielmann) den schlechtesten Start aller Teilnehmer erwischt. Er kam dann auch nicht mehr so recht in Schwung und konnte sich nur noch bis ins Mittelfeld vorarbeite. In Aljechin hingegen setzte die Niederlage offenbar zusätzlichen Ehrgeiz frei, so dass er fünf Partien in Serie gewann, darunter in der neunten Runde auch gegen Tarrasch.

Der Spielsaal

Europa hatte sich 1914 daran gewöhnt, dass eine Krise der nächsten folgte. Ursache waren die machtpolitischen Gegensätze der Großmächte. Als Pulverfass galt zuallererst der Balkan. Dort hatten sich erst wenige Jahre zuvor nach jahrhundertelanger türkischer Herrschaft selbstständige Staaten etabliert. Das ehemals türkische, hauptsächlich von Südslawen bewohnte Gebiet von Bosnien-Herzegowina war an den Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn gefallen und von diesem im Jahr 1908 seinem Staatsgebiet einverleibt worden. Dies hatte eine ernsthafte Krise ausgelöst und ständigen Konfliktstoff insbesondere mit Serbien, dass das Gebiet für sich beanspruchte und der Großmacht Russland herbeigeführt, wo, wie auch in Serbien die Ideologie des "Panslawismus" weit verbreitet war. 

Am 28. Juni 1914 (also drei Wochen vor Beginn des Mannheimer Turniers) war in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo der österreichische Thronfolger und seine Ehefrau dem Mordanschlag einer bosnisch-serbischen Untergrundbewegung zum Opfer gefallen, die in ihm den "Vertreter des österreichisch-ungarischen Imperialismus" sah. In Österreich-Ungarn sah man die Verantwortung in Serbien (tatsächlich war der serbische militärische Geheimdienst in das Attentat verwickelt) und strebte einen "chirurgischen Schnitt", einen begrenzten Militärschlag gegen Serbien an. Im Vertrauen auf die Rückendeckung durch die Bündnispartner Deutschland (damals die stärkste Militärmacht der Welt) und Italien. Nach einem für Serbien nicht annehmbaren Ultimatum folgt am 28. Juli 1914 die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien.

Zu diesem Zeitpunkt wurde in Mannheim die siebte Runde ausgetragen. Der Prager Hrdina, der im Hauptturnier A gespielt hatte, reiste ab, nachdem er seine Einberufung erhalten hatte. Das Turnier wurde fortgesetzt.

Die Krise verstärkte sich immer weiter, Russland trat an die Seite Serbiens, ein Automatismus der Bündnisverpflichtungen beginnend mit allgemeiner "Mobilmachung" kam in Gang, der ganz Europa in den Krieg zog.

Das Turnier wird abgebrochen

Als am 1. August 1914 nach Austragung der elften Runde die "Mobilmachung" (d.h. Einziehung von Reservisten, Vorbereitung auf den Kriegszustand) bekannt gegeben wurde, stand die Notwendigkeit fest, das Turnier abzubrechen. Um 19 Uhr erfolgte bereits die Kriegserklärung Deutschlands an Russland. Der Turnierleiter Hermann Römmig legte sein Amt nieder und reiste als Reservist sofort zu seiner Einheit ab. Das Turnier betreffend wurden allerlei skurrile Vorschläge gemacht, so etwa das Turnier in der neutralen Schweiz fortzusetzen. Tarrasch regte an, es einfach um ein Jahr zu vertagen, in der Annahme, dass der Krieg dann natürlich vorbei sei.

Schließlich wurde festgesetzt, dass die Spieler gemäß ihrem Punktestand zwar nicht die vollen Preise jedoch eine "Entschädigung" erhalten sollten.

Somit erhielt Aljechin 1100 Mark, Vidmar 850, Spielmann 600, Breyer, Marshall und Reti je 375, Janowski 250, Bogoljubow und Tarrasch je 180 Mark, alle übrigen 100 Mark. Nach heutiger Kaufkraft entsprächen die Beträge heute etwa dem 10-fachen in Euro, Aljechin hätte somit einen "Trostpreis" von 11.000 Euro erhalten.

Die letzten Wochen hatten für die Teilnehmer und Gäste im Mannheimer "Ballhaus" ganz im Zeichen des Schachs gestanden. Während des Turniers hatte nicht nur dort schachlicher Hochbetrieb geherrscht: allabendlich war das Café "Börse" am Paradeplatz (siehe erstes Foto oben) das Eldorado all derer, die nie genug kriegen können. Jetzt plötzlich spielte das alles keine Rolle mehr. Das "Ballhaus" erhielt "Einquartierung", d.h. eine Militäreinheit wurde in den Räumlichkeiten untergebracht.

Die elf russischen Teilnehmer der Turniere waren plötzlich "feindliche Ausländer" und wurden in Gefängnisse verbracht. Aljechin landete zunächst in der Hauptwache in Mannheim, dann im Militärgefängnis Ludwigshafen, dann in Rastatt und schließlich in Baden-Baden. In Rastatt "saß" er gemeinsam mit Bogoljubow, Rabinowitsch und "einem gewissen Weinstein". Da kein Schachbrett vorhanden war, wurde stundenlang "blind" gespielt. Schließlich wurden die russischen Meister gemeinsam in Triberg im Schwarzwald interniert. Bogoljubow heiratete dort ein Mädchen aus dem Ort und blieb Zeit seines Lebens in Triberg wohnhaft. 

Verwendete Quellen:

Aljechin, A: Meine besten Partien 1908-1923, Berlin und Leipzig 1929
Deutsche Schachblätter Juli-September 1914
Deutsches Wochenschach Juli-August 1914
Ehn,M. (Hrsg): Rudolf Spielmann: Portrait des Schachmeisters in Texten und Partien, Koblenz 1996
Lauterbach,W.: Mannheim 1914, Rau-Verlag 1964
Vidmar,M: Goldene Schachzeiten: Erinnerungen, Berlin: de Gruyter 1961

Auch Bremer waren dabei!

Aus Bremen fuhren Carl Carls, Wilhelm Hilse, Richard Antze und, falls mit dem in der Deutschen Schachzeitung erwähnten "Bechstedt" indentisch, Robert Bechstedt zum Kongreß nach Mannheim. Im Meisterturnier lag Carls mit 6 Niederlagen, 3 Remisen und nur 2 Gewinnen abgeschlagen zurück. Ähnlich erging es Hilse im Hauptturnier A, und Bechstedt wurde in der 4. Gruppe des Hauptturniers B Letzter. Nur Antze erzielte im Nebenturnier B einen geteilten ersten Platz.

 

 

 

 

Zurück

x