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28.09.2008

Dieter Lentschu ist 75 – Happy birthday!

Dagobert Kohlmeyer
Dieter Lentschu

Der bekannte Berliner Schachspieler und Schiedsrichter Dieter Lentschu wird am heutigen Sonntag 75 Jahre. Wir gratulieren dem Jubilar recht herzlich und wünschen ihm noch viele Jahre guter Gesundheit und Freude am königlichen Spiel. Auch wenn sich Dieter seit einigen Jahren vom aktiven Spielen zurückgezogen hat, verfolgt er das aktuelle Schachgeschehen ganz aufmerksam.

Wir haben Dieter wenige Tage vor dem runden Geburtstag in seiner Marzahner Wohnung besucht. Punkt 15 Uhr hat seine Frau Gertraud den Kaffeetisch liebevoll gedeckt. Der Fernseher ist an, im Videotext stehen die Ergebnisse der Frauen-WM im Kaukasus. Mit in unserer kleinen Runde sitzt Horst Strehlow, ebenfalls eine lebende Berliner Schachlegende. Er kennt Dieter fast 60 Jahre. An diesem Nachmittag werden viele Erinnerungen hervorgekramt und manche Anekdote erzählt.

Dagobert Kohlmeyer
Das Olympiadebuch von Leipzig

Besonders gern erinnern sich beide Schachveteranen an die Olympiade 1960 in Leipzig. Dieter Lentschu war damals 27 Jahre alt und als Schiedsrichter eingesetzt, Horst Strehlow 29 und Schlachtenbummler. Dieter erzählt:

"Es wurde in zwei Etagen des Ringmessehauses gespielt. Hauptschiedsrichter war Fernschachweltmeister Wjatscheslaw Ragosin aus der UdSSR. Für die 40 teilnehmenden Teams gab es 20 Länderschiedsrichter, außerdem zwei Etagenschiedsrichter. Ich konnte kein Russisch und habe meist englisch sprechende Nationen von den USA bis Indonesien gehabt. Ich kannte die englische Notation, und wir mussten damals noch alle Partien mitschreiben. Das heißt, ich notierte alle vier Partien eines Länderkampfes mit. Denn oft konnten die Partieformulare der Spieler nicht entziffert werden.
Damals gab es auch noch Hängepartien. Nach vier Stunden Spielzeit ertönte ein Gong, und der am Zug befindliche Spieler musste seinen Zug abgeben. Am nächsten Morgen wurden die nicht beendeten Partien von 9-13 Uhr weiter gespielt.
"
Sehr beeindruckt hat Dieter Lentschu das Duell zwischen dem Österreicher Karl Robatsch und Michail Tal. "Da brannte das Brett. Ich denke, beide haben während des Spiels etwa 60 Zigaretten geraucht. Am Ende rauchten sie auch die Friedenspfeife. Damals war Nikotin im Spielsaal noch erlaubt. Jeder Spieler hatte an seinem Tisch einen Aschenbecher."

Dieter, in Leipzig gab es auch die legendäre Ausstellung Schach im Wandel der Zeiten.

"Sie war die großartigste Exposition, die ich je gesehen habe. Wir Schiedsrichter hatten ja die Möglichkeit, nicht nur die ausgestellten Stücke in den Vitrinen zu sehen, sondern alle Exponate, die nach Leipzig geschickt wurden."

Konnte man auch etwas kaufen?

"Von der Ausstellung nichts, aber es gab dort auch Handwerker, zum Beispiel Schnitzer aus dem Erzgebirge. Sie saßen im Ringmessehaus, schnitzten Schachfiguren und haben sie an Ort und Stelle gleich verkauft."

Dagobert Kohlmeyer
Horst Strehlow

Horst Strehlow ist auch so ein lebendes Berliner Schachdenkmal. 1931 geboren wie Viktor Kortschnoi, spielt er noch heute aktiv in seinem Klub SC Friesen-Lichtenberg. Er hat schon Große besiegt, wie den früheren DDR-Meister Lothar Zinn.
Mit der Olympiade 1960 in Leipzig verbinden ihn außerordentliche Erinnerungen:
"Ich habe in Berlin beim Obst- und Gemüsehandel als Dispatcher gearbeitet. Mit einer Schachgruppe fuhren wir über das Wochenende nach Leipzig. Ich war so begeistert, dass ich dort blieb. Aber drei Wochen Aufenthalt kosten Geld. Um die Sache zu finanzieren, ging ich zur Kaderabteilung Obst und Gemüse, wo gerade Hochsaison für die Kartoffeleinkellerung war. Es gab keine Probleme, dort einen Job zu bekommen. So habe ich jeden Tag sechs Stunden gearbeitet und bin dann am Nachmittag zu den Schachveranstaltungen gegangen. Ich sah viele tolle Partien, nicht nur die von Fischer und Tal mit den gegenseitigen Opfern."
Im damaligen Olympiade-Buch des Berliner Sportverlags gibt es ein Foto, wo Horst Strehlow als Kiebitz und mit einem Steckschach bewaffnet zu sehen ist.

Erinnerungen zweier Schacholdies, die aus der Berliner Szene nicht wegzudenken sind. Dieter Lentschu hat in einer Marzahner Gaststätte vom Samstag zum Sonntag zünftig in seinen Geburtstag hinein gefeiert. Mehr über seine und Horst Strehlows Erlebnisse von Leipzig 1960 wird im historischen Teil des geplanten Turnierbuchs der Dresdner Schacholympiade zu lesen sein.

Dagobert Kohlmeyer

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