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Hamburg - Frankfurt/Main am 25. Mai 1952

Fernschreiber Siemens T100, 1958 eingeführt. Der Wählapparat rechts gehört nicht zum Fernschreiber, sondern ist ein Anschaltgerät für das Telex-Netz.
Wikipedia
Fernschreiber Siemens T100, 1958 eingeführt. Der Wählapparat rechts gehört nicht zum Fernschreiber, sondern ist ein Anschaltgerät für das Telex-Netz.

Im Heft 6 (März) der Deutschen Schachzeitung von 1952 suchten die Hamburger mit folgender Anzeige Gegner für Wettkämpfe per Fernschreiber:

Kampf mittels Fernschreiber

Der Hamburger Schachverband ist bereit, mit anderen Verbänden des DSB, bzw. der Hamburger Schachklub von 1830 mit anderen Vereinen, Wettkämpfe an 10-15 Brettern mittels Fernschreiber auszutragen. Hier bietet sich ein neuer Weg, das Schachleben interessant zu gestalten und zu fördern. Verhandlungen über ein Treffen Hamburg - Amsterdam ist im Gange.

  • Deutsche Schachzeitung Nr. 6 März 1952, S. 122

Von morgens bis Mitternacht

Wir entnehmen diese lebendig geschriebene Reportage vom Fernschreiberkampf Hamburg - Frankfurt am 25. 5. 52 der "Frankfurter Neuen Presse". Red.

Sekunden vor Mitternacht gehen die letzten die Treppe in der Bahnhofstraße 4 hinunter, müde aber stolz. Die Schlacht ist geschlagen. Nach 16 Stunden Spiel steht fest: Hessens Schachstrategen haben sich bewährt, im ersten Kampf über Fernschreiber innerhalb Deutschlands (auf der Leitung FNP-Hamburger Abendblatt) erreichten sie ein 5 : 5 gegen Hamburgs Elitemannschaft.

Am Morgen waren sie die drei Treppen zur FNP-Kantine hochgestiegen, ohne große Hoffnung, der Röhrich aus Alsfeld, die Frankfurter Jäger, Heuäcker, Flammiger und Marcus, Sänger aus Kassel, Frühauf aus Steinheim, Hechler aus Bensheim, der Rüsselsheimer Diesner und Dr. Niemann aus Darmstadt, dazu der ganze Organisationstroß. Um 9 Uhr sitzen sie alle an den Tischen vor ihren Brettern. Die Fernschreiber im Grindelhochhaus in Hamburg und in Frankfurt bei der FNP beginnen zu ticken: Begrüßung und Mannschaftsdurchgabe. Heinicke, Pfeiffer, Rellstab, Lehmitz, Sahlmann, Ahues, Hodakowski, Tscheppe, Titjen und Maier für Hamburg; vorn die halbe Olympiamannschaft, die weiteren auch nicht viel schlechter. Stimmung in Frankfurt gedrückt. Hauptsache: wir spielen mit. Die ersten Figuren werden gezogen, die Melder flitzen zum erstenmal zum Fernschreiber: "1. brett 1. zug d2-d4". Die ersten Antworten kommen auf dem Papierstreifen, die Melder eilen zurück, und die Sekundanten setzen die ersten Züge der Hamburger.

11 Uhr: Die Frühaufsteher unter den Redakteuren kommen, schauen verwundert in die Kantine. Der Chef vom Dienst muß erst dreimal reingucken, bevor er überzeugt ist, daß die Kantine inzwischen zum "Schlachtfeld" der Strategen der 64 Felder geworden ist.

Mittag. Bisher nur langsam vorangekommen. Die Übermittlung in Hamburg zwischen Fernschreibanlage und den Brettern scheint langwieriger zu sein. Stimmung in Frankfurt: Galgenhumor. Spruch an Hamburg: "habt ihr mittagspause eingelegt, um euch zu stärken, oder ist es zu heiß in hamburg?" Antwort: "nicht heiß hier, aber wir spielen olympiaschach und werden euch schon einheizen, rotes kreuz hamburg schon unterwegs, um bei bergung eurer toten und verwundeten zu helfen!" Buhu!

14 Uhr. Hamburg meldet Panne beim Empfänger, nach einer halben Stunde behoben. Sänger setzt sich mal auf den Stuhl gegenüber, dort wo imaginär Gegner Lehmitz sitzt. Von gegenüber sieht halt manches doch anders aus, jedes Ding hat seine zwei Seiten. Stimmung: Schade ums Sonntagsmittagsschläfchen.

Kurz vor 17 Uhr. Die Zeit drängt überall. Die Züge wechseln schneller. Rellstab beißt in den sauern Apfel, nimmt das vor 26 Zügen angebotene Remis an. Uff, wieder einen halben Punkt. Heuäcker packt den wirren Knäuel von Papierstreifen, auf dem Rellstabs Züge stehen, in die Aktentasche: "Das sortiert meine Frau".

Kurz nach 17 Uhr. Sänger erwischt den fliehenden König noch: matt. Jubel. Trubel. Stand 2 : 1 für Hessen. "an hamburg: steht ihr unter fernheizung, gespeist von frankfurt?" - "an frankfurt: die nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn, spielende abwarten."

17.45 Uhr. Die meisten Schachuhren haben nur noch Minuten und Sekunden bis zum Zeitlimit zu ticken. Die Aufregung wächst. Selbst Verbandschef Kniest saust als Melder zum Fernschreiber. Der Mann am Fernschreiber hat noch zwei aufgeschlossene Buben angestellt, um die Arbeit zu bewältigen.

18 Uhr. Zeitlimit glücklich erreicht, allgemeines Aufatmen. Diesner - Hodakowski remis. Frau Jäger erscheint mit ihren Töchtern, will Ehegesponst abholen, aber da ist noch nichts zu machen. Sie geht halt wieder, sie kennt das.

19 Uhr. Es wird jetzt schon seit 10 Stunden ohne Unterbrechen gespielt. Die Spieler entschließen sich doch zum "Mittagessen". - Wenig später: Maier gibt auf. Stand 3½ : 1½ für Hessen! Stimmung kaum zu halten. Stimmung in Hamburg aus Drahtnachricht zu ersehen: "schickt rotes kreuz zurück", Heinicke: "Remis zu ungünstig".

Kurz nach 20 Uhr. Flammiger gibt auf, schon schlechter. Die Nerven können die Anspannung kaum noch ertragen. Wenn Hechler nur das Remis hält! Röhrichs Remisangebot wird abgelehnt. Also fährt der letzte Zug nach Alsfeld ohne ihn. Gegner Heinicke: "Remis zu ungünstig".

22 Uhr: Hamburg will vertagen, meldet: "pfeiffer aus den latschen gekippt, nach hause gegangen, darf rellstab einspringen?" Jäger akzeptiert die Ablösung. Bei Hechler wird es aussichtslos, er gibt auf: 3½ : 3½, auf des Messers Schneide. Remisangebot auf der ganzen Linie lehnt Hamburg ab. Stimmung hier: Es muß durchgebissen werden.

23 Uhr: Jäger und Röhrich unterlaufen kleine Schnitzer. Jäger gegen Pfeiffer/Rellstab wird remis. Dr. Niemann schaffts ebenfalls gegen Titjen (Fernschreiber tippt: "titjen sitzt auf seinem stuhl und weint").

23.45 Uhr: Letzte Partie Brett 1 wird abgeschätzt. Rellstab und Schönmann schätzen: Vielleicht Gewinnweg, aber sehr verzwickt, nicht offensichtlich, daher remis, und damit remis auch für den Gesamtkampf.

Beiderseitige Gratulation, Hamburgs Turnierleiter Fohl schreibt: "bin 30 jähre turnierspieler, habe aber so etwas noch nicht erlebt". Abendblattredakteur Mainzer hängt an: "es war das höchste turnier, das in hamburg je stattfand, denn wir befinden uns hier in 45 meter höhe". Und FNP-Tillenburg antwortet: "es ist auch das längste turnier, das je in frankfurt gespielt wurde".

Gewonnen hat niemand beim ersten Kampf über Fernschreiber, höchstens durch ihre Gebühren die Post, aber die hat es schließlich ermöglicht.

Sekunden vor Mitternacht zwischen Sonntag und Montag gehen die letzten Schachspieler stolz und müde ... usw. siehe oben. (Ner.)

  • Deutsche Schachzeitung Nr. 11 August 1952, S. 245-247

Nachtrag

Hamburg   Frankfurt/Main
Herbert Heinicke    
Gerhard Pfeiffer ½:½ Jäger (Frankfurt)
Ludwig Rellstab ½:½ Paul Heuäcker (Frankfurt)
Günther Lehmitz 0:1 Sänger (Kassel)
Walter Sahlmann    
Carl Ahues    
Georg Hodakowsky ½:½ Diesner (Rüsselsheim)
Karl-Heinz Tscheppe    
G. Titjen ½:½ Dr. Niemann (Darmstadt)
Maier 0:1  
  1:0 Flamminger (Frankfurt)
  1:0 Hechler (Bensheim)
    Röhrich (Alsfeld)
    Marcus (Frankfurt)
    Frühauf (Steinheim)

Wer kann Ergebnisse ergänzen oder hat sogar Partien? Gibt es von dem Wettkampf Fotos?

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