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03.09.2008

Dr. Karsten Müller: Trainer des Jahres

Karsten Müller vorzustellen, heißt eigentlich Eulen nach Athen tragen. So weit komme ich gar nicht. Bin kein Vogel. Nicht mal bis Hamburg. Hatte gehofft, für 100 Euro mit Germanwings dorthin zu fliegen wie neulich nach München. Doch deren Flügel und Flüge streifen den Ort nicht. Die Lufthansa verlangt hingegen einen weit robusteren Preis, um mich in ihrem Bauch mitzunehmen. Zug oder Auto plus erforderlicher Übernachtung für ein anderthalbstündiges Gespräch schlagen höher zu Buche. Auch meinem Idealismus und Engagement sind indes Grenzen gesetzt. Was tun? Ich möchte, schon allein der Vollständigkeit halber, nur ungern auf ein Interview-Portrait von ihm verzichten, der ich bislang jeden der Preisträger vorgestellt habe. Wie stelle ich es an, dennoch mit ihm ins Gespräch zu kommen? Der einzige Ausweg: eine e-mail-Korrespondenz. Zwar ist für ein lebendiges Interview der lebendige Eindruck und das direkte Gegenüber eigentlich unverzichtbar. Aber sei's drum, sage ich mir, mach aus der Not eine Tugend. Ich hoffe, K. Müller ist zu dem Experiment bereit.

Kurzbiographie

  • Geboren 23.11.1970
  • Doktor der Mathematik
  • BL-Spieler seit der Saison 1988/89
  • GM seit 1998
  • Größte schachliche Erfolge: 1996 und 1997 jeweils 3. bei der Deutschen Einzelmeisterschaft, 2000 Dähnepokalsieger und 2001 Deutscher Schnellschachmeister
  • Renommierter Schachbuch-Autor.

Sie sind Trainer des Jahres geworden. Freut Sie die Auszeichnung?

Karsten Müller: Ja, zumal sie ziemlich überraschend kam.

Ist das nur ein Ehrentitel oder auch mit einer (bescheidenen) finanziellen Anerkennung verbunden?

Karsten Müller: Die Auszeichnung ist mit 500 Euro dotiert.

Fühlen Sie sich in der Riege der bisherigen Titelträger Rosen, Pähtz, Kersten, Lobshanidze gut aufgehoben?

Karsten Müller: Ja, denn alle sind sehr renommierte Trainer. Außerdem ist die Schachwelt klein und ich habe schon mit allen zusammengearbeitet. So begrüßte mich Uwe Kersten in Willingen auch gleich mit: ‚Willkommen im Club'!

Wann erfolgte die Ehrung und wo?

Karsten Müller: Die Ehrung erfolgte bei der Eröffnungsfeier der Deutschen Jugend Meisterschaft in Willingen am Samstag vor Pfingsten 2008.

Sie haben als ausgewiesener Endspielkenner theoretisches Rüstzeug im Schachrucksack wie kaum ein anderer. Welche Facetten Ihrer Arbeit hat die Jury besonders lobend gewürdigt?

Karsten Müller: Dazu zitiere ich am besten aus der Begründung von Klaus Deventer von der Internetseite des DSB: ‚...Damit würdigt die Jury die langjährige und erfolgreiche Arbeit des sympathischen Schachbuchautors, der seit vielen Jahren als Trainer für die niedersächsische Schachjugend tätig ist und im vergangenen Jahr mit Sebastian Kaphle (U-12) ...(einen) deutschen Meistertitel feiern konnte. Auch mit dem JOM-Senkrechtstarter Niclas HUSCHENBETH hat Dr. Karsten Müller als Stützpunkttrainer in Hamburg regelmäßig trainiert'.

Wie lange schon sind Sie Trainer?

Karsten Müller: Ich habe 1988 angefangen, für meinen alten Verein SC Diogenes Jugendtraining zu geben.

Was hat Sie dazu bewogen? Nicht jeder hat das Talent dazu?

Karsten Müller: Dafür gab es mehrere Gründe: ich hatte schon lange selbst Training bekommen und wollte einmal ausprobieren, wie es von der anderen Seite her aussieht. Es kann einem auch selbst helfen, weil man den Stoff noch tiefer durchdringen muss, um ihn anderen vermitteln zu können. Außerdem konnte ich so die Verbindung zu meinem alten Verein trotz des Wechsels zum HSK aufrecht erhalten.

Was zeichnet einen guten Trainer aus, welche Tugenden muss er mitbringen?

Karsten Müller: Er braucht vor allem viel Geduld und einen langen Atem. Denn die Entwicklung der Jugendlichen verläuft wellenförmig und es gibt auch immer wieder Rückschläge. Eine hohe eigene Spielstärke ist sicher hilfreich, aber nicht zwingend nötig. Bei leistungsorientiertem Einzeltraining fällt dieser Faktor natürlich höher ins Gewicht als beispielsweise beim Schachunterricht in Schulklassen, wo pädagogisches Geschick wichtiger ist.

Wie sind Sie selbst zum Schach gekommen und gefördert worden?

Karsten Müller: Mein Vater hat mir die Regeln beigebracht als ich sieben oder acht war. Er hat anfangs immer gewonnen. Als ich auf das Matthias-Claudius-Gymnasium kam, habe ich mit dem Leistungsschach angefangen. Ich hatte Training im Verein SC Diogenes und im von Gisbert Jacoby und später Claus Dieter Meyer geleiteten Hamburger Stützpunkt. Später war ich neun Monate bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr, wo Klaus Darga mich trainiert hat. Auch der Hamburger Schachverband und der Hamburger SK haben mich enorm gefördert, unter anderem durch die Möglichkeit in der 1.Bundesliga und bei vielen internationalen Hamburger und Deutschen Einzelmeisterschaften spielen zu können. Das war natürlich noch nicht alles, doch in diesem Rahmen ist es mir nicht möglich, alle Förderungsmaßnahmen aufzuführen.

Schach ist ein klassischer Zweikampf mit allen sportwissenschaftlich belegten Attributen (Adrenalin, Puls, Schweißausbruch, mentale Stärke und Kontrolle usw.) außer Bewegung. Was ist es Ihrer Meinung nach zuallererst? Sport, Kunst oder Wissenschaft?

Karsten Müller: Mir persönlich würde als Mathematiker zwar auch der wissenschaftliche Aspekt genügen, doch ich denke, dass Emanuel Lasker mit folgender Erkenntnis genau ins Schwarze getroffen hat: Schach ist vor allem ein Kampf! Daher ist es in der Liste zuallererst als Sport einzuordnen.

Es ist auf jeden Fall auch eine altehrwürdige Kulturtechnik der Diskussion. Eine Tabia, eine tausendmal gespielte Grundstellung, kommt aufs Brett, und A denkt: ‚Ich habe darauf das in petto', und B denkt: ‚Ich habe darauf das parat'. Ein kriegerischer Wettstreit mit friedlichen Mitteln.

Karsten Müller: Das passt genau zu obigem Laskerzitat.

So viel zu Sport, Kunst, Wissenschaft. Dem entsprechen in meiner persönlichen Klassifizierung: der Turnierspieler, der den Erfolg sucht, der Fernschachspieler, der die Wahrheit herausfinden will, der Studienkomponist, der nach der Schönheit fahndet. Können Sie mit dieser Einteilung etwas anfangen?

Karsten Müller: Das kann man so sehen. Ich denke allerdings, dass auch der Fernschachspieler letztlich den Erfolg sucht. Der Analytiker will die Wahrheit herausfinden.

Gibt es einen Begriff wie Schönheit auch für Mathematiker?

Karsten Müller: Diesen Begriff gibt es in der Tat, wenngleich er nicht einfach exakt zu definieren ist. Der englische Mathematiker Godfrey Harold Hardy hat es einmal überspitzt so ausgedrückt: ‚Das entscheidende Kriterium ist Schönheit; für hässliche Mathematik ist auf dieser Welt kein beständiger Platz.'

Mein Mathematiklehrer auf der Penne hat, wenn er die Güte einer Lösung beurteilte, jedenfalls von einer schönen Lösung gesprochen. Was ist das: der kürzeste Weg, die Surprise, die Paradoxie... ?

Karsten Müller: Das kann man so allgemein nicht beantworten. Ich kann lediglich ein Beispiel bringen: Euklids Beweis, dass es unendlich viele Primzahlen gibt, gilt allgemein als schön und elegant, während der Beweis des Vierfarbensatzes, den Appel und Haken 1976 im Wesentlichen mit dem Computer erbrachten, als nicht schön gilt, da sich große Teile der Rechnungen von Menschen nicht nachprüfen lassen, weil das einfach zu lange dauern würde und zu rechenfehleranfällig wäre.

Sie kennen die indische Weisheit, die darauf abzielt: Schach ist wie eine Pfütze, in der eine Mücke überleben und ein Elefant ertrinken kann. Exweltmeister Tal hat, meines Wissens, einen Satz geprägt, der Ihnen als Mathematiker näher liegen dürfte: Die Faszination des Schachs ist es, dass die Summe der Kathetenquadrate größer sein kann als das Quadrat der Hypotenuse. Sagt Ihnen diese Beschreibung zu?

Karsten Müller: In Bezug auf das Talzitat bin ich gespalten. Als Mathematiker sagt es mir natürlich nicht zu, denn der Satz des Pythagoras ist allgemein gültig. Als Schachspieler kann ich dem Vergleich dagegen etwas abgewinnen. Er charakterisiert Tals Stil, der stets versucht hat, chaotische Verwicklungen herbeizuführen, in denen er sich sicherer wähnte als seine Gegner. Die indische Weisheit trifft meiner Meinung nach recht gut ins Schwarze.

Und meine eigene Definition: Ordnung in das Chaos, Chaos in die Ordnung bringen, dadurch das Unbekannte bekannt machen. Trifft die in Ihren Augen zu oder daneben?

Karsten Müller: Als mathematische Definition fehlt es ihr an Exaktheit. Als Herangehensweise an Schach ist sie interessant. Ein gewisses ‚kreatives Chaos' ist bei der Entscheidungsfindung im Schach sicher hilfreich. Einige meiner Schüler mögen meinen, die Sitzungen mit mir seien das totale Chaos, aber das ist ein anderes Thema.

Welche Partie hat Sie nach den besprochenen Kriterien in der Schachgeschichte am meisten beeindruckt? Können Sie das angeben?

Karsten Müller: In Bezug auf Kriterien für Schönheit im Schach haben Levitt und Friedgood in ihrem Buch Secrets of Spectacular Chess eine Theorie entwickelt, die auf folgenden Hauptaspekten beruht: Paradoxie, Geometrie, Tiefe und Spielfluss (englisch: flow). Mir gefällt unter diesen Vorzeichen die Partie Kasparow-Topalov, Wijk aan Zee 1999, am besten. Kasparows tiefes Turmopfer 24.Txd4!! gefolgt von der langen Jagd auf Topalovs König, der von a7 bis nach e1 getrieben wird, enthält alle obigen Aspekte reichlich.

Welches Schachbuch hat auf Sie Einfluss ausgeübt?

Karsten Müller: Die Endspieluniversität von Mark Dworetsky ist in meinen Augen ein absolutes Meisterwerk.

Nun etwas ganz anderes: Im Oktober findet der Weltmeisterschaftskampf in Bonn, im November die Schacholympiade in Dresden statt. Glauben Sie daran, dass dadurch ein Schachschub in Deutschland bewirkt wird?

Karsten Müller: Ich hoffe es, aber viel wird davon abhängen, ob und wie die großen Medien das Thema aufnehmen.

Was müsste in Deutschland geschehen, um Schach einen höheren Stellenwert zu verleihen?

Karsten Müller: Obwohl das Internet eigentlich das ideale Medium für Schach ist, wäre eine höhere Popularität wohl vor allem durch Präsenz im Fernsehen zu erreichen. Auch ein deutscher Magnus Carlsen, der Schach in Norwegen einen Popularitätsschub beschert hat, bzw. ein ‚Boris Becker des Schachs' wäre hilfreich.

Wie beurteilen Sie die deutsche Nachwuchsarbeit?

Karsten Müller: In den letzten Jahren hat sich hier aufgrund der guten Arbeit von Bundestrainer Uwe Bönsch und Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler einiges getan. Insbesondere das Jugendolympiamannschafts-Konzept ist voll aufgegangen. So haben beispielsweise Sarah Hoolt und Melanie Ohme sogar den Sprung in die A-Nationalmannschaft der Damen geschafft. Dabei hat natürlich geholfen, dass die Olympiade dieses Jahr in Dresden stattfindet und Deutschland als Ausrichter zwei Mannschaften stellen darf, was für die Jugendlichen eine enorme Motivation darstellte. Es bleibt zu hoffen, dass das Konzept auch nach der Olympiade in der einen oder anderen Form fortgeführt wird.

Sie sind ein anerkannter Schachbuchautor. Auf wie viel Bücher haben Sie es mittlerweile gebracht?

Karsten Müller: Zehn, Übersetzungen nicht mitgezählt. Bei den meisten hatte ich einen oder mehrere Mitautoren.

Welcher Titel fand den meisten Zuspruch?

Karsten Müller: Fundamental Chess Endings, auf deutsch ‚Grundlagen der Schachendspiele', hat sich bisher am besten verkauft.

An welche Leserschaft richten sich die Bücher?

Karsten Müller: Das kommt darauf an. Während Grundlagen der Schachendspiele für jeden in Frage kommt, der die Regeln beherrscht, zielt beispielsweise The Magic of Chess Tactics eher auf den ambitionierten Vereinsspieler.

Was ist einfacher, Schach spielen oder Schach erklären?

Karsten Müller: Ich persönlich finde zur Zeit Schach erklären einfacher. Dann kosten meine Vorschläge nicht meine Elopunkte...

In welchem Land wären Sie am liebsten Schachtrainer?

Karsten Müller: Ich bin gerne in Deutschland.

Danke, Herr Dr. Müller, für Ihre Geduld und... das Gespräch, passt in diesem Fall nicht... für das Inter(net)-view.

Axel Dohms

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