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23.11.2014

Carlsen bleibt Weltmeister

A. Kharlovich, FIDE
Carlsen-Anand (11. und letzte Partie, Berliner Mauer)

Zugegeben, besonders kreativ ist dieser Titel nicht - z.B. Chessbase hat ihn auch mit dahinter einem Ausrufezeichen. Ich selbst verwende "!" nur bei überraschenden Ergebnissen oder (besonders) guten Zügen - beides stimmt nicht unbedingt, daher hier ohne "!".

Die Spieler waren gemein zu mir: eigentlich wollte ich mich heute nicht allzu intensiv mit Schach beschäftigen. Tagsüber war ich vor allem auf einem Musikfestival und habe da auch ein zwei Bier getrunken - mache ich sonst vor ca. 20:00 am ehesten nach Schach-Mannschaftskämpfen Samstag mittags, aber da ist dann abends kein Schach mehr angesagt! Ein Bassist, Vorname Tom, lag heute grösstenteils grippekrank im Bett und musste um 17:00 doch spielen - nun muss Thomas aktuell was zum Ende des WM-Kampfes schreiben, such is life. Zunächst werde ich die letzten drei Partien zusammenfassen, dann noch einmal das Match insgesamt plus ein bisschen Ausblick, und dann noch etwas Musik aus gegebenem lokal-aktuellem Anlass.

Tag 9: Carlsen-Anand remis

Diese Partie habe ich live gar nicht mitbekommen: Auf der Arbeit hatte ich von 13:00-14:00 eine Besprechung - zurück im eigenen Büro wollte ich 'nebenbei' kurz reinschauen und war bereits zu spät, remis durch Zugwiederholung nach weniger als einer Stunde und 20 Zügen bzw. ab dem 15. Zug. Es war eine Berliner Mauer die problemlos standhielt. Wer profitierte mehr von diesem Ergebnis? Anand, der Carlsens Weissaufschlag neutralisierte, oder Carlsen der im Match weiter in Führung blieb? Im Nachhinein ist man geneigt zu sagen "Carlsen", das ist allerdings im Nachhinein.

9. Partie nachspielen

Tag 10: Anand-Carlsen remis

Diese Partie war länger und gehaltvoller. Anand begann wie immer (jedenfalls in diesem Match) mit 1.d4, Carlsen verteidigte sich wie in der ersten Partie Grünfeld-Indisch. Eine nette Überraschung für den Livekommentator, Grünfeld-Profi Peter Svidler, und für mich selbst - der ungefähr seit genauso vielen Jahren Grünfeld spielt, wenn auch weniger Partien auf etwas niedrigerem Niveau. Ob Anand überhaupt überrascht war und wenn ja wie weiss nur er selbst. Jan Gustafsson vermutete im Video, dass Carlsen "notgedrungen" zum Plan B Grünfeld-Inder zurückkehrte, da er seine Probleme nach 1.d4 Sf6 2.c4 e6 nicht lösen konnte. Das ist eine grossmeisterliche Meinung, die ich nicht unbedingt teile - nicht nur weil Carlsen in der 8. Partie im Damengambit keine Probleme hatte. Grünfeld-Indisch kann zu zweischneidigen Stellungen führen, in denen Schwarz eventuell auch auf Gewinn spielen kann, z.B. wenn Weiss den Bogen überspannt. Da hätte(n) Carlsen (und seine Sekundanten) nichts dagegen einzuwenden!? Wie dem auch sei, im gesamten Match was Carlsens Eröffnungswahl mit Schwarz berechenbar unberechenbar.

Anand wählte die "russische Variante" mit 4.Sf3 Lg7 5.Db3, Carlsen das Abspiel mit (5.-dxc4 6.Dxc4 0-0 7.e4) 7.-Sa6. Das ist die letzten Jahre etwas aus der Mode geraten, wurde aber - Zufall oder nicht - gerne von Kasparov gespielt. Beide bekamen was sie vielleicht beide wollten: eine zweischneidige Stellung, auch nach dem Damentausch im 18. Zug. Anand stand lange tendenziell besser - auch Grünfeld-Guru Svidler (der allerdings nicht diese Variante spielt und empfiehlt) bevorzugte die weisse Stellung. Anand hatte mehrfach die Qual der Wahl zwischen mehreren attraktiven Fortsetzungen und traf vielleicht nicht immer die richtige Entscheidung. Nach 24.Td2?! (24.a3 oder das Bauernopfer 24.Te1) war der Vorteil dahin, wenig später war 28.Lxb7 bereits eine Remisabwicklung. Zwei Dinge könnten dabei eine Rolle gespielt haben: Anands Zeit wurde bereits knapp, und die Partie könnte möglicherweise - angesichts der schwarzen Bauernmehrheit am Damenflügel - auch kippen. Eine verpasste Chance für Anand? Vielleicht - wenn er zuvor anders gespielt hätte, dann hätte er sicher nicht 'automatisch' gewonnen. Allerdings waren seine Gewinnchancen womöglich reeller als in der 5. Partie unter ansonsten ähnlichen Vorzeichen: ebenfalls recht früher Damentausch und ein für Weiss (Anand) besseres Endspiel.

10. Partie nachspielen

Tag 11: Carlsen-Anand 1-0

Vor der Partie wurde spekuliert, ob Anand mit Schwarz etwas riskieren würde, oder erst in der 12. und letzten Partie (mit klassischer Bedenkzeit) wiederum mit den weissen Figuren. Zunächst lief die Partie nach der Davise "Berliner Mauer, kein Risiko" - allerdings wanderte Anand diesmal (im Gegensatz zur 7. und 9. Partie) mit seinem König zum Damenflügel (11.-Kc8, später 16.-Kb7) was womöglich bereits etwas ehrgeiziger und zweischneidiger ist. Mit 23.-b5!?! übernahm Anand die Initiative, warum er allerdings mit 27.-Tb4 eine Qualität opferte weiss nur er selbst (bzw. er wusste es hinterher auch nicht). Einige Kompensation hatte er, aber nicht genug. So lief diese Partie wohl nur, weil Anand einen Rückstand im Match aufholen musste - daher blende ich sie bei der Analyse des gesamten Matches aus. Danach gewann Carlsen, und Anand nannte sein Qualitätsopfer hinterher "a bad gamble that was punished".

11. Partie nachspielen

Damit bin ich bereits bei der, bzw. den anschliessenden Pressekonferenzen, diesmal gab es separate für Anand und Carlsen. Anand sprach von einem verdienten Matchsieg für Carlsen, da er seine Nerven besser im Griff hatte. Die erste Journalistenfrage war, ob Anand nun seinen Rücktritt vom Turnierschach erwägen wurde - nach zwei Sekunden Bedenkzeit kam Vishys lachende Antwort "Nein". Etwa genauso lang dauerte es bis zu spontanem Applaus aus dem Saal. Etwas später die Frage "How do you think this match will be remembered?" - Anand: "I have no idea". Am Ende dieser Pressekonferenz wiederum Applaus, vermutlich für Anand.

Die zweite Pressekonferenz begann - natürlich - mit Applaus für Carlsen, der nach eigener Aussage "glücklich und erleichtert" war, ohne unbedingt Triumphgefühle zu verbreiten. Eher war er froh, dass die 12. Partie nicht mehr gespielt wird. Danach fand ich keine interessanten Momente in dieser Pressekonferenz, liegt vielleicht an mir.

Zum Match insgesamt: Wie, wenn überhaupt, wird es in die Annalen eingehen? Anand hatte diese Frage bereits nicht beantwortet, ich weiss es auch nicht. Am ehesten vielleicht für den Doppelfehler in der sechsten Partie. Das gab es zwar, wie im letzten Bericht erwähnt, bereits im Match Kramnik-Topalov - aber damals hatte Team Topalov hinterher eine andere Idee um Schachgeschichte zu schreiben .... . Was hat Carlsen richtig gemacht? Er hat gewonnen. Was hat Anand falsch gemacht? Manche sagen wohl, er hätte in der 5. und 10. Partie mehr versuchen müssen. Der Knackpunkt waren aber aus meiner Sicht die Partien, die er verlor - in der 2. Partie verlor er irgendwann den Faden, in der 6. Partie war (unabhängig vom späteren Doppelfehler) die Eröffnungswahl fragwürdig. Wenn wir schon bei Eröffnungen sind: Diesmal war Carlsen insgesamt besser vorbereitet - nicht unbedingt besser als Anand, aber besser als bisher Carlsen. Allerdings erst im Laufe des Matches. Die ersten vier Partien waren da eher durchwachsen, dann haben die Sekundanten offenbar hart gearbeitet und Carlsen hat ihnen zugehört.

Vor einem Jahr - nach Anand-Carlsen in Chennai - konnte man vielerorts zwei Dinge lesen: 1) Carlsen wird die Schachwelt nun für viele Jahre dominieren. 2) Anand ist erledigt - er darf/soll/muss nun vom Turnierschach zurücktreten. Beides erscheint diesmal unangebracht - Punkt 1) nicht nur weil z.B. Caruana zwischenzeitlich enorme Fortschritte machte, auch Carlsen gewann ohne unbedingt zu glänzen. Ob er in Chennai glänzte? Damals tat er, was nötig war um einen indisponierten Anand klar zu besiegen. Punkt 2), siehe z.B. die Reaktion der Journalisten in Anands Pressekonferenz.

Doch ein Moment aus Carlsens Pressekonferenz: Die Frage "Wer wird Dein/Ihr nächster WM-Gegner?" wollte er nicht beantworten. Keiner hatte damit gerechnet, dass Anand sich ein Rematch verdienen würde - ein Sieg Anands im nächsten Kandidatenturnier 2016 wäre sicher noch überraschender als der im Frühjahr 2014. Wer stattdessen? Abwarten ... durchaus möglich bis wahrscheinlich, dass Carlsen einen relativ jungen Gegner vorgesetzt bekommt - zumal Kramnik und Aronian beim nächsten Kandidatenturnier vielleicht gar nicht dabei sind (beide haben auf die GP-Serie verzichtet).

Zum Abschluss ein musikalischer Exkurs - schon um den Lesern etwas zu bieten was sonst sicher nirgendwo erwähnt wird. Dieses Lied habe ich vor ein paar Stunden live gehört, die Leser finden es auch auf Youtube. Es geht natürlich nicht um Anand, stattdessen ist es eine Liebesgeschichte ohne happy end. Aber einige Textpassagen passen irgendwie:

But if you go and leave me
I'll try to catch you if I can
But if you stay with me
This game will start again. .......
It goes on and on and on and on ......
And is this where it ends?
Yes this is where it ends.

Das Ende des WM-Matches und dieses Artikels, nicht das Ende von Anands Karriere.

DSB-WM-Seite

Thomas Richter

// Archiv: Nachrichten Thomas Richter // ID 19161

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