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21.09.2015

Ein Wegbereiter der modernen Schachtheorie

Frontispiz Handbuch vierte Auflage 1864

Zum 200sten Geburtstag von Paul Rudolf von Bilguer

Von Michael Negele

Das Erscheinen des Handbuches des Schachspiels im Jahr 1843, also einer geordneten Zusammenstellung des darüber angesammelten Wissens, sollte dessen Initiator nicht mehr erleben dürfen. Seine Monographie Das Zweispringerspiel im Nachzuge (Berlin 1839) hatte Paul Rudolf von Bilguer (*21.September 1815) ausschließlich auf die Bearbeitung von 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 ausgerichtet. Das Titelblatt war mit „Zur Theorie des Schachspiels“ überschrieben; vielleicht schwebte dem Autor damals eine Serie ähnlicher Abhandlungen vor, das dem Vorwort entnommene Zitat bietet Anlass zu solcher Annahme.

Zum Bild: Die Lithographie von A. Schieferdecker (Leipzig) zeigt Paul Rudolf von Bilguer idealisiert in Uniform. Diese beruht auf einem Ölbildnis Bilguers, von Fischer in Schwerin 1837 gemalt.
Folgt man seinem Freund Tassilo von Heydebrand und der Lasa, hatte der Offizier „lebhaft blaue Augen, röthliches Haar und starken Bart“.

Bilguers bahnbrechendes Werk basierte letztlich auf der strittigen Variante 4.Sg5 d5 5.exd5 Sxd5 6.Sxf7 und war „ (…) für den schon geübteren Spieler (…) bestimmt. Es behandelt nicht, wie die gewöhnlichen Lehrbücher, alle Spieleröffnungen, sondern nur eine einzige, diese aber möglichst erschöpfend. (…) Er fand meistens, dass die Schriftsteller ihre Meinung dadurch motivirten, dass sie den Spieler, gegen welchen ihr Urtheil gerichtet war, in den von ihnen ausgeführten Spielen nicht immer die stärksten Züge thun liessen, oder dass sie Spielarten, die ihm ein günstigeres Resultat lieferten, gänzlich wegliessen: beide Fehler hat der Verfasser nach seinen besten Kräften zu vermeiden versucht. Höchst angenehm würde es ihm sein, wenn gute Spieler auf ähnliche Art ihre Erfahrungen über irgendein Spiel veröffentlichten.“ Bilguer bündelte die Praxiserfahrung und schuf folglich einen „Inbegriff ... von praktischen Regeln“, die „in einer gewissen Allgemeinheit gedacht werden“.
Der hochtalentierte und belesene Autor stammte aus Mecklenburg, er kam in Ludwigslust zur Welt. Sein Vater August Louis von Bilguer war damals Hauptmann der dortigen Garnison, später dann Oberst und Stadtkommandant von Güstrow, seine Mutter Luise war eine geborene von Hahn-Charlottenthal. Vier Geschwister, darunter ein älterer Bruder, haben ihn alle überlebt.
Der ungewöhnlich begabte Paul Rudolf wurde ab 1829 am Pageninstitut in Schwerin ausgebildet. Auf Drängen seines Elternhauses war der 18jährige, der Jura studieren wollte, als Offiziersanwärter beim preußischen 24. Infanterieregiment in Neuruppin eingetreten. Der militärische Drill erfüllte den jungen Offizier wenig, so war es für ihn ein Segen, ab Herbst 1837 zur Kriegsschule in Berlin abkommandiert zu werden. Hier fand er zur Berliner Schachgesellschaft und konnte sich im praktischen Spiel, aber auch in der Analyse verbessern. Von Bilguer gehörte jener Gruppe Berliner Meisterspieler an, die später als die Plejaden (Siebengestirn) bezeichnet wurden: Ludwig Bledow, Wilhelm Hanstein, Bernhard Horwitz, Carl Mayet, Karl Schorn und Tassilo von Heydebrand und der Lasa. Seine praktische Begabung im Schach war hoch, er konnte drei Partien blindsimultan spielen, was damals noch als Extremleistung galt. Doch mit großer Vorliebe widmete sich von Bilguer der Analyse von Eröffnungsvarianten.
Stets von schwächlicher Gesundheit erkrankte der junge Leutnant an Tuberkulose, er kehrte zu seiner Garnison zurück und musste im April 1839 den Dienst quittieren. Von Bilguer begab sich erneut nach Berlin, „um sich ausschließlich mit dem Schachspiel und der Literatur zu beschäftigen. Namentlich waren es, außer seinem Zweispringerspiel, Kritiken neu erschienener Werke über verschiedene Gegenstände, und größere belletristische Aufsätze, welche er anonym in Journalen bekannt machte.“ (Vorwort zum Handbuch von 1843). Im Sommer 1840 erblindete der Schwerstkranke nahezu, am 16.September 1840, kurz vor Vollendung des 25.Lebensjahres, ging ein kurzes, in weiten Teilen wohl unglückliches Leben zu Ende. Die Titelseite von Bilguers Partieheft lässt kaum einen anderen Schluss zu.

Dieser Hinterlassenschaft nahm sich der drei Jahre jüngere von der Lasa (*1818) an und setzte Bilguers Arbeiten in unnachahmlich gründlicher Weise fort. Aufschlussreich ist ein Beiblatt der seltenen Widmungsausgabe des Handbuches, der die Haupt-Autorenschaft von der Lasas deutlich macht: „Meinen Freunden. Vorliegender Band, der zum Andenken meines verstorbenen Freundes unter Bilguers Namen erscheint, enthält die Erfahrungen, welche ein aufmerksames Studium der Schriftsteller und namentlich eine mehrjährige Uebung im Spielen mit den Meistern Berlins mich machen liessen. Ich wünsche um so mehr, dass die Arbeit bei den Kennern eine günstige Aufnahme finde, als ich vermuthlich selten Gelegenheit haben werde, mich fernerhin mit dem Schach zu beschäftigen, und ich daher auf das Werk gern als auf ein gelungenes Ergebnis meiner Bemühungen möchte sehen dürfen. Zu meiner vollkommenen Beruhigung würde es aber gereichen, wenn selbst meine gelehrten Freunde dies Buch für ihr Studium ergiebig betrachten wollten, und sie mir wenigstens mit des Tullius Worten zu sagen erlaubten: “Ad docendum parum, ad impellendum satis“. [Zur Unterweisung zu wenig, als Anregung genügend.]
Weise Worte des 25jährigen Diplomaten-Anwärters, der sich in der offiziellen Ausgabe bescheiden im Hintergrund hielt und das Vorwort bewusst im Plural schloss: „Sollten unsere Bestrebungen, wie wir hoffen, den Schachfreunden nicht unwillkommen sein, und wir einigen Dank von ihnen erwarten können, so theilen wir denselben hier im Voraus gleichmäßig mit unsern Freunden, den Herren Bledow, Hanstein. Jaenisch, Mayet, von denen wir bei unserer langwierigen Arbeit beharrlich unterstützt worden sind. Zugleich wollen wir aber auch den Herren Kieseritzky und Alexandre in Paris, so wie den Herren Lewis und Staunton in London für ihre gefälligen Mittheilungen interessanter Notizen hiemit öffentlich danken.“

von Bilguer,Paul Rudolf - von Heydebrand und der Lasa,Tassilo [C44]

Berlin, 1839
Von Bilguer und von der Lasa spielten zwischen Herbst 1837 und 1840 in Berlin zahllose Partien, die zum Teil Analysencharakter zu haben scheinen. Der kanadische Mathematiker und Schachmeister Prof. Nathan Divinsky (*1925 †2012) arbeitete bis kurz vor seinem Ableben an einer Partiesammlung von der Lasas. Das mir vorliegende Manuskript enthält 29 Partien und neun Fragmente, die Bilanz lautet +21/=6/-11 zugunsten des in der folgenden Partie Unterlegenen.

Ein nahezu modern anmutender Partieverlauf auf hohem Niveau.


Wesentliche Informationen stammen aus Tassilo von Heydebrand und der Lasa: Paul Rudolph v. Bilguer. In: Schachzeitung, Mai 1864, S. 132–135.
Ihr Autor bevorzugt die Schreibweise des Vornamens mit f, verwiesen sei auf O[tto] Koch: Paul Rudolf v. Bilguer geboren am 21. September 1815 gestorben am 16. September 1840. Ein Lebensbild zur Feier seines hundertsten Geburtstags gezeichnet nebst einer Auswahl aus den von ihm gespielten Partien. Verlag von Hans Hedewig’s Nachfolger, Leipzig 1915.

Dr. Michael Negele

Dr. Michael Negele wurde als führender Fachmann nach dem Kongress in Halberstadt vom DSB-Präsidium als "Beauftragter für Schachgeschichte und Schachkultur" gewonnen und ernannt. Damit soll das Schließen schmerzlicher Lücken begonnen werden, denn Schach ist mehr als ein Sport. Das Herannahen des Lasker-Jahres 2018 motiviert uns unter anderem dazu, an die großen Pioniere des deutschen Schachs im 19.Jahrhundert zu erinnern und fast vergessene Abschnitte deutscher Schachgeschichte aufzuarbeiten. Bei diesem Anliegen ist Dr. Michael Negele für uns ein Partner von unschätzbarem Wert.

Herbert Bastian
DSB-Präsident

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// Archiv: DSB-Nachrichten // ID 20231

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