Nach oben
25.05.2016

Lasker-Monographie bekommt gleich drei Nachfolger

Café Sibylle
Frank Hoppe
Café Sibylle in der Berliner Karl-Marx-Allee

Laskertreff mit dem Schachhistoriker Michael Negele

Am 20. Mai hatte die Emanuel Lasker Gesellschaft (ELG) zu ihrem bereits traditionellen Laskertreff in das geschichtsträchtige Café Sibylle in der Berliner Karl-Marx-Allee eingeladen. Als Gesprächspartner vom ELG-Vorsitzenden Paul Werner Wagner stehen prominente Schachpersönlichkeiten auf der Gästeliste. In der Vergangenheit waren das u.a. Edmund Budrich, Hans-Joachim Hecht, Uwe Bönsch oder Sieghart Dittmann. Diesmal stand Dr. Michael Negele, 59-jähriger DSB-Beauftragter für Schachgeschichte und Schachkultur, auf Wagners Einladung.

Negele sollte allerdings nicht aus seiner Schachkarriere erzählen, sondern einen "Statusbericht zur Neuausgabe der Lasker-Monografie" abgeben. Die rund ein Dutzend Zuhörer, darunter der extra aus Zörbig angereiste Konrad Reiß, Leiter des Löberitzer Schachmuseums, mußten allerdings über eine Stunde auf die Hauptperson des Abends warten. Negele war in den Abgründen des Berliner Verkehrs abgetaucht. Erst wollte die U-Bahn nicht fahren, dann warf ihn der entnervte Taxifahrer zwei Kilometer vor dem Ziel aus dem Auto. Straßensperrung wegen des Laskertreffs? Nein, wegen eines Elektroautorennens am Tag danach.

Doch nicht nur Michael Negele bekam die Unwägbarkeiten vom Großstadtverkehr zu spüren. Auch einige der Zuhörer und Zuschauer trafen später ein. Genug Gelegenheit für Paul Werner Wagner aus Lasker's in englischer Sprache 1940 in New York erschienenem Werk "The Community of the Future" ein paar von ihm ins Deutsche übersetzte Abschnitte vorzulesen. Das Buch hatte Wagner einst für einen hohen Betrag ersteigert. Bei AbeBooks findet man zwei Exemplare dieses Werkes für einen Preis ab 1.630 Euro!

Während der kurzen Lesung kam natürlich auch die Frage auf, warum das wertvolle Stück nicht im Löberitzer Schachmuseum von Konrad Reiß steht. Wagner verwies auf seine eigene Sammelleidenschaft und die Erweiterung seiner Privatbibliothek. Löberitz, hier machte Wagner seine ersten Schachschritte, kann dafür noch mit einem weit wertvolleren Werk punkten. 1616 brachte August der Jüngere unter dem Pseudonym Gustavus Selenus das erste deutschsprachige Schachlehrbuch "Das Schach- oder König-Spiel" heraus. Reiß hat ein noch sehr gut erhaltenes Exemplar in seinem Besitz.

Das Urgestein der SG 1871 Löberitz und Wagner kennen sich seit frühester Jugend. Vom 17. bis 19. Juni feiert sein Verein das 145-jährige Jubiläum. Diese Tradition wird zu jedem durch fünf teilbaren Jahrestag vollzogen. 2016 findet wieder ein Ehrenpreisturnier mit sechs prominenten Spielern statt. Die ehemaligen WM-Kandidaten Dr. Robert Hübner und Jan Timman sind dabei, ebenso Vorjahressieger Alexander Naumann. Daneben treten noch Lettlands Finanzministerin Dana Reizniece-Ozola (die Großmeisterin ist Nr. 2 unter Lettlands Frauen), DSB-Präsident Herbert Bastian und Manfred Schöneberg an.

Mehr Informationen bei der SG 1871 Löberitz

Michael Negele

Der 59-Jährige wurde in Trier geboren, ist promovierter Chemiker und arbeitet bei einem großen deutschen Pharmakonzern. Sein Beruf bringt es mit sich, das er oft durch Deutschland reist und hier insbesondere zwischen Berlin und Leverkusen bzw. Wuppertal pendelt.

Seit dem 14. Lebensjahr beschäftigt sich Negele mit Schach. Das tut er sowohl als begeisterter Spieler als auch an Geschichte interessierter Mensch. Seine Schachsammlung umfaßt inzwischen wohl mehr als 10.000 Exemplare. 2003 gründete er mit befreundeten Schachhistorikern die Ken Whyld Association. Wagner, der 2003 beim Arbeitstreffen der Gruppe Königstein und der Emanuel Lasker Gesellschaft im Palais am Festungsgraben in Berlin, mit dabei war, lernte damals Kenneth Whyld persönlich kennen. Einer der wohl bedeutendsten Schachhistoriker der Neuzeit starb nur wenige Monate später im Alter von 77 Jahren.

Im Januar 2001 war Michael Negele Teilnehmer der Lasker-Konferenz in Potsdam. Er gehörte damals noch nicht zu den Rednern und machte immer wieder durch Nachfragen auf sich aufmerksam. Wagner hatte damals die "bedeutsamste Schachveranstaltung in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg" (André Schulz/ChessBase) initiiert. Er war erstaunt welche Kapazität sich dort unter den Zuschauern befand und wenn er Negele früher kennengelernt hätte, hätte er ihn als Redner mit einbezogen.

Michael Negele "gilt ein unendlicher Dank", so Wagner weiter, daß er die Arbeit an der Lasker-Monographie übernommen hat. Und als ob das noch nicht reichen würde, hat Negele bereits nach weiterem Material zu Lasker geforscht und arbeitet derzeit an einem gar dreibändigem englischsprachigen Werk, welches zum Laskerjahr 2018 erscheinen soll.

Die Lasker-Monographie

lasker-gesellschaft.de

2009 erschien das epochale Werk im Exzelsior-Verlag von Raj Tischbierek. Neben den drei Herausgebern Richard Forster (Schweiz), Michael Negele und Stefan Hansen von der mitfinanzierenden Werbeagentur Dorland waren 25 Autoren an dem über 1.000 Seiten und 3½ Kilo schwerem Band beschäftigt.

Dem Erscheinen waren viele Jahre harter Arbeit vorausgegangen und die Finanzierung des Projektes mußte geklärt werden. Im Jahr 2005 gab es erste Ideen für das Buch. Vorbild war das fast 1.000-seitige Werk von Richard Forster über das englische Schachgenie Amos Burn.

Das Laskerbuch-Projekt sollte ursprünglich bereits viel früher als 2009 beendet werden. Die Verzögerung entstand durch verschiedene Autoren, die ihre Kapitel nicht rechtzeitig ablieferten oder währenddessen sogar absprangen. "Eine traurige Sache" (Negele) dabei war das Streichen der biographischen Abhandlung, da der dafür vorgesehene Autor sich wegen privater Umstände nicht mehr in der Lage sah, etwas abzuliefern. Dieser Zeitpunkt trat so ungünstig ein, das kein Ersatz mehr gefunden werden konnte. Der fehlende biographische Hintergrund ist für Negele mit ein Grund, die Neuausgabe der Monographie in Angriff zu nehmen. Negele: "Trotzdem: Ende gut alles gut. Wir waren alle ganz stolz, als das Buch da war."

Zum Kernteam (2006 - 2009) gehörten Richard Forster als Chefredakteur, Stefan Hansen für Finanzierung und Bildbearbeitung, Ralf Binnewirtz als Technischer Redakteur, Ulrich Dirr als Layouter und Michael Negele.

Mit einem Jahr Verzögerung (geplant war ursprünglich die Präsentation während der Schacholympiade 2008 in Dresden) wurde das Buch im November 2009 in Wolfenbüttel der Öffentlichkeit vorgestellt. Dort fanden die ersten Exemplare bereits einen reißenden Absatz. Und das bei einem stolzen Preis von 114 Euro. Wobei der Erstausgabepreis einige Zeit unter 100 Euro lag. Viel zu wenig für solch ein umfangreiches Buch, meint Negele.

Die Lasker-Monographie erschien mit einer Auflage von rund 1.200 Exemplaren. Geplant waren zwar 1.400 Stück (Negele wünschte sich 2.000), doch die Druckerei hatte sich beim Papier verkalkuliert. Auch wenn das Papier gereicht hätte, wäre die Monographie heute wohl vergriffen. Auf dem Zweitmarkt wird es bereits mit Preisen ab 250 Euro (Negele) gehandelt. Ganz weit über das Ziel hinaus schießen die US-Amerikaner. Bei AbeBooks wird ein Exemplar für fast 4.600 Euro angeboten. Muß sich nur noch ein Käufer finden, der diesen Preis zahlen möchte.

Lasker-Nachlaß

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Emanuel Lasker in den Vereinigten Staaten. Dort wurde er vor dem Ersten Weltkrieg richtig populär und war angeblich nach Kaiser Wilhelm der zweitbekannteste Deutsche, so Negele. Wohl mit ein Grund, weshalb der Nachlaß Lasker's in den USA sehr begehrt ist. So machte sich mit David DeLucia "ein bedeutender Nichtunterstützer" (Negele) um die Arbeit an der Lasker-Monographie "verdient". Der Millionär hat die größte Sammlung über Emanuel Lasker weltweit und hortet mittlerweile zwei Drittel des Lasker-Nachlasses. Das zweite Drittel hatte er dem New Yorker Antiquar David Lowenherz vor einigen Jahren abgekauft. Lowenherz hatte dafür 650.000 US-Dollar gefordert. DeLucia hat wahrscheinlich weit weniger dafür hinblättern müssen, wie Negele vermutet. Das Schachmuseum in St. Louis ("World Chess Hall of Fame"), welches ein Drittel des Nachlasses besitzt, bezahlte 60.000 US-Dollar für "Altpapier" (Negele), was DeLucia nicht interessierte. Der Millionär hatte sich zuvor alles was ihn interessierte gekauft, dabei aber auch für Schachhistoriker wertvolle Stücke ignoriert, wie z.B. ein unvollständiges Reiseschachspiel.
Den ersten Teil des Lasker-Nachlasses hatte DeLucia übrigens seinem Landsmann Jeff Kramer abgekauft. Einen Einblick in seine Sammlung gewährt DeLucia höchst selten, geschweige denn wollte er das Lasker-Projekt unterstützen. "Es verliert dann an Wert" sagte er einmal gegenüber Negele.

Die Lasker-Monographie II

Seit 2015 arbeitet Michael Negele mit einem teilweise geändertem Autorenteam an der neuen dreibändigen Ausgabe. Alle Bände erscheinen ab 2018 bis 2020 in englischer Sprache. Negele: "Der deutsche Markt ist einfach zu klein."
Bereits für die erstmals 2009 aufgelegte Monographie sollte eine englischsprachige Ausgabe folgen. Das Projekt erledigte sich, nachdem festgestellt wurde, das bereits viele neue Erkenntnisse über Lasker hinzugekommen sind und die Kosten für die Übersetzung rund die Hälfte der Gesamtkosten von 100.000 Euro verschlingen würde.

So wurde die Idee einer neuen Monographie geboren, die wie folgt aufgebaut sein soll:

  • Band 1 enthält den großen Schachteil, der mit dem Weltmeisterschaftskampf 1921 gegen José Raoul Capablanca abgeschlossen wird. Der Band enthält "nicht allzu viel Neues" (Negele) und deckt sich inhaltlich mit diesem Zeitabschnitt in der Erstausgabe.
  • In Band 2 geht es um Laskers Beschäftigung mit anderen Spielen, Spieltheorien und philosophische Betrachtungen.
  • Band 3 widmet sich wieder dem Einstieg in das Schachspiel ab 1934, seinem Aufenthalt in der Sowjetunion und dem Schreiben anderer Literatur wie "The Community of the future".

Die Auflage soll bei etwa 3.000 liegen, der Seitenumfang je Band bei 500.

Beim Forschen in Lasker's Leben werden zwar viele Fragen beantwortet, aber es kommen immer wieder neue Fragen hinzu. In seinem Vortrag stellte Negele gleich einen ganzen Katalog von Fragen vor. Hier ein kleiner Auszug:

  • Offene Punkte in der Genealogie
  • Wann kam Immanuel (sein ursprünglicher Vorname) exakt nach Berlin (1879)?
  • Wo lebte er? (Angeblich bei einem Schneider)
  • Weshalb entwickelte er sich zum Schulversager?
  • Wann lernte er Anton Levy kennen?
  • Spielte Berlin 1881 eine Rolle für Lasker's Schachentwicklung?
  • Erneute Recherche zur Schulzeit
  • Lehre bei einem Drogisten (1884) - wo?
  • Frühe Schachpartien (1885) - Café Royal
  • ...

Fragen über Fragen. Wünschen wir Michael Negele und seinem Team bis zum Redaktionsschluß der Bände noch einige Antworten zu finden.

Nachfolgend ein umfangreicher, aber nicht kompletter Mitschnitt vom Laskertreff.

0/5 Sterne (0 Stimmen)

// Archiv: DSB-Nachrichten // ID 20975

Sie müssen sich anmelden, wenn Sie diesen Artikel kommentieren wollen.
Haben Sie Nachrichten für uns? ist die richtige Adresse!

Zurück

x