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21.11.2016

Schachabenteuer in China

O. Breitschädel
4. Qi Culture Conference in Hangzhou


Liebe Schachfreunde,

heute erreichte uns ein Bericht von Dr. Oliver Breitschädel vom SV Reutlingen, der nach China reiste auf den Spuren des Xiangqi (chinesisches Schach). Sein Vortrag im heimischen Schachverein wurde sehr interessiert und positiv aufgenommen, so dass wir seinen schriftlichen Bericht auch unseren Website-Besuchern nicht vorenthalten wollen und sagen:

Viel Spaß beim Lesen!

O. Breitschädel
Die Xiangqi-Gruppe Stuttgart im Foyer des Tianyuan Hotels

Die Xiangqi-Gruppe Stuttgart bemüht sich bereit seit vielen Jahren um die Verbreitung der chinesischen Kultur in Stuttgart und weit über Stuttgart hinaus. Insbesondere geht es dabei um die Verbreitung des Xiangqi, dem chinesischen Ableger unseres Schachs.

Vom 21. bis 23. Oktober 2016 fand in Hangzhou die 4. Hangzhou International Qi Culture Conference statt. Die Qi Culture Conference beschäftigt sich mit der Historie und der Entwicklung chinesischer Brettspiele, insbesondere dem Xiangqi (chinesisches Schach) und dem Weiqi (Go), berücksichtigt aber auch das westliche Schach. Einer Einladung der Organisatoren folgend fuhren die Stuttgarter Norbert Wagner, Oliver Breitschaedel und Ge Wang nach Hangzhou, um über die Xiangqi-Kultur in Deutschland zu berichten und neue Kontakte in China zu knüpfen. Einmal in Ostchina angekommen, besuchten die Stuttgarter noch weitere Schachfreunde in Wuxi und Shanghai.

Die 9 Millionen Einwohner Stadt Hangzhou liegt ca. 180 km südwestlich von Shanghai. Sechs Wochen zuvor war Hangzhou Gastgeber der G20-Konferenz und präsentierte sich den Freunden der Qi-Culture von ihrer schönsten Seite. Die Konferenz fand in dem Themenhotel Tianyuan Tower Hotel statt, direkt am Qiantang-Fluss gelegen. Das Hotel stellte dabei nicht nur die Konferenzräume zur Verfügung, sondern war in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Alles in dem Hotel hat mit dem Thema Go, Xiangqi oder Schach zu tun. Auf den Gängen sind zahlreiche Vitrinen mit Go- und Schachutensilien ausgestellt. An den Wänden und in den Zimmern hängen Go- und Schachbilder. Ferner befinden sich eine Go-Bibliothek, sowie ein sehenswertes Schach- und Go-Museum im Hotel. Auf uns wirkte das gesamte Hotel wie ein umfangreiches Museum.

Schwerpunkt der Konferenz war das Thema künstliche Intelligenz. Nach dem Sieg des Computerprogramms AlphaGo über den südkoreanischen Weltklassespieler Lee Sedol im März dieses Jahres war AlphaGo und Go-Computersoftware im Allgemeinen in aller Munde. Im Bezug auf Computersoftware hat man derzeit im Go eine vergleichbare Situation wie im Schach 1996. Es wurden daher auch historische Bezüge zum Match Kasparow gegen Deep Blue hergestellt.

Die Stuttgarter Norbert Wagner und Ge Wang haben vor den 140 Teilnehmern über den Zusammenhang von Xiangqi-und Teekultur in Deutschland berichtet. Xiangqi und Tee sind enger miteinander verwoben als man auf den ersten Blick denken mag. Beides hat seinen Ursprung in China und die Verbreitung der chinesischen Teekultur in Deutschland hilft auch Xiangqi in Deutschland populär zu machen. Bei der Xiangqi-Weltmeisterschaft 2015 in München wurden alle Teilnehmer kostenlos mit grünen Tee versorgt.

Oliver Breitschaedel hat über die Schwierigkeiten von Anfängern beim Erlernen von Shogi und Xiangqi referiert. Dabei hat sich gezeigt, dass die chinesischen Schriftzeichen (Kanjis) auf den Figuren eine große Hemmschwelle beim Erlernen dieser fantastischen Spiele darstellt.

Xiangqi-Turnier in Wuxi

Wenn man schon mal in China ist, möchte man natürlich möglichst viel sehen: fremde und hochmoderne Städte, viele Sehenswürdigkeiten und auch noch das ein oder andere Schach-Turnier. 

Vor der Hangzhou Konferenz haben wir in Wuxi ein Tandem-Xiangqi-Turnier der ganz besonderen Art besucht.

Wuxi liegt ca. 200 km nördlich von Hangzhou direkt am Tai Hu gelegen. Der Tai Hu See ist Chinas drittgrößter Binnensee. Vom 17. bis 19. Oktober fand in Wuxi ein Paarturnier statt, bei dem je ein chinesischer Spitzenspieler mit einem Amateur zusammen in einem Zweierteam gespielt hat. Als Ehrengäste wurden, neben der Xiangqi-Gruppe Stuttgart, die 16 stärksten chinesischen Großmeister eingeladen, quasi die komplette Xiangqi-Weltspitze. Diese haben selbst nicht mitgespielt, standen aber für Analysen, Unterhaltungen und Fotoshootings jederzeit zur Verfügung. Bei der Abschlusszeremonie dieser Veranstaltung durften alle Meisterspieler 16 Karaffen mit Reiswein signieren. Die Karaffen wurden versiegelt und werden erst in 30 Jahren wieder geöffnet.    

Xiangqi-Turnier in Shanghai

Natürlich haben wir auch einen Abstecher nach Shanghai gemacht. Am 23. Oktober fand im Stadtteil Lingang New City („Shanghai Harbour City“, eine seit 2003 im Bau befindliche Planstadt)  im Südosten Shanghais ein Xiangqi Mannschaftsturnier statt. Die Mannschaften kamen alle aus dem Großraum Shanghai. Eine Mannschaft besteht dabei aus 4 Spielern, für die gesamte Partie hat jeder Spieler 35 Minuten Bedenkzeit. Schreibpflicht besteht bei dieser Bedenkzeit nicht, so dass das Turnier sehr an ein Schnellschachturnier im westlichen Schach erinnert hat.

Shogi-Shanghai

Shogi ist der japanische Ableger unseres Schachs. In Shanghai arbeitet Chinas bekanntester und erfolgreichster Shogi-Trainer: Xu Jiandong. Zuvor hat er viele Jahre in Japan gelebt und dort das Shogi-Spiel kennen und schätzen gelernt. Nach seiner Rückkehr 1995 nach Shanghai hat er sich dazu entschlossen eine Shogi-Schule zu eröffnen. Mit 6.000 Mitgliedern ist dies mit Abstand Chinas größter und bekanntester Shogi-Verein. Es ist auch der größte Shogi-Verein außerhalb Japans. Chinesen haben allerdings beim Erlernen von Shogi einen großen Vorteil gegenüber Nicht-Chinesen. Durch die Kanjis auf den Shogi-Spielsteinen (Koma), wirkt das Spiel für Chinesen viel vertrauter. 

Abschließend haben wir in Shanghai ein Buchladen aufgesucht, um mal zu schauen, was es so an Schachbüchern gibt. Und in der Tat gibt es Schach-, Shogi-, Xiangqi- und Go-Bücher en masse. Da Bücher in China relativ günstig sind, haben wir uns ordentlich mit Literatur eingedeckt. Jetzt brauchen wir nur noch einen Übersetzer.  

Wer mehr über die chinesischen Kultur erfahren möchte, ist im Tai Chi-Teehaus in Stuttgart jederzeit herzlich willkommen. Spielmaterial (Xiangqi, Shogi, Go) ist vorhanden. Die Xiangqi-Gruppe Stuttgart trifft sich jeden Dienstag ab 18 Uhr.

Links

  • Xiangqi-Weltmeisterschaft 2015 in München

http://de.chessbase.com/post/chinaschach-wm-in-muenchen

  • Deutscher Xiangqi-Bund

http://www.chinaschach.de/

Text redaktionell bearbeitet.

Einleitungstext: Louisa Nitsche

O. Breitschädel
Autogrammbrett: auf e4 die Unterschrift d. amtierenden chinesischen Frauenweltmeisterin Hou Yifan

// Archiv: DSB-Nachrichten // ID 21491

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