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16.10.2016

Sieben auf einen Streich – die Plejaden

Karl Schorn bewegte sich sicherlich nur in der Peripherie des Berliner Schachzirkels. Vielleicht war er sogar ein „Zählkandidat“, um auf die „Glorreichen Sieben“ zu kommen.
Zeichnung von Carl von Piloty, einem Schwager von Karl Schorn - Wikipedia
Karl Schorn bewegte sich sicherlich nur in der Peripherie des Berliner Schachzirkels. Vielleicht war er sogar ein „Zählkandidat“, um auf die „Glorreichen Sieben“ zu kommen.

Die Komplettierung einer Berliner Herrenrunde

Karl Lambert Schorn [* 16. Oktober 1800 in Düsseldorf; † 7. Oktober 1850 in München]
Ludwig Erdmann Bledow
[* 27. Juli 1795 in Berlin; † 6. August 1846 ebenda]
Wilhelm Hanstein
[* 3. August 1811 in Berlin; † 14. Oktober 1850 in Magdeburg]
Karl Mayet
[11. August 1810 in Berlin; † 18. Mai 1868 ebenda]

Der Geburtstag des Historienmalers Karl Lambert Schorn bietet willkommenen Anlass, das bereits mehrfach erwähnte „Berliner Siebengestirn“, auch die Berliner Plejaden genannt, komplett zu illuminieren.

Mit ziemlicher Sicherheit ist diese „lyrische“ Bezeichnung erst viel später für diesen frühen Berliner Schachzirkel eingeführt worden, ganz gewiss nicht zu Lebzeiten des eigentlichen Gründers, Ludwig Erdmann Bledow.

Ludwig Bledow, hier allerdings spiegelverkehrt. Dies erläuterte Peter Gütler überzeugend in Kassiber Heft 9, Januar-März 1999, S. 60f.
Deutsches Wochenschach 1909, Tafel zu Nr. 1
Ludwig Bledow, hier allerdings spiegelverkehrt. Dies erläuterte Peter Gütler überzeugend in Kassiber Heft 9, Januar-März 1999, S. 60f.

Ludwig Bledow kam am 27. Juli 1795 als Sohn des Friseurs Adolf Erdmann Bledow und dessen Frau Maria Elisabeth, geb. Grubert in Berlin zur Welt. Von Beruf war Bledow Oberlehrer in Mathematik am Cöllnischen Realgymnasium, ab 1835 galt er als einer der führenden Schachspieler Deutschlands. Kurz vor seinem Tod am 6. August 1846 gründete er die Schachzeitung der Berliner Schachgesellschaft, er konnte lediglich das Erscheinen der ersten Ausgabe miterleben. Bledows umfangreiche Schachbibliothek wurde von seiner Witwe, einer geb. Conway von Waterford, an die Königliche Bibliothek in Berlin verkauft, sein schriftlicher Nachlass landete wohl beim „Plejaden“ Karl Mayet.
Bislang ist es mir nicht gelungen, das Erstzitat des „Berliner Siebengestirns“ aufzufinden. Vielleicht schuf William Wayte mit dem zweiteiligen Beitrag „The Berlin Pleiads“ im British Chess Magazine Februar (S. 41-45) und März (S. 77-81) 1886 selbst den Begriff. Später hat Johann Berger den Begriff „Siebengestirn“ in seinem Nachruf auf Tassilo von Heydebrand und der Lasa in der Deutschen Schachzeitung August 1899 verwendet.

Plejaden hießen in der griechischen Mythologie sieben Nymphen, die Töchter des Titanen Atlas und der Okeanide Pleione. Ihre Namen waren Alkyone, Merope, Kelaino, Elektra, Sterope, Taygete und Maia.

Elihu Vedder, The Pleiades (1885)
Wikipedia
Elihu Vedder, The Pleiades (1885)

Ganz so beschwingt kamen die sieben schachbegeisterten Herren der Berliner Schachgesellschaft von 1827, die sozusagen einen „Klub im Klub“ bildeten, damals gewiss nicht daher. Somit beruht der Namensbezug auch eher auf deren Strahlkraft in Hinsicht der theoretischen Erörterung des Schachspiels.

Denn als Plejaden (auch Atlantiden, Siebengestirn) wird ein Sternhaufen unserer Milchstraße im Sternbild des Stieres (Taurus) bezeichnet, der mit bloßem Auge zu erkennen ist. Diese auffällige Sternengruppe war deshalb schon in der Frühzeit der Astronomie bekannt, in historischen Darstellungen wurden oft nur die sechs hellsten Sterne dazu gerechnet. Die Plejaden sind etwa von Anfang Juli bis Ende April am nördlichen Sternhimmel sichtbar, in vielen Kulturen galten sie als besondere Sterne. Selbst im Alten Testament werden die Plejaden erwähnt (Buch Hiob 38:31): „Kannst Du knüpfen das Gebinde des Siebengestirns, oder lösen die Fesseln des Orion?“

Sternhaufen Die Plejaden
Wikipedia
Sternhaufen Die Plejaden

La Pléiade nannte sich dann eine Gruppe von französischen Dichtern im 16. Jahrhundert um Pierre de Ronsard und Joachim du Bellay. Der Name Pléiade ist erstmals 1556 in einem Gedicht von Ronsard belegt. Der Namensgeber begrenzte die Mitgliederzahl auf sieben in Anlehnung an eine Siebener-Gruppe von Poeten in Alexandria im 3. Jahrhunderts v. Chr., deren Anzahl eben den Plejaden der griechischen Mythologie entsprach. Neben Ronsard und Du Bellay zählen zu La Pléiade Jean Dorat, Rémy Belleau, Jean-Antoine de Baïf, Pontus de Tyard und Étienne Jodelle.

Zurück von den Sternen und eher unbekannten Renaissance-Literaten in das Berliner Schachleben zwischen 1836 und 1843, was in den Berliner Schacherinnerungen von Tassilo von Heydebrand und der Lasa gut 20 Jahre später, also 1859, eindrücklich (und aus meiner Sicht objektiv) beschrieben wurde.

Hier ein Zitat aus TvdLs Einleitung: „Ein seltener Kreis von bedeutenden Kräften in ihrer höchsten Ausbildung befand sich damals, in niemals gestörter Eintracht, zusammen. Allerdings wurden diese Spieler ausserhalb des früheren Berliner [Möweschen – MN] Blumengartens (Potsdamer Str. 130), der sie im Sommer zweimal wöchentlich um seine Bretter emsig versammelt sah, nur selten genannt. Sie haben aber doch durch ihre anhaltende Wirksamkeit, in Praxis und Theorie, den Ruf einer eigenen Schule zu begründen gewußt und daher Bleibendes geleistet.“ Für die Zahl „sieben“ zeichnet dieser Zeitzeuge auf jeden Fall verantwortlich: „Gegen das Jahr 1836 hatten sich um den vorher genannten Meister [also Ludwig Bledow – MN], der nach dem Tod des genialen Mendheim [Julius Mendheim, * um 1788; † 25. August 1836 mutmaßlich in Berlin – MN] den ersten Rang in den Berliner Schachzirkeln einnahm, fünf jüngeren Spielern von wenig verschiedener Stärke, aber mit untereinander im Spiel sehr abweichenden Eigenschaften vereint. Zuerst, und zwar noch in den letzten Zeiten Mendheims, kamen Hanstein, Mayet und Horwitz in nähere Berührung mit Bledow. Dann schlossen sich der Autor dieser Zeilen [also von Heydebrand und der Lasa – MN] und sein Freund Bilguer dem Zirkel an, zu welchem noch als Siebenter, jedoch schon ferner stehend, der Maler Schorn zu zählen war.“

Damit zum eigentlichen „Geburtstagkind“,  über das Dr. Mario Ziegler in Durch und durch ein Humorist im Schachspiel. Das Leben des Malers und Schachspielers Karl Schorn im KARL, 4/2014, S. 46-49 ausführlich berichtete.

Karl Schorn – Zeichnung nach einer Gipsbüste von Johann von Halbig
KARL 4/2014 S. 46
Karl Schorn – Zeichnung nach einer Gipsbüste von Johann von Halbig

Dort wird auch unter Bezugnahme auf die Taufurkunde der Kirche St. Lambertus im Stadtarchiv Düsseldorf der genannte Geburtstag belegt. Schorn besuchte die Düsseldorfer Akademie, dann von 1824 bis 1827 zu Paris die Ateliers von Antoine-Jean Gros und Jean-Auguste-Dominique Ingres und kam mit Peter von Cornelius nach München, wo er sich bei einem zweiten Aufenthalt unter Heinrich Maria von Hess weiterbildete. Im Jahr 1832 begab er sich nach Berlin. Nach einer Italien-Studienreise kehrte Schorn Anfang der 1840er Jahre nach München zurück, wo er 1847 an der Akademie der Bildenden Künste zum Professor ernannt wurde. Zu seinen Hauptwerken zählen Pygmalion; Maria Stuart und Riccio; Karl V. im Kloster San Yuste; Cromwell, vor der Schlacht bei Dunbar seinen Generalen die Bibel auslegend; das Verhör der Wiedertäufer nach der Einnahme von Münster vor dem Bischof und schließlich das unvollendet gebliebene Monumentalgemälde Die Sintflut (mit 5,92 x 8,27 m das größte Bild der Neuen Pinakothek).

Bayern-online 1. März 2008 zur Restaurierung von Schorns „Die Sintflut“
Bayern-online 1. März 2008 zur Restaurierung von Schorns „Die Sintflut“

Somit wundert es nicht, dass nach Reverend Wayte der Miniaturen-Maler Bernhard Horwitz den Schachspieler Karl Schorn so deutlich überragte wie dieser ihn als Künstler übertraf.

1850 traf es die verbliebenen Mitglieder der Berliner Schule und die Redaktion der Schachzeitung doppelt hart:
In Magdeburg verstarb Mitte Oktober an einem Nervenfieber Wilhelm Hanstein [siehe Artikel Max Lange] im besten Mannesalter. Der Sohn des Ober-Konsistorialrats Dr. Gottfried August Ludwig Hanstein hatte sich 1832 bei einem Sprung und Sturz schwer am Kopf verletzt, was schließlich seinen frühen Tod verursachte. Hanstein, ein Cousin von Karl Mayet, studierte Jura, wurde 1839 Assessor am Berliner Kammergericht, erst 1848 heiratete er seine langjährige Verlobte Louise Lieder und ging im Herbst des gleichen Jahres nach Magdeburg ans dortige Konsistorium. (Diese Angaben sind dem Nachruf von Otto von Oppen in der Schachzeitung 1850 S. 337 ff. entnommen.)

Wilhelm Hanstein
Schachzeitung 1850 Frontispiz
Wilhelm Hanstein

Im Dezember 1850 wurde dann erst der Tod Schorns betrauert, der eine Woche vor Hanstein in München an einer Erkrankung des Kleinhirns verstarb. Ihn würdigte Ernst Kossack in der Schachzeitung 1850 S. 413 ff. unter anderem wie folgt: „Wenn man im Jahre 1837 zur Nachmittagszeit etwa um zwei Uhr, sich in das Kaffeehaus von Rosch in der Königsstraße und zwar in das Hinterzimmer begab, so währte es nicht lange, und es trat ein großer, hagerer Mann herein, im Anfange der dreißiger Jahre und von eleganter, aber einfacher Kleidung. (…) Dieser Mann war Karl Schorn, der treffliche Meister der Malerei, der Winter und Sommer hierher kam, seine Partie Schach zu spielen. (…) Am liebsten pflanzte er sich bei den schlechten Spielern auf, wie ein großer Arzt sich mit lebensgefährlich Leidenden vorzugsweise gern beschäftigt und ängstigte diese Stümper, jetzt durch ein bedenkliches mysteriöses Stillschweigen, jetzt durch laut geäußerte Besorgung über ihre Züge: Alles mit fast tragischem Ernst. (…) Er war durch und durch ein Humorist im Schachspiel.“

Neben Tassilo von Heydebrand und der Lasa und Bernhard Horwitz war lediglich dem letzten Berliner Vertreter des Siebengestirns, dem bereits erwähnten Karl Mayet, eine längere Lebensspanne vergönnt.

Mayet entstammte aus einer Berliner Hugenottenfamilie, er war bis 1828 Schüler des Gymnasiums zum Grauen Kloster in Berlin. Dann studierte er Jura in Berlin und Heidelberg. Nach 1836 war einer der führenden Meister Berlins, mit Eröffnungsanalysen zur Spanischen Partie trug er zur ersten Ausgabe des Bilguerschen Handbuchs im Jahr 1843 bei.
Zunächst war Mayet ab 1840 für einige Jahre nach Potsdam und Stettin versetzt worden, später war er als Rechtsanwalt und Notar beim Stadtgericht Berlin beschäftigt. In den Jahren 1850 bis 1868 war Karl Mayet der bevorzugte Spielpartner von Adolf Anderssen, wenn dieser Berlin besuchte. Wie Anderssen nahm Mayet am Schachturnier zu London 1851 teil, unterlag jedoch in der ersten Runde gegen Hugh Alexander Kennedy und schied aus.

Karl Mayet
Deutsches Wochenschach 1908, Tafel zu Nr. 14
Karl Mayet

Auch aus von der Lasas Nachruf auf Mayet in der Schachzeitung Juli 1868 S. 197ff. sei eine kurze Passage wiedergegeben: „Beide junge Leute [gemeint sind Mayet und sein Vetter Hanstein - MN] zeigten früh eine ausnehmende Begabung für unser Spiel. Im Jahre 1830 machten sie gemeinsam eine Reise nach der Schweiz, bei der sie Schachfiguren und ein achtfach zusammenzulegendes Brett mitführten, das, wie ich mich sehr wohl erinnere, Hanstein noch später bis zu seinem Ende zu benutzen pflegte. (…) Übrigens bildete das Spiel der beiden Verwandten, nicht weniger wie ihre ganze Persönlichkeit, einen auffallenden Kontrast. Hanstein war kaum von mittlerer Statur und kränklich, jedoch in allem was er vornahm methodisch, praktisch und ausdauernd, sowie im Besitz eines vorzüglichen Gedächtnisses. In seinem ganzen Wesen drückte sich freundliche Ruhe aus. (…) Mayets Erscheinen pflegte mehr Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zu ziehen, denn er war schlank und kräftig mit lebhaften Bewegungen und sehr einnehmenden, feinen Gesichtszügen. Man konnte von ihm wohl sagen, dass er berechtigt schiene, größere Anforderungen an das zu machen, was man Glück im geselligen Leben nennt.“

Will man die Spielstärke dieses sieben „Fixsterne“ des Berliner Schachgeschehens um 1840 einordnen, kann wiederum auf Reverend Wayte Bezug genommen werden: „An der Spitze stehen Von der Lasa und Hanstein, die einzigen, wie wir glauben, die heutzutage zum inneren Zirkel der Weltklasse-Spieler zu zählen wären. Danach würden wir Horwitz in seiner besten Form platzieren, nicht wie er sich in seiner Berliner Zeit darbot. Dann Bledow und Bilguer, allerdings  unter Berücksichtigung ihrer damaligen Ergebnisse. (…) Eine Stufe darunter folgt Mayet und Schorn bildet das Schlusslicht.“

Michael Negele

// Archiv: DSB-Nachrichten // ID 21410

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