1. Dezember 2025
Den Montag hatte sie sich frei genommen. Vorsorglich. „So ein Schach-Wochenende ist ja anstrengend“, sagt Dr. Anne Czäczine. Erholung, Laufen im Wald statt Arbeit in der Arztpraxis – das war die Devise in aller Frühe. Es ist davon auszugehen, dass Anne Czäczine eher geschwebt als gejoggt ist. Voller Euphorie war die Mannschaftsführerin des Chemnitzer SC Aufbau 95. Sie freute sich für sich, weil sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine Partie gegen eine GM-Titelträgerin gewonnen hat. Gegen keine Geringere als die große Elisabeth Pähtz. Und sie freute sich für die ganze Mannschaft. Nach zwei bitteren 0:6-Pleiten in den ersten beiden Runden der Frauen-Bundesliga (gegen Rodewisch und Bad Königshofen) gelang dem jungen Chemnitzer Team am Samstag nicht nur ein respektables 2:4 gegen Titelanwärter OSG Baden-Baden, sondern am Sonntag auch ein fulminantes 5:1 gegen Mitaufsteiger SK Freiburg-Zähringen 1887. „Natürlich haben sich nach zweimal 0:6 schon manche gefragt, ob wir überhaupt in die Bundesliga gehören“, sagte sie im Gespräch mit dem DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit, „ich denke, jetzt haben wir gezeigt, dass wir zu Recht mit dabei sind.“
Vor allem der Sonntag, 30. November, als am ersten Advent die Chemnitzerinnen die erste Bundesliga-Kerze anzündeten, könnte als neuer Feiertag in die Historie der Familie Czäczine eingehen. WIM Anne Czäczine gewann nach ihrem Erfolg gegen Pähtz, die aufgrund ihrer Schwangerschaft und der für März prognostizierten Geburt ihrer Tochter ihre vorerst letzten klassischen Schachpartien spielte, auch ein Punktgewinn gegen WIM Manuela Mader. Hinzu kamen Siege für ihre Töchter Paula Czäczine und Laura Czäczine. „Ja“, sagte Anne Czäczine, „ein war ein sehr guter Tag für uns.“ Sinnbildlich auch dafür, welchen Plan die Mannschaft in der Frauen-Bundesliga hat. Die Spielerinnen waren am Samstag zwischen 14 und 20 Jahre alt, nur die 40-jährige Kapitänin sorgte dafür, dass der Altersdurchschnitt gegen Baden-Baden bei beachtlichen 21 Jahren lag. Und neben den Chemnitzer Namen prangte überall die deutsche Flagge. Mal ganz ohne Patriotismus: Das ist gelebte Förderung des Frauen- und Mädchenschachs in Deutschland! „Klar, wir spielen diese Bundesliga, um den Talenten auf höchsten Niveau Spielpraxis zu geben“, so Anne Czäczine, „und davon wollten wir auch nach den zwei harten Niederlagen zu Beginn nicht abrücken.“
Nimmt man die Partieverläufe, war am Sonntag sogar ein 6:0 möglich. Und das für ein Ensemble, dass ohne große Erwartungen zur Doppelrunde nach Berlin gereist war. „Im Grunde hatten wir einfach darauf gehofft, mal die ersten Brettpunkte zu machen“, sagte Anne Czäczine, „dass es so überragend läuft – damit haben wie niemals gerechnet.“ Schon der mutige Auftritt gegen Baden-Baden haben die Mannschaft regelrecht „in Euphorie“ versetzt. Nach einem guten Essen in einem italienischen Restaurant in Kreuzberg machten sie sich am Samstagabend noch an die Vorbereitung für den nächsten Tag. „Da wussten wir ja, gegen wen wir spielen würden. Und die Arbeit hat sich gelohnt.“ Alle Eröffnungspläne gingen voll auf. „Wir waren an allen Brettern sehr überzeugend, haben den ersten Saisonsieg auch spielerisch gerechtfertigt. Ich denke, man kann jetzt sagen: Wir gehören in die Bundesliga“, so Czäczine.
Mitaufsteiger SC Kreuzberg hingegen fiel, und das warf man durchaus wörtlich nehmen, nach dem gelungenen Saisonauftakt (mit Sieg gegen die Schachmiezen), an diesem Wochenende in ein tiefes Tal der Tränen. Die Mannschaft hatte in den vergangenen Wochen unter Trainer GM Raj Tischbierek sehr viel in die Vorbereitung investiert – nun war der Coach nach zwei klaren Niederlagen gegen Freiburg und Baden-Baden als Tröster gefragt.
Ausgerechnet an einem Wochenende, als die Vereinschefin Brigitte Große-Honebrink mit dem Vera-Preis geehrt wurde. Der Preis ist nach der ersten Schachweltmeisterin Vera Menchik benannt, die unter tragischen Umständen im Zweiten Weltkrieg Opfer eines deutschen Luftangriffs in London geworden ist. Mit diesem Preis, das betonte Thomas Weischede, der Vorsitzende des Stifters, der Emanuel Lasker Gesellschaft, sollen weibliche Persönlichkeiten im Schachsport gewürdigt werden – Menschen, die ihren Beitrag dazu leisten, dass Schach auch ein Kulturgut ist. „Brigitte ist die gute Seele des Schachs in Berlin“, sagte Weischede über die sichtlich gerührte Geehrte, die in ihrem Verein mannigfaltig mit anpackt und den SC Kreuzberg kontinuierlich weiterentwickelt.
Und so schließt sich auch der Kreis zur Mannschaft der Stunde: Auch das jugendliche Chemnitzer Frauenschach-Projekt sieht die Emanuel Lasker Gesellschaft als förderungswürdig an. So spielten die jungen Frauen aus Sachsen am Wochenende in Poloshirts aus der DSB-Kollektion – mit dem DSB-Logo und dem Logo der Emanuel Lasker Gesellschaft. „Das Outfit kommt bei uns im Verein super an“, so Anne Czäczine, „es hat was Jugendliches.“
Jung, dynamisch, erfolgreich – so wollen es auch die Chemnitzerinnen in der Liga weiter angehen, die mittlerweile nur noch Baden-Baden und SK Schwäbisch Hall verlustpunktfrei anführen. Schwäbisch Hall besiegte mit einer fürs Frauenschach bemerkenswerten Elo-Macht (drei Akteurinnen über 2400 Punkte) die amtierenden Meisterinnen aus Bad Königshofen. Ein herber Dämpfer für die Mission Titelverteidigung für den Ausrichter der Endrunde im April. (mw)
DSB-Ergebnisdienst Frauenbundesliga | Brigitte Große-Honebrink erhält die "Vera" | Twitch Sonja Maria Bluhm: Samstag, Sonntag
// Archiv: DSB-Nachrichten - Frauenschach // ID 11697