5. September 2026
Da ist diese Lücke. Frei nach dem Roman von Joachim Meyerhoff könnte man sagen: Es ist keine entsetzliche Lücke – aber sie ist eben da. Die Analyse rund um das Frauen- und Mädchenprojekt von DSB und DSJ habe unter anderem ergeben, „dass wir zu viele gute Spielerinnen im Alter um die 14 Jahre verlieren“, sagt Paul Meyer-Dunker, Präsident des Schachbundes: „Das ist bei den Jungs anders.“ Es gibt die Talente – aber zu wenige. Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler ergänzt: „Die hohe Aufgaberate bei den Mädchen ist unsere Schwachstelle. Es kommt aktuell zu wenig nach mit Blickrichtung Frauen-Spitzenbereich.“ Die große Frage nun: Wie kann der DSB es schaffen, eine Leistungssport-Kultur im Mädchenschach zu implementieren? „Je später wir anfangen, desto schlechter“, sagt Meyer-Dunker, „also fangen wir früh an. Uns geht es um die U6 bis U12.“ Damit sind wir beim Projekt Girls Next Generation.
Das Projekt wurde von Frauenschach-Referentin Nadja Jussupow und Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler ins Leben gerufen. Dieser Tage ist es gestartet, mit den ersten Sichtungsmaßnahmen, die Nadja Jussupow in Ruit durchgeführt hat. Die Internationale Offene Deutsche Frauen-Einzelmeisterschaft (IODFEM) war mit einigen sehr jungen Talenten besetzt, „für uns war das das erste Sichtungsturnier“, so Jussupow, das zweite werden die Herbstopen der Schachfreunde Deizisau sein, wo sie und ihre Trainerkollegin Tatjana Melamed nach Schach-Perlen tauchen werden. Es ist die 20. Auflage dieses internationalen Turniers, vom 23. bis 26. Oktober – und immer stark besetzt. „Ich möchte an die Eltern und die Mädchen appellieren, dort mitzuspielen – und sich damit um die Aufnahme in unser Projekt zu bewerben“, sagt Jussupow. In Ruit habe sie bereits drei Talente entdecken können, die sie nun erst einmal unter ihre Fittiche nimmt. Im Zuge der Ausweitung des Projektes soll der Trainerstab um prominente Namen erweitert werden. Es gehe um die Intensivierung des Leistungssport-Gedankens. „Wir wollen was tun, in welchem Umfang, das hängt von mehreren Faktoren ab“, sagt Paul Meyer-Dunker.
Tatjana Melamed leitete zuletzt aktuell eine Intensiv-Online-Trainingsgruppe (zweimal im Monat) mit U12-Spielerinnen, die im Herbst fortgesetzt wird. Die Maßnahme trug bei der Junioren-EM in Pardubice erste Früchte. Insgesamt viele starke Ergebnisse, der DSB holte sogar Gold in der weiblichen U12, durch das Team mit Yuefan Chen und Tiffany Tu.
Zwei Mädchen, für die Schach eine hohe Priorität hat, so Bernd Vökler. Beide würden schon seit Jahren gefördert – und genau das sei wichtig: „Wir müssen bei den Unter-Zehnjährigen ansetzen“, sagt er, „das ist heutzutage der einzige Weg, um vorwärtszukommen. Es müssen kleine Gruppen sein, die intensiv trainieren. Mädchen, die sich gegenseitig anspornen.“ Dieses Gruppentraining sei aus seiner Erfahrung für Mädchen noch wichtiger als für Jungs. „Man könnte es so formulieren: Wir versuchen die Sozialisierung im Schachsport früh voranzutreiben“, so Vökler.
Flankiert wird dieses geplante Elite-Training auch weiterhin durch das von Jussupow initiierte Girls-Tuesday-Programm des DSB – eine offene Breitensport-Gruppe, bei der regelmäßig zahlreiche junge Spielerinnen Trainingssessions mit Nationalspielerinnen und Top-Trainerinnen wie Josefine Safarli und Elisabeth Pähtz erleben dürfen. Das Programm ist quasi die Ur-Quelle für Next Generation – und sehr erfolgreich: Bisher nahmen 640 Mädchen an den zehn Trainingseinheiten teil.
Nun also der nächste Schritt, „hin zu noch mehr Qualität, ohne die Breite aus den Augen zu verlieren“, wie es Nadja Jussupow formuliert: „Denn es tauchen immer wieder Mädchen auf, die wir nicht auf dem Schirm haben.“ DSB Girls Next Generation setzt auf Leistungssport. Die DSB-Frauenschachreferentin will einen starken DSB-Mädchenkader (offizielle Bezeichnung DSB-NK2-Mädchenkader) aufbauen, der bei internationalen Meisterschaften Einzel-Medaillen sammeln kann – bei Welt- und Europameisterschaften im Bereich U8 bis U12. Ein Kader, der aber auch in den Mannschaftswettbewerben der U12 weitere Erfolge feiern soll.
Dass es jetzt eine neue Maßnahme gäbe, müsse sich herumsprechen, sagt Nadja Jussupow – um eine Trainingsgruppe von rund 20 Spielerinnen bilden zu können, die zielgerichtet gefördert werden. Eine Gruppe, die aber offen sei in beide Richtungen. Es gibt eine dreimonatige Probezeit, und wer nicht am Drücker bleibt, muss die Gruppe wieder verlassen – kann sich aber auch wieder in die Gruppe hineinkämpfen. „Wir beobachten genau, wer ehrgeizig ist, trainingsfleißig und sich stetig entwickeln will. Zum Beispiel über viele, auch stark besetzte Turniere.“ Mögliche Turniere für die Mädchen, bei denen sie sich auch mit Erwachsenen messen sollen: DSAM, Frauenturniere, internationale Turniere (wie jetzt in Ruit und Deizisau) sowie World-Cup und EM im klassischen Schach, Rapid und Blitz. Eltern können ihre Kinder jederzeit für das Projekt anmelden. Formelle DWZ-/ELO-Kriterien und Erwartungen (Ausnahmen sind möglich) U12: DWZ/ELO 1900. U11: DWZ/ELO 1800. U10: DWZ/ELO 1700. U8: DWZ/ELO 1500.
Nadja Jussupow möchte das Projekt vorerst auf drei Jahre anlegen, danach wird es eine Evaluierung geben. Bernd Vökler sagt, er spüre unabhängig davon bereits Bewegung in dieser Altersklasse durch die ersten Maßnahmen von Jussupow und Melamed. So hätten sich für die Junioren-EM auf Kreta Anfang November bereits fünf Spielerinnen unter acht Jahre angemeldet, auch für die WM in Spanien ab dem 13. Oktober sei das Interesse an einer Teilnahme bei den jungen Mädchen groß. „Wer weiß“, sagt Bernd Vökler, „wen wir da noch alles entdecken.“ (mw)
Bewerbungen gehen an Nadja Jussupow unter frauenschach@schachbund.com
// Archiv: DSB-Nachrichten - Frauenschach // ID 37120