18. September 2025
Darf man das vorher so sagen, ohne dass mangelnder Ehrgeiz unterstellt wird? Natürlich, sagt Dr. Elena Trunz, denn es sei ja nun einmal die Wahrheit. „Wir haben keine Ambitionen auf eine Top-Platzierung“, sagt die Spielerin des SV Hemer 1932. Wieder mal drinbleiben, möglichst ohne bis zum Ende zu zittern wie in der vergangenen Saison – das ist das Ziel für die neue Bundesligasaison. 2024 war Hemer nach dem Abstieg im Jahr zuvor direkt wieder aufgestiegen. In eine Liga, die gespickt ist mit Weltklassespielerinnen – aber eben auch mit einige Familien-Konstellationen. In Hemer stellt Familie Trunz gleich drei Mitglieder für das Team. Teil zwei unserer Serie zum Start der Frauenbundesliga. Für das Erstligateam treten neben Elena Trunz auch noch ihre Töchter WFM Michelle Trunz, 17 Jahre alt, und Tamila Trunz, 15, an. Womöglich, wie Bundesnachwuchstrainer IM Bernd Vökler mutmaßt, zwei angehende Spielerinnen, die durchaus eine Chance hätten, einmal semi-professionell Schach zu spielen. „Das sind zwei große Talente. Die sind hungrig auf Erfolg, weshalb ich ihnen noch sehr viel zutraue - wenn sie Geduld haben.“ Zum Start geht es für sie mit dem SV Hemer 1932 gegen die Schachfreunde Deizisau (Samstag) und gegen den SK Schwäbisch Hall (Sonntag).
Wenn Laura und Paula bloß neben ihrem Lernen fürs Abitur noch mehr Zeit für Schach hätten, sagt Mama Elena. Sie, die mit 16 Jahren aus Russland kam, wo Schach einen ganz anderen Stellenwert besitzt, sagt: „Ein Problem in Deutschland ist, dass Homeschooling nicht möglich ist. So bleibt neben der Schule oftmals sehr wenig Zeit für Schach.“
Michelle und Tamila arbeiten aber hart für ihr Lieblingshobby, dem sie viel unterordnen. Andere Interessen wie Turnen, Klavier, Schauspiel, Taekwondo und Malen haben sie zugunsten des Schachsports zurückgestellt. Michelle hat zwar auch bereits Interesse für das Thema Programmierung entwickelt, aber Schach ist für sie und Tamila klar die Nummer eins. Zwei Stunden Training pro Tag sind für sie die Regel, oft online mit einem Trainer aus Russland. Aber auch mit Vereinstrainer FM Jonas Gallasch (SG Porz). In der Bundesliga gehe es auch darum „Normen zu schaffen, die Elo zu verbessern“, sagen die beiden Schwestern. „Und natürlich ist es eine tolle Sache, fast an jedem Spieltag auf Top-Gegnerinnen zu treffen.“
Die beiden, mit deutschen Jugend-Meisterschaftstiteln dekoriert und im letzten Jahr gemeinsam bei der Jugend-EM auf Rhodos als Zweierteam am Start, spornen sich gegenseitig an. Sie wolle das Niveau von Michelle in ihrem Alter „erreichen oder besser übertreffen“, hat Tamila noch im Frühjahr gesagt – und schwupps hat sie jetzt schon ein paar Elopunkte mehr. Beide liegen jetzt knapp unter 2000. „Beide Mädchen haben jeweils krasse Fähigkeiten beim Schachspiel“, die eine ist kampfstärker, die andere taktische variabler, so Elena Trunz, „würde man alle ihre Fähigkeiten in eine Person zusammenführen, wäre diese Spielerin unschlagbar.“ Die Mama muss es wissen. Sie, die heute an der Uni Bonn in der Forschung – an einer Schnittstelle zwischen Informatik und künstlicher Intelligenz in verschiedenen Bereichen – tätig ist, hat schon in ihrer Heimat sehr erfolgreich gespielt, lag zeitweise bei 2200 Elo, wurde Moskauer Jugendmeisterin und kam dann als Teenager nach Deutschland. Doch die Leidenschaft bei den Kindern fürs königliche Spiel, so Elena, habe ihre Mutter Tatiana Kuznetsova geweckt. Als Mutter Elena mit ihrem Studium beschäftig war, hat die Oma sehr viel Zeit investiert, um den Enkeln früh die Raffinesse des Spiels eizubringen – und sie zum Vereinsschach zu bringen.
Papa Sebastian spielt nur hobbymäßig bei Lichess – aber ist der größte Fan seiner drei Frauen. Der Programmierer, wie seine Frau 42 Jahre alt, begleitete mit der Engine alle Partien seiner Töchter live. Er selbst hat es im Strategie-Brettspiel Carcassonne zu drei deutschen und einem WM-Titel gebracht. In der Schachfamilie aus Muffendorf ist er für viele organisatorische Dinge und den Haushalt zuständig – seine akademische Karriere hat er für seine drei Frauen und den zehnjährigen Sohn Daniel (auch Schachspieler mit dem bescheidenen Ziel, er wolle Groß- und Weltmeister werden) hinten angestellt. Er sagt, das habe er nie bereut. „Es macht großen Spaß, die Entwicklung der Kinder zu beobachten.“
Ein großes Vorbild haben die Trunz-Schwestern auch im eigenen Verein: WGM Carmen Voicu-Jagodzinsky ist auch ihre Landes-Nachwuchstrainerin. „Die Mädchen eifern ihr schon sehr nach, genießen jede Partie-Analyse mit ihr“, sagt Elena Trunz, „und abgesehen davon mögen wir sie auch alle sehr gerne.“ Voicu-Jagodzinsky, die Gattin von Vereinschef Andreas Jagodzinsky, für den die Förderung des Frauenschachs auch eine Herzensangelegenheit ist. ist Kopf, Herz und Seele des Bundesligateams aus dem Norden des Sauerlandes, das eine ganz große Stärke habe, wie Elena Trunz betont: den Teamgeist. „Das ist absolute Wohlfühl-Atmosphäre in unserem Team. Wir verstehen uns alle prima.“ (mw)
Hier geht es zum ersten Teil unserer Serie: Der CSC Aufbau Chemnitz 95
| Br. | Tit | Spielerin | Land | Elo | DWZ |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | WGM | Priyanka Nutakki | 2258 | 2309 | |
| 2 | WFM | Kesaria Mgeladze (G) | 2245 | 2228 | |
| 3 | WGM | Iozefina Werle | 2302 | 2294 | |
| 4 | WGM | Elena Luminita Cosma | 2232 | 2216 | |
| 5 | WGM | Carmen Voicu-Jagodzinsky | 2221 | 2219 | |
| 6 | FM | Filipa Fortuna Pipiras | 2217 | 2251 | |
| 7 | WFM | Honorata Kucharska | 2108 | 2135 | |
| 8 | WIM | Alessia-Mihaela Ciolacu | 2039 | 2074 | |
| 9 | WFM | Michelle Trunz (G) | 1979 | 2017 | |
| 10 | WFM | Helena Neumann (G) | 2126 | 2132 | |
| 11 | WFM | Lucie Rybackova | 2034 | 1936 | |
| 12 | Tamila Trunz (G) | 1994 | 2026 | ||
| 13 | WGM | Eva Kulovana | 2088 | 2120 | |
| 14 | WIM | Olena Hess (G) | 2048 | 2060 | |
| 15 | WFM | Dr. Elena Trunz | 2086 | 2037 | |
| 16 | Lisa-Marie Möller (G) | 1949 | 1906 | ||
| 17 | Alicia Kovalskyy (G) | 1948 | 1974 | ||
| 18 | WCM | Lilian Schirmbeck (G) | 1928 | 1966 |
(G) = Gastspielerin
// Archiv: DSB-Nachrichten - Frauenschach // ID 36786