8. August 2026
Die Wahl verlief etwas ungewöhnlich. Wobei das in der heutigen Zeit mancher auch anders sehen könnte. Die neue erste Vorsitzende wurde per WhatsApp gefragt, ob sie die Wahl annimmt. Sie musste, obwohl sie eigentlich vor Ort war, gerade ihrem Töchterchen Essen geben. Die neue zweite Vorsitzende hatte keinen Urlaub bekommen für die Gründungsveranstaltung in Dresden – auch sie war nicht dabei, und doch mittendrin. Auch sie wurde in Abwesenheit einstimmig gewählt. Gestatten, das neue Führungsduo des Fördervereins für Frauen und Mädchen im Schach: Elisabeth Pähtz, die beste Schachspielerin Deutschlands, ist die neue Vorsitzende. Tatjana Gallina, im Schachverband Württemberg Beauftragte für Frauenschach, ist die zweite Vorsitzende. „Elisabeth ist die Prominente, ich bin die Arbeiterin“, sagt Gallina und lacht. Die Kunsthistorikerin in der unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Heilbronn hat übrigens ein sehr ansteckendes Lachen – wer mit ihr zum Thema Schach telefoniert, hat seinen Spaß. Ebenfalls im Vorstand: Linda Pygoch, die Referentin für Frauenschach im Landesschachbund Brandenburg, übernimmt die Kasse. Schriftführer wurde bei der Gründungsversammlung Carsten Karthaus, Präsident des Schachverbandes Württemberg. Er hat aber bereits angekündigt, seinen Posten zu räumen – sobald sich eine Frau für das Amt findet.
Dass ausgerechnet Elisabeth Pähtz, die deutsche Nummer eins (die Pole-Position hat sie sich gerade frisch zurückgeholt) und einzige deutsche Spielerin mit GM-Titel, den Vorsitz des Fördervereins übernommen hat, darf man getrost als echten Coup der Vereinsgründer bezeichnen. „Das ist ein Name, der zieht“, sagt Nadja Jussupow, die gemeinsam mit Carsten Karthaus Initiatorin des neuen Vereins ist: „Natürlich kann sie die Alltagsarbeit nicht machen – schließlich ist sie eine junge Mutter und auch noch Leistungssportlerin. Aber sie wird uns auf vielen Feldern helfen und Türen öffnen können.“ Elisabeth Pähtz sagt: „Ich denke, mein Name steht schon irgendwo fürs Frauenschach in Deutschland. Deshalb gebe ich gerne meinen Namen.“ Junge Mädchen schauen zu ihr auf – und sie ist die einzige deutsche Spielerin mit hochkarätigen Sponsoringverträgen. „Mein Name soll schon ein bisschen Zugpferd-Charakter haben“, sagt Pähtz. Die Zusage sei eine Herzensangelegenheit gewesen, auch weil sie sich Nadja Jussupow, dieser emsigen Antreiberin im DSB fürs Frauenschach, sehr verbunden fühle. „Was Nadja macht, hat einfach Hand und Fuß. Ich werde helfen wo ich kann.“ Vielleicht könne es sogar gelingen, mit Hilfe des Fördervereins die Lücke zwischen den aktuellen deutschen Topspielerinnen und dem Nachwuchsbereich kleiner zu machen. Derzeit, findet Pähtz, komme noch zu wenig nach.
Nadja Jussupow wird bei diesem Verein mit vielen jungen Frauen im Führungsteam nur im Hintergrund wirken – automatisch aufgrund ihrer Rolle als Frauenschach-Referentin beim DSB als beratendes Mitglied, wie es in der Satzung des Fördervereins heißt. Aber ein Amt? Nein, zu viele ehrenamtliche Tätigkeiten hat die Multi-Funktionärin bereits, „auch mein Tag hat nur 24 Stunden“, sagt sie: „Und die Aufgaben im Förderverein sind von Beginn an nicht wenige.“ Aber sie werde unterstützen, wo sie nur kann.
Gerade wird an einem Logo, einer Webseite und den Auftritten im Internet gebastelt. Auch der Frauenschach-Newsletter soll neu belebt werden. Für Social Media konnte mit Elena Koldunov, Frauenschachreferentin im Landesschachverband Bremen, eine Expertin gewonnen werden. Sie habe seit ihrem Amtsantritt in der Hansestadt vor knapp einem Jahr schon sehr viel Netzwerkarbeit betrieben, schwärmt Jussupow: „Wir haben einen super Vorstand.“
Netzwerken - das sei fürs Erste nun auch die Hauptaufgabe des neuen Fördervereins, bevor über Turniere und eigene Veranstaltungen nachgedacht werde (die es aber künftig geben soll), sagt Tatjana Gallina - die Frontfrau. Die Mutter des zehnjährigen Alessio spielt für den VfL Eberstadt 04, ist im Verein auch Jugendtrainerin und ebenfalls in der Vereinsarbeit im Social-Media-Bereich tätig. Wenn sie bei sich in den Verein schaue, dann erlebe sie das Problem aus erster Hand, sagt sie: als einziges weibliches Mitglied. „Wir müssen es schaffen, mehr Frauen und Mädchen den Schachsport nahe zu bringen. Dafür brauchen wir ein stabiles Netzwerk, regelmäßige Treffen.“ Es gäbe so viel Potenzial, sagt sie, allein wenn sie bei Turnieren sehe, wie viele Mütter sich für ihre Kinder und nebenbei auch für die Vereine engagieren. „Diese Frauen brauchen mehr Unterstützung und wir müssen es schaffen, dass sie über die Mutterrolle als Mitglieder in die Vereine kommen.“ Dass Frauen Zugang zum Spiel finden – über die Kids, das ist auch eine Sache, die auch Nadja Jussupow wichtig ist. Stichwort Beginnerinnen-Turniere.
Sie selbst sei eher durch Zufall in ihr Amt in Württemberg gerutscht, sagt Gallina, mit ihrer geringen DWZ von knapp 1200 bezeichnet sie sich selbst „als unbeschriebenes Blatt im Frauenschach“. Aber, das wissen sie nicht nur beim Schachverband in Württemberg: Die Halb-Italienerin, die auch Schach-Schiedsrichterin auf nationaler Ebene ist, hat Power, kann anpacken. Sie war auch ein wichtiger Part in dem Team, dass das gemeinsame DSB-DSJ-Projekt für Frauen- und Mädchenschach über eineinhalb Jahre forciert hat.
Tatjana Gallina gehört auch zu jenen, die kein Blatt vor den Mund nehmen, wenn es um Kritik geht. Erst kürzlich, erzählt sie, habe sie wieder mitbekommen, wie bei einem Jugendturnier ein Junge die Partie gegen ein Mädchen so eröffnete: „Mein Trainer hat gesagt, Du kannst gar nichts.“ Oder sie selbst bekam bei einem Turnier von einem älteren Herrn zu hören, sie solle besser schwarz tragen, das mache schlank. „Sowas muss aufhören. Und wenn wir mehr Frauen sind, dann wird das auch automatisch weniger mit dem Mobbing und den Psycho-Spielchen.“ Auch bei diesem Thema will sich der neue Verein klar positionieren.
Neun Gründungsmitglieder hatte der Förderverein im Juli, darunter auch DSB-Präsident Paul Meyer-Dunker und Gerhard Köhler (Emanuel Lasker Gesellschaft, Schachstiftung GK), zwei bekennende Unterstützer des Frauenschachs. Frauen-Bundesligachef Klaus Deventer half mit seiner juristischen Expertise bei der Erstellung der Satzung. Ebenfalls mit dabei: DSB-Geschäftsführer Carsten Schmidt, Dr. Anita Stangl und Frauen-Bundesligasprecher Jürgen Müller. Während gerade der Notartermin gebucht wird und im Hintergrund viele Arbeiten laufen, steigt die Mitgliederzahl quasi täglich - Nadja Jussupow war fleißig, hat schon beim Schachgipfel viel Werbung gemacht für den Verein, der seinen Sitz in Stuttgart hat und in seiner Satzung folgenden Satz stehen hat: „Frauen und Mädchen müssen Teil der Zukunft sein." Dem ist nichts hinzuzufügen. (mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - Frauenschach // ID 37104