8. Juni 2026
Es lief die dritte Runde der Deutschen Frauen-Mannschaftsmeisterschaft der Landesverbände, im Schachdeutsch mit seinen Turnier-Abkürzungen DFMM-LV genannt, da klingelte beim Team Sachsen-Anhalt ein Handy – genauer gesagt: der Wecker eines Mobiltelefons. Andernorts wäre das ein riesiger Aufreger gewesen, womöglich sogar ein Protestgrund. In Braunfels aber herrscht unter den Frauen stets eine freundschaftliche, entspannte Atmosphäre. Die Teamchefin des Teams Sachsen-Anhalt, Tanja Pflug, spricht davon, dieses Event sei „wie ein Klassentreffen, wo man sich freut, in erster Linie wieder bekannte Gesichter zu sehen“. Turnierdirektorin und Haupt-Schiedsrichterin Nadja Jussupow sagt, man habe nicht nur vorneweg erlaubt, dass Handys ausgeschaltet neben dem Brett liegen dürfen, sondern in diesem Fall habe auch der Teamchef der Mannschaft aus Nordrhein-Westfalen (letztlich Sachsen-Anhalt mit 2,5:5,5 unterlegen), Andreas Jogodzinsky, allen Teilnehmern gegenüber sofort betont: „Der Käse interessiert uns nicht, wir sind zum Schachspielen hier“, so Jussupow. Am Ende beherrschten die Sachsen-Anhaltinerinnen ihr Kerngeschäft am besten.
So gewann die Mannschaft, die aufgrund ihrer Besetzung schon als Titelfavoritinnen ins Turnier gegangen waren, auch noch die Runden vier und fünf gegen Bayern und Niedersachsen - und kamen am Ende auf 10:0 Punkte. „Ich bin mächtig stolz auf die Mannschaft“, sagte Claudia Meffert, Präsidentin des Landesschachverbandes Sachsen-Anhalt, „als Favorit ins Turnier zu gehen ist das eine. Das zu bestätigen dann oft nicht so leicht. Ich hätte auch niemals gedacht, dass das so ein Durchläufer wird.“ Auch Tanja Pflug betonte: „Klar, wir waren an Nummer eins gesetzt, aber ich habe nicht geglaubt, dass ein Turniersieg realistisch ist.“ Auf Platz zwei kam NRW mit 7:3 Mannschaftspunkten. Bayern holte Bronze mit der identischen Ausbeute - und hatte knapp nach Feinwertung das Nachsehen.
Auf dem 4. Platz landete die Mannschaft aus Hessen, die nur gegen Sachsen-Anhalt verlor und gegen NRW und Bayern ein 4:4 holte. Insgesamt nahmen in diesem Jahr 12 Mannschaften beim bundesweit größten Frauenschach Turnier teil, 104 Spielerinnen. „Es war wieder ein großes Familienfest des Frauenschachs“, schwärmte Nadja Jussupow, „eine besondere, richtig schöne Atmosphäre in Braunfels mit einem bunten Mix aus Jung und Alt.“ Irgendwie sinnbildlich hierfür: Sachsen-Anhalt. „Es hat sich bei den jungen Spielerinnen im Land rumgesprochen, dass diese Meisterschaft super lustig ist“, sagte Tanja Pflug, „so kamen immer mehr Meldungen und wir hatten eine gute Mischung.“ Die eine von zwei Ferienwohnung wurde von den Routiniers bewohnt, die andere von den jüngeren Spielerinnen. Gefrühstückt wurde gemeinsam. Bei der Analyse brachten die einen ihre Erfahrung und die anderen ihre Datenbanken ein. So klappt`s auch mit dem Titel.
Teamgeist, Analyse und Spielstärke - Sachsen-Anhalt überließ nichts dem Zufall. Man habe nach langer Zeit mal wieder ein schlagkräftiges Team zusammenzustellen können, so Claudia Meffert: „Da hat sich eine Mannschaft gefunden, die gemeinsam sehr viel Spaß hatte – und das war zu spüren.“ Sie selbst hatte eigentlich auch geplant mitzuspielen, dann aber habe sie festgestellt, dass ihr Einsatz gar nicht nötig sein werde, weil Teamchefin Tanja Pflug, von Beruf Lehrerin an einer Berufsschule, ein sehr gutes Händchen bei der Spielerinnen-Auswahl bewiesen habe: „Ich wusste, die haben alle richtig Bock auf das Turnier.“
In diesem Jahr führten die beiden lettischen WGM Laura Rogule und Ilze Berzina von der SG 1871 Löberitz das Team an. Beide spielen seit über zehn Jahren für den Zweitligisten. Weitere Mannschaftsmitglieder waren Elina Heutling, Saskia Teucher (Aufbau Elbe Magdeburg), Anastasia Voigt (SV Saalespringer Halle), Tina Kümmel (CFC Germania 03), Mariana Korniichyk, Valeriia Safonova, Tanja Pflug und Katja Hartung (alle SV Merseburg). Hartung war übrigens bereits 2004 beim letzten Triumph schon dabei. Man werde diese Mannschaft auf jeden Fall noch besonders ehren, so Claudia Meffert: „Ich lasse mir da was einfallen.“ Vielleicht schon in zwei Wochen bei den Löberitzer Schachtagen, vom 19. bis 28. Juni.
Turnierorganisator Sebastian Swoboda von den Schachfreunden Braunfels hat jedenfalls mit seiner engagierten Helferschar einmal mehr ganze Arbeit geleistet, für ihn ist dieses Turnier „eine Herzensangelegenheit“. In Fachkreisen gilt das von Swoboda auf die Beine gestellte Turnier als DFB-Pokal des Frauenschachs – und Braunfels, so sich die Landesteams traditionell treffen, hat einen Status wie die Fußball-Pokalstadt Berlin. 2027 findet das Turnier vom 27. bis 30. Mai wieder in Braunfels statt. Nirgendwo könnte es schöner sein, da sind sich alle Spielerinnen einig. (mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - Frauenschach // ID 37047