23. Juni 2026
Es sind die vielen kleinen Initiativen, wie Tropfen in ein leeres Fass – die es dann irgendwann füllen. Nadja Jussupow, die Frauenschach-Referentin des Deutschen Schachbundes, freut sich deshalb über jedes dieser Projekte zum Thema Frauenschach. In Burg, Sachsen-Anhalt, hat Bernd Domsgen eine solche Aktion gestartet. Sein Aktions-Motto: „Kluge Frauen spielen Schach.“ Und damit, sagt er, sei nicht das Naheliegende gemeint: Dass Frauen im Schachsport besonders schlau seien, sondern: „Frauen, die noch nie Schach gespielt haben und nun damit beginnen, die sind klug.“
Bernd Domsgen ist wohl das, was man einen engagierten Ehrenamtlichen nennt. Bis zur Wende diente er in der Nationalen Volksarmee, mit dem Mauerfall verkaufte er Versicherungen – in Burg hat er auch deshalb ein großes Netzwerk. Bekannt ist in der Region aber auch als Vorsitzender der Forschungsgemeinschaft Clausewitz-Burg, die sich mit dem Leben des ehemaligen preußischen Generalmajors Carl von Clausewitz beschäftig, der in Burg beigesetzt ist – und als Organisator von Lesungen, bisweilen sogar musikalisch umrahmt. Er liebe und verschlinge selbst Bücher, sagt er. Sein Engagement bringt er so auf den Punkt: „Ich bin Rentner, ich brauche Beschäftigung.“ Vor zwei Jahren entwickelte der 73-Jährige die Idee, sich über seinen Verein hinaus, dem Burger Schachclub Schwarz-Weiß, im Schach zu engagieren. Vereinzelt hatte er schon Jugendspieler trainiert, nun wollte er diese auch im Frauenschach tun.
Denn eines ärgert ihn sehr: Sein Verein, in dem er seit 1988 Mitglied ist, hat 35 Mitglieder – darunter aber nur eine Frau. „Es ärgert mich, dass Frauen in unserem Sport so unterrepräsentiert sind“, sagt er: „Ich habe die Zeit, ich kann was dagegen tun.“ Zuerst dachte er daran, ukrainischen Flüchtlingsfrauen fern der Heimat das Schachspiel mit Einheimischen zu ermöglichen, zwecks besserer Integration, „aber die bleiben dann doch lieber unter sich“. Das entmutigte ihn nicht. Er startete sein Projekt „Kluge Frauen spielen Schach“, speziell für Anfängerinnen, an der Kreis-Volkshochschule Jerichower Land in Burg. Sieben Frauen nahmen teil, sechs treffen sich immer noch zum Schachspielen. Der nächste Kurs startet im Spätsommer – und schon jetzt scheint klar: Dieses Mal wird viel größer. Zusätzlich startete er ein Kluge-Frauen-Projekt in der Genthiner Stadt- und Kreisbibliothek. Hier fanden sich bisher vier Frauen, die aus dem Nichts mit Schach begannen. Bibliotheksleiterin Yvonne Hillmann zeigt sich begeistert: In entspannter Atmosphäre zeige Domsgen sein Talent als „wirklich geduldiger und immer freundlicher Lehrer“. Auch dieses Projekt wird weitergehen.
Zuletzt hat Domsgen sogar auf dem Stadtfest, dem Burger Rolandfest, geworben. Sein Stand war zeitweise stark umlagert – auch von vielen jungen Frauen, die plötzlich ihr Interesse für den Schachsport entdecken. Den Denksport preist Domsgen so an: „Schach ist eine wunderbare Möglichkeit, aus einem stressigen Alltag, den viele Frauen zwischen Beruf und Familie haben, abzutauchen“, sagt er, „klar ist auch eine Schachpartie bisweilen Stress – aber ein schöner Stress.“ Nadja Jussupow, die selbst ihre Beginnerinnen-Turnierserie ins Leben gerufen hat, sagt: Bernd Domsgens Initiative habe sie sehr beeindruckt. „Ich ermuntere alle, es ihm gleich zu tun: Wenn es mehr Schachspieler wie ihn an der Basis gibt, die solche Projekte ins Leben rufen, dann wird das vielerorts leider eingeschlafene Frauenschach wieder mit Leben erfüllt.“ (mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - Frauenschach // ID 37062