6. August 2026
Diese junge Frau ist ein Multi-Talent. Fangen wir mit dem von ihr gespielten Instrument an, das eher ungewöhnlich ist: Fagott, ein Holzblasinstrument in der Tenor- und Basslage mit Doppelrohrblatt. Früher spielte sie sogar in einem Ensemble. Mittlerweile fehlt es dafür an Zeit. Wen wundert`s, bei alle den anderen Interessen. Denn auch Klavierspielen beherrscht sie, auch das muss geübt werden – zweimal pro Woche. Und sie klettert sehr gerne, mindestens einmal wöchentlich wird trainiert. Außerdem ist sie eine ausdauernde Läuferin, bekocht gerne mal ihre Familie – und ja: Paula Czäczine ist auch und vor allem eines der größten Schach-Talente Deutschlands. Das wiederum verwundert auch niemanden in der Schachszene so wirklich: Denn der Papa von Paula und Schwester Laura Czäczine, 18 Jahre alt, ist Norman Thielsch - ein 2300-Elo-Fidemeister und erfolgreicher Trainer. Und Mutter Anne Czäczine, Mannschaftsführerin beim CSC Aufbau 95 Chemnitz, hat 2133 Elo auf dem Konto. Aber: Die Mutter spürt mittlerweile den heißen Elo-Atem ihrer jüngsten Tochter im Nacken, denn sie hat gerade die 2100-Elo-Grenze überschritten – mit einem Zugewinn von satten 63 Elo beim Kandidatinnenturnier der Deutschen Einzelmeisterschaft in Dresden. Platz eins – und die Qualifikation für die Meisterklasse im kommenden Jahr. Willkommen in den Top Ten der deutschen Frauen-Rangliste, Paula Czäczine!
Dafür hat die lokale Freie Presse sie schon gebührend gefeiert. Schlagzeile: „15-jährige Chemnitzerin macht sich im Schach einen Namen.“ Tatsächlich kann es Paula Czäczine selbst bis heute kaum fassen. „Glücklich und überwältigt“ sei sie gewesen von ihrem Sieg in Dresden. Damit sicherte sie sich übrigens auch 2.000 Euro Preisgeld. Eine Prämie, die sie in ein weiteres Hobby stecken wird – für ein neues Teleobjektiv. Wer Paula Czäczines Instagram-Account besucht, der stellt schnell fest: In der Fotografie lauert sie genauso geduldig auf ihre (meist tierischen) Motive wie im Schach auf den richtigen Moment für den Angriff. Ihre Fotos faszinieren, regelrechte Kunstwerke sind darunter, auch jene, die zuletzt im Urlaub in der Hohen Tatra in den Karpaten und im Slowakischen Paradies entstanden. Braunbären, Füchse, Greifvögel in freier Wildbahn. Mit Wanderschuhen und Foto-Equipment stapfte die Schach-Familie Czäczine los. „Dem Bären sind wir bis auf 150 Meter nahegekommen“, erzählt Paula Czäczine. Ja, bei diesem Hobby holt sich Paula die Energie für kraftvolle Auftritte am Brett – und fürs Training bei Papa oder bei ihrem Privatcoach. Dreimal pro Woche wird mindestens geübt.
In Dresden verlor sie nur eine Partie und gab zwei weitere Remis ab. Schwester Laura Czäczine hatte auch einen super Start in das Turnier, konnte das hohe Tempo allerdings nicht halten. Drei Niederlagen in den letzten vier Runden verdarben ihr eine bessere Platzierung. In Runde sieben traf sie dann sie auf die drei Jahre jüngere Schwester…
Paula Czäczine selbst spricht heute davon, der Turniersieg in Dresden „war auf jeden Fall überraschend“. Zarte „Hoffnungen aufs Treppchen“ habe sie gehegt – aber der ganz große Wurf? Nein, so vermessen war sie nicht. „Da musste ja schon einiges zusammenkommen.“ Was dann auch passierte. Norman Thielsch kommentierte das auf der Vereins-Webseite sehr launig: „Nun hat sich also auch Paula einen Traum erfüllt. Dass das nächstes Jahr in Stuttgart nicht einfach wird, ist klar. Aber wer weiß. Ein Jahr ist viel Zeit, die aktuelle Motivation zu nutzen. Und bekanntlich wächst man ja mit seinen Aufgaben. Paula, du wächst doch noch, oder?“
Sie sei jetzt schon auf einem vielversprechenden Weg, sagt Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler. Es stecke „so viel Talent“ in dieser Schachfamilie Czäczine, die – angeführt von Mutter Anne - in der vergangenen Saison auch mit dem CSC Aufbau 95 für viel Furore in der Frauen-Bundesliga sorgte und nur knapp den Klassenerhalt verpasste. Dass man angestiegen sei, nun ja, „war schmerzlich, passt aber vielleicht mehr zu unserer aktuellen Spielstärke“, sagt Paula. Auf diesem Bundesliga-Niveau habe sie jedenfalls sehr viel gelernt. Auch wenn es bisweilen hart war. Nur drei Punkte aus elf Partien hat sie geholt – und viel Lehrgeld bezahlt. „Aber jede Partie bringt einen voran“, sagt sie. Und an Niederlagen, sagt Bernd Vökler, der es wissen muss, zerbreche dieses Talent nicht. „Was Paula in Dresden gezeigt hat, lässt sich mit einem Satz beschreiben: Sie hat das Turnier gerockt“, so der Bundesnachwuchstrainer. „Das war sehr, sehr souverän.“ Er selbst habe das tatsächlich sogar erwartet. Weil er ihr sehr viel zutraue. Damit ist er nicht allein. "Ich habe mich wirklich gefreut über ihren Sieg in Dresden", sagt die große Elisabeth Pähtz: "Paula gehört auf jeden Fall zu den Talenten, von denen wir nicht so viele haben, die die Lücke zu den aktuellen Spitzenspielerinnen in Deutschland schließen könnte."
Warum das so ist, zeigte die Gymnasiastin („Schule läuft ganz gut, ein paar Einser und Zweien habe ich auf dem Zeugnisblatt“) beispielhaft in der letzten Runde: Schon ein Remis hätte den alleinigen Turniersieg bedeutet, eine Niederlage aber nur Platz zwei. Das wusste Paula. Aber trotzdem wollte sie diese Stellung gewinnen – und lehnte die Remis-Angebote der Gegnerin ab. 99 Züge, eine Partie in Überlänge – dann war es vollbracht. Sie ist zäh, geduldig, kämpferisch. Und selbstkritisch: „Manchmal habe ich auch in Dresden nicht den besten Zug gefunden.“ Aber letztlich war sie die Beste.
Klar doch, dass gefeiert wurde. Traditionell steht im Sommer eine Fete der Frauenmannschaft beim CSC Aufbau an. „Als kurze Erklärung: Unsere Sommerfeier gibt es jedes Jahr, entweder als Aufstiegs-, Klassenerhalts- oder Abstiegsfeier - je nachdem, was es in der Saison zu erleben gab“, sagt Paula Czäczine und lacht. Was will sie selbst noch erleben? Vielleicht ein Schachjahr nach dem Abitur in drei Jahren? Und herausfinden, ob das Profileben etwas für sie wäre? Keine leichte Frage an eine junge Frau mit so vielen Facetten. Womöglich wäre auch ein soziales Jahr mit Schachkomponente denkbar, sagt sie. „Aber“, fügt sie dann bestimmt hinzu, „ich glaube, ich würde eher ein Fotografie-Jahr einlegen. Ich will reisen, die Welt sehen.“
In diesem Sommer steht aber auch im Schachsport noch viel an. So gibt es in diesem Jahr im August ein ganz besonderes Highlight in Chemnitz. Mit Unterstützung der Emanuel-Lasker-Gesellschaft stellt der Verein ein einzigartiges Frauenturnier auf die Beine - Teams auf Leistungsniveau. Der Chemnitzer Schach-Cup, mit der Turnier-Losung, die auch zu Paulas Leben passen könne: „Schwarz-Weiß und bunt.“ Das Turnier am 22. und 23. August ist ein Nachklapp zu Chemnitz als Kulturhauptstadt Europas im vergangenen Jahr. Acht Teams aus ganz Deutschland wie Bayern München, TuRa Harksheide und der SC Bad Königshofen treten mit vielen Top-Spielern gegen und miteinander im Schnellschach an. Ein buntes, kulturelles Rahmenprogramm wird es geben, vor allem aber wolle man das Frauenschach vernetzen. Deutschlands bekanntester Schachstreamer Georgios Souleidis „The Big Greek“ wird vor Ort live kommentieren - und die Abendveranstaltung mit einem Quiz und einem launigen Vortrag bereichern. (mw)
Weiterführende Links:
| Pl. | Titel | Name | Land | Elo | Verein/Ort | Pkt. | Gegner | Buch |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Paula Czäczine | 2057 | Chemnitzer SC Aufbau | 7 | 1980 | 45,5 | ||
| 2 | Triona Eberle | 2058 | FC ST.Pauli 1910 | 6,5 | 2008 | 48,5 | ||
| 3 | WFM | Helena Neumann | 1995 | Bielefelder Schachklub | 6,5 | 1943 | 46,5 | |
| 4 | WCM | Lilian Schirmbeck | 1979 | Schachklub Halle 1946 | 6 | 1983 | 49 | |
| 5 | WIM | Evelyn Wagenschütz | 2040 | SV "Glück auf" Rüdersdorf | 6 | 1971 | 46,5 | |
| 6 | Frieda von Beckh | 1878 | SK Bad Homburg 1927 | 5,5 | 1954 | 43,5 | ||
| 7 | Kristin Braun | 2063 | SC JÄKLECHEMIE Talente Franken | 5,5 | 1918 | 40 | ||
| 8 | Jana Bardorz | 2083 | TSV 1869 Rottendorf | 5 | 2004 | 49 | ||
| 9 | Johanna Blübaum | 1923 | SK 1858 Gießen | 5 | 1971 | 39 | ||
| 10 | WFM | Anastasia Voigt | 2042 | Schachverein Saalespringer | 5 | 1970 | 41,5 | |
| 11 | WFM | Mara Haug | 1901 | Karlsruher SF 1853 | 4,5 | 1995 | 48 | |
| 12 | Laura Czäczine | 1982 | Chemnitzer SC Aufbau | 4,5 | 1974 | 50,5 | ||
| 13 | WFM | Tetyana Kostak | 2014 | Schachclub Strateg Stuttgart | 4,5 | 1966 | 45 | |
| 14 | WCM | Marharyta Novikova | 2024 | SF Bad Mergentheim | 4,5 | 1911 | 38,5 | |
| 15 | Olena Kosovska | 1927 | SG Grün-Weiß Dresden | 4,5 | 1898 | 38,5 | ||
| 16 | Tilda Loos | 1767 | VfL 1990 Gera | 4,5 | 1824 | 32 | ||
| 17 | WIM | Thi Hong Nhung Khuong | 1943 | SC Kreuzberg | 4 | 1919 | 36,5 | |
| 18 | Valentina Neumeier | 1906 | SK Kelheim 1920 | 3,5 | 1890 | 40,5 | ||
| 19 | Ana-Maria Bursan | 1868 | TG Biberach 1847 | 3,5 | 1843 | 32,5 | ||
| 20 | Liz Eitel | 1761 | SV Werder Bremen | 3,5 | 1839 | 33 | ||
| 21 | Celina Malinowsky | 1740 | Lübecker SV von 1873 | 3,5 | 1834 | 33,5 | ||
| 22 | Dr. Sandra Lobe | 1862 | SK Lehrte von 1919 | 3,5 | 1819 | 31,5 | ||
| 23 | Sabrina Schlüter | 1880 | Verein Segeberger SF | 3 | 1878 | 39,5 | ||
| 24 | Lena Mader | 1866 | SC Ramstein-Miesenbach | 3 | 1866 | 36 | ||
| 25 | Manuela Mekus | 1671 | Düsseldorfer Schachklub 14/25 | 2,5 | 1836 | 31 | ||
| 26 | Ronja Wilke | 1619 | SAV Torgelow-Drögeheide 90 | 2 | 1872 | 37,5 |
// Archiv: DSB-Nachrichten - Frauenschach // ID 11783