18. November 2025
Nadja Jussupow ist begeistert. „Acht wunderbare, interessante und vielversprechende Projekte haben sich beworben“, sagt die Frauenreferentin des Deutschen Schachbundes, „die Entscheidung fiel uns wirklich nicht leicht.“ Letztlich aber wurde von der DSB-Frauenkommission der „Verein des Jahres“ im Bereich Frauenschach gekürt - zum ersten Mal. And the winner is… Karlsruher Schachfreunde 1853. Zudem wurde ein Sonderpreis vergeben – an den Schachklub Kriegshaber. Weil beide Projekte die Frauenkommission begeistert haben, wurde beschlossen, das Preisgeld von 500 Euro zu teilen. Insgesamt zeigen alle Projekte: Der Frauenschachsport mag im DSB mit nur zehn Prozent der Mitglieder unterrepräsentiert sein - aber es gibt Leuchtturmvereine, die Mut machen.
Die Kriterien für die Auswahl umriss Nadja Jussupow auch noch einmal: Neben sportlichen Erfolgen von Frauen und Mädchen spielte die Teilnahme von Frauen- und Mädchenmannschaften am Ligenspielbetrieb eine Rolle. Weiter gilt: Es muss zudem mindestens ein spezifisches Projekt im Bereich Frauenschach durchgeführt werden – und dieses Projekt sollte bereits erkennbare Ergebnisse vorweisen können. „Die reine Absicht ist löblich, wir wollen aber schon etwas sehen“, so Jussupow: „Unser Hauptziel ist es, den Schachsport weiblicher zu machen und neue Mitglieder zu gewinnen – der Breitenschach-Bereich spielt dabei eine wichtige Rolle.“ Und deshalb sei es auch wünschenswert, wenn der Verein Turniere im Frauenbereich organisiert.
Zu den Siegerinnen:
Seit über 35 Jahren setzen sich die Karlsruher Schachfreunde mit Leidenschaft, Kontinuität und Erfolg für die Förderung des Mädchen- und Frauenschachs ein. Mit einem Frauenanteil von über 20 Prozent (52 von 247 Mitgliedern) gehört der Verein bundesweit zu den führenden Vereinen in diesem Bereich – und das nicht nur zahlenmäßig, sondern auch strukturell und sportlich. Ein fester Bestandteil des Vereinslebens ist seit drei Jahren der monatliche Frauenschachabend, der nicht nur Spielpraxis und Training bietet, sondern auch als sozialer Treffpunkt dient. „Mit diesem Angebot möchten wir insbesondere Frauen für das Schach begeistern, die bisher noch keinem Verein angehören. Der Abend ermöglicht einen niedrigschwelligen Einstieg in die Schachwelt und öffnet die Tür zu einem aktiven Vereinsleben. Dabei entdecken auch einige Mütter ihre Freude am Schach oder finden erstmals Zugang zu unserem Verein“, so die Schachfreunde aus Baden.
Wer selbst nicht spielen möchte, kann sich dennoch einbringen: Zahlreiche Mütter der Spielerinnen unterstützen die Vereinsarbeit –als Betreuerinnen bei Turnieren, Helferinnen bei Veranstaltungen oder in der Organisation von Meisterschaften.
Sportlich zählen die Karlsruher Schachfreunde zu den Konstanten im Frauenschach: Seit 1994 ist die badische Frauenmannschaft ununterbrochen in der ersten oder zweiten Frauenbundesliga vertreten, davon 25 Spielzeiten in Liga eins – aktuell in Liga zwei. Immer wieder gehen aus dem Verein Top-Spielerinnen hervor. Man fördere „früh weibliche Vorbilder“ und fördere sie – viele landen dann auch im Ehrenamt. Seit 2016 trägt der Verein das Qualitätssiegel „Top-Schachverein Mädchen- und Frauenschach“. Die Deutsche Schachjugend zertifziert hier im Auftrag des DSB. „Ein besonderes Anliegen ist es uns, Mädchen für den Schachsport zu gewinnen, sie langfristig im Verein zu halten und untereinander zu vernetzen. Wir schaffen gezielt Anreize und Begegnungsräume, in denen Mädchen sich gegenseitig bestärken und gemeinsam Freude am Schach entwickeln können“, so die Karlsruher Devise. Ein besonderer Motor hinter den vielen Aktivitäten ist Kristin Wodzinski, seit sie 2008 die Leitung der Jugendabteilung übernahm, sprüht sie nur so vor Ideen und Tatendrang – für eine der größten und erfolgreichsten Jugendabteilungen Deutschlands, mit einem großen Schwerpunkt auf Mädchenförderung.
Der Sonderpreis geht an den Schachklub Kriegshaber mit Sitz in Augsburg/ Bayern und eigener Frauenmannschaft in der Stadtliga. Seit etwa vier Jahren habe man, so die Frauenreferentin Susanne Bulmer, damit begonnen, mehr Mädchen und Frauen fürs Schachspiel zu werben, zu fördern - und zu halten. „Wir bieten einerseits für Frauen und Mädchen speziell geschützte Räume und Kontaktmöglichkeiten an und wenn es Spielerinnen möchten, haben wir auch ein klares Konzept im Verein, wie sich Frauen und Mädchen in ihrem persönlichen Tempo und nach ihren persönlichen Bedürfnissen auch schachsportlich weiterentwickeln können.“ Kernstück der Bewerbung, und ein sehr origineller Ansatz, ist das monatliches Frauen-Schach-Café mit Kaffee und Kuchen. „Eine tolle Sache“, schwärmt Jussupow, „ich habe den Flyer gesehen und festgestellt, wie intensiv das Angebot von den Frauen wahrgenommen wird.“ Der Zeitpunkt, Sonntag nachmittags, scheint für viele Frauen gut geeignet, denn der Andrang ist groß. Dieses Format ist ein niederschwelliges Angebot für schachinteressierte Frauen, die ganz neu zum Schach kommen oder in ihrer Jugend schon mal Kontakt mit dem Schachspiel hatten.
Durch das Engagement des Vereins konnte der Bezirk auch zum ersten Mal in seiner Geschichte 2023 eine Dameneinzelmeisterschaft ausrichten. „Auch das“, so Jussupow, „ist vorbildlich. Das gibt es nicht oft in Deutschland, sollte aber am besten Standard werden: Über eine Bezirksmeisterschaft kommen die Frauen per Qualifikation zu Landesmeisterschaften.“ Derzeit passiere hier noch zu viel nach dem Zufallsprinzip. Ein weiteres Highlight in Augsburg: Ein Online-Spiel gegen eine Damenmannschaft aus Nairobi (Kenia). Auch eine Vortragsreihe, ausschließlich für Mädchen und Frauen, wurde zuletzt organisiert. Und ganz aktuell bietet der Verein seit dieser Saison einen VHS-Kurs für Schach-Anfängerinnen an, der in den Klubräumen stattfindet.
Weitere Bewerberinnen waren der SC Zitadelle Spandau 1977 mit seinen „Havelqueens“ – in Zusammenarbeit mit Caissa Falkensee. Seit 2024 gibt es hier regelmäßiges Training an zwei Standorten, eigene Mädchenturniere und einen Teamstart mit 14 Spielerinnen in der Havellandliga. Höhepunkte waren zwei Turniere unter dem Motto „Zita sucht die Havelqueen“ und „Mädchen gegen Jungs“. Ein Empowerment-Workshop für Mädchen Ü12 ist in Arbeit.
Der Bundesliga-Aufsteiger SK Freiburg-Zähringen 1887 bewarb sich ebenfalls. Unter den 165 Mitgliedern (99 Jugendliche unter 25) sind 30 Mädchen und Frauen. Auch die Freiburger sind seit 2016 „Topverein Mädchen & Frauenschach“, mit einer Referentin für Frauenschach im Vorstand. Es gibt viele Turniere für Mädchen, gezieltes Training – und Mädchenteams. Höhepunkte sind die eigenständige Bezirksmeisterschaften, nur für Mädchen. Hier habe man beobachten können, dass dieses Format mehr Mädchen angesprochen hat als die gemeinsamen Bezirksmeisterschaften mit den Jungs. Gerade Schachanfängerinnen trauen sich eher in einem reinen Mädchenfeld zu spielen und können so erste Turniererfahrungen sammeln. Credo: „Wir sind absolut überzeugt davon, dass Mädchen „Mädchen brauchen“, um leichter Zugang zu einem Schachverein zu bekommen und dann auch langfristig im Schachverein eine Heimat zu finden.“
Der Chemnitzer SC Aufbau, auch ein Bundesliga-Aufsteiger, der das Abenteuer mit seinen Nachwuchskräften angeht, weiß mit einem hohen Frauenanteil im Verein von 18 Prozent zu beeindrucken. Zudem ist die Hälfte der Trainer weiblich. Hier sollen sich Mädchen wohlfühlen: Es wird gemeinsam Plätzchen gebacken, es gibt Kinoabende und andere Aktivitäten zur Stärkung des Zusammenhaltes. In Planung: ein Internationales Frauenschachturnier 2026 in Chemnitz.
Die SG Porz ist der größte Schachklub Kölns: 212 Mitglieder, ein Frauenanteil von 21 Prozent. Mehr als 100 Kinder und Jugendliche, dazu eine erfolgreiche Schachschule mit wöchentlich 50 Kindern – darunter viele Mädchen, für die es drei eigene Trainingsgruppen gibt. „Wir bieten ihnen damit eine wichtige Wohlfühlumgebung“, so der Verein. Der Verein formt immer wieder starke Spielerinnen, holt viele Titel, nach dem Credo: „Engagement im Mädchenschach ist kein Nischenprojekt, sondern ein wichtiger Beitrag zu mehr Vielfalt und Fairness.“
Der VfB Friedrichshofen hat 70 Mitglieder, davon sind 18 weiblich. Die Zahl steigt stetig. Hier ist vieles noch im Entstehen, wie eine Kreativecke im Vereinsraum und mehr Internet-Präsenz.
Ganz jung ist der Verein Königsspringer Karben. Die Gründung: erst im April 2024. Mittlerweile gibt es 34 Mitglieder, darunter sieben Frauen und Mädchen. Mit einer Schulschach-AG (mit eigenem Team) und einer Damenmannschafts im Spielbetrieb ist sehr schnell viel erreicht worden. „Da wächst was, auch das werden wir weiterverfolgen“, so Jussupow.
Das gilt für viele Projekte. Gute Nachricht für alle Vereine: Die Neuauflage des Wettbewerbs (dann mit insgesamt 1.000 Euro Preisgeld) ist schon beschlossen – es lohnt sich also, weiterhin den weiblichen Schachsport intensiv zu fördern. (mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - Frauenschach // ID 36841