6. März 2026
Ach, diese Lücke. Diese entsetzliche Lücke. Nein, es geht nicht um den gleichnamigen Roman von Roman Meyerhoff, der seit einigen Wochen auch als Film in den Kinos läuft. Nein, von dieser Lücke ist in den Gesprächen mit Schachfreunden aus Hannover immer wieder die Rede. Hannover – eine Stadt mit großen Schachvereinen, aber wenigen Turnieren. Schon gar keine großen. Wie gut, dass nach 23 Jahre Pause die Deutsche Schach-Amateurmeisterschaft wieder Station in Niedersachsens Metropole macht. Gestern ging es los mit dem Blitzturnier, heute starten die Runden - bis Sonntag, 8. März. Hannover war 2001/2002 (der Startsaison der DSAM) und 2002/2003 bereits bei der DSAM dabei. Für zwei Hannoveraner Vereine gilt bei der Rückkehr die Devise: Wenn die DSAM zum Heimspiel wird, gibt es kein Halten mehr. Der eine, HSK Lister Turm, hat 23 Teilnehmer gemeldet, das Schachzentrum Bemerode immerhin 17. Die Akteure können mit dem Fahrrad anreisen. Hinzu kommen weitere große regionale Delegationen wie Freibauer Wedemark (11) oder die Schachfreunde Ricklingen (10), für die es auch nur ein Katzensprung ist. Es wird die Heimschläfer-DSAM. „Wir freuen uns sehr, dass die DSAM endlich auch in Hannover Station macht“, sagt Antonio Redondas, Spielleiter des HSK Lister. Er wird selbst bei der DSAM mitspielen und ist voller Vorfreude: „Für viele von uns ist dieses Turnier so etwas wie die Krone der Amateurturniere – sehr beliebt, hervorragend organisiert und mit kompakten Gruppen, die spannende und ausgeglichene Partien ermöglichen.“ Marcel Lange vom Schachzentrum Bemerode ergänzt: „Selbst ein solches Turnier auszurichten ist in der heutigen Zeit eigentlich unmöglich“, so der Vereinschef, „Sponsorensuche, Räumlichkeiten, ein Organisationsteam - der ganze Zeitaufwand ist nicht zu stemmen. Wunderbar, dass das DSAM-Team bei uns vorbeikommt und für ein echtes Highlight in der Stadt sorgt.“
Vorneweg: Sowohl der HSK Lister als auch das SZ Bemerode sind mitgliedsstarke Vereine. Über 200 Mitglieder stellen die einen, die anderen immerhin 140. So gesehen ist die Größe ihrer DSAM-Abordnung keine Besonderheit. Aber, betont Thomas Moseler vom HSK Lister Turm, der auch bei der DSAM antritt, diese große Teilnehmerzahl sei auch Ausdruck des Turnier-Heißhungers in der Stadt. Als im Verein auf den Termin hingewiesen wurde, hätten gleich viele gesagt: Da wollen sie dabei sein. „Wir haben sehr viele Mitglieder, die oft weit für Turniere fahren“, sagt Moseler, beim HSK Schriftführer und selbst ein fleißiger Turnier-Reisender, „was gibt es da Schöneres, als dieses tolle Turnier jetzt vor der Haustüre zu haben.“ Dann fügt er lächelnd hinzu: „Viele Schachspieler achten ja schon auch auf ihren Sparstrumpf.“ Soll heißen: Man spart sich Reise- und Übernachtungskosten – und hat als Heimschläfer ein sportliches Highlight.
Moseler, 58, von Beruf Programmierer, kennt die DSAM von Turnierteilnahmen in Potsdam und Kassel. Sein Vereinskollege Redondas, ein 41-jähriger Spanier, den es aus beruflichen Gründen nach Niedersachsen verschlagen hat, spielte die DSAM auch schon in Magdeburg, Bad Wildungen und Potsdam. Es sei jedes Mal ein Highlight gewesen, so der Buchhalter: „Mit gefällt die sensationell gute Organisation“, sagt er im Gespräch mit dem DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit, „und wir müssen so ehrlich sein, dass wir in Hannover unseren Turnierhunger alleine nicht gestillt bekommen.“ Zwar plant der Verein, den Redondas als „engagierte und aktive Gemeinschaft“ bezeichnet, für 2026 noch ein eigenes Turnier, aber es werde von der Größe nicht ansatzweise mit der DSAM vergleichbar sein. „Turnier-Organisatoren sind ein bestimmter Schlag Leute“, sagt Moseler, „man muss Lust darauf haben, sich diesen Stress anzutun. Von diesem Schlag haben wir beim HSK aber leider nicht so viele.“
Gut also, dass es die DSAM gibt. Da rechnen die Organisatoren beim Hannover-Comeback nach so langer Zeit mit rund 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Maritim. „Klar wird bei uns Heimspielgefühl aufkommen“, sagt Redondas. Der Appell, in einheitlicher Vereinskleidung zu erscheinen, wird denn auch nochmal rausgehen. Die DSAM wird zudem als Chance für den eigenen Verein begriffen: „Ein Heimspiel bedeutet nicht nur kürzere Wege, sondern auch eine besondere Atmosphäre: bekannte Gesichter, gegenseitige Unterstützung und ein sehr motivierendes Umfeld. Gleichzeitig ist es eine schöne Gelegenheit, unseren Verein und die lokale Schachszene zu präsentieren und vielleicht auch neue Interessierte für das Vereinsleben zu begeistern.“
Schließlich haben sie beim HSK Lister, der nicht nur im Breitensport gut aufgestellt ist, sondern auch eine starke erste und zweite Mannschaft hat, seit Jahren Höhenluft in der zweiten Liga (und in der Saison 2023/24 auch in Liga eins) im Schachsport schnuppert, ein äußerst einladendes Vereinsmotto. Man nennt sich „der freundliche Schachverein“ und wirbt nicht nur damit, der größte in der Region zu sein, sondern auch eine besondere Willkommenskultur zu pflegen. „Kommen Sie freitags einfach vorbei und überzeugen Sie sich von der freundlichen Atmosphäre. Sie finden bestimmt jemand, der mit Ihnen eine Partie spielt oder/und ein Schwätzchen hält“, heißt es auf der Webseite. Das könnte als Motto auch für die DSAM gelten. „Natürlich ist die DSAM jetzt kein Turnier für unsere Topleute, die Top 30 des Vereins, das passt schon von der Elozahl nicht“, sagt Thomas Moseler, „aber wir werden mit einem bunten Mix an Teilnehmern bestimmt eine tolle Truppe stellen.“ Auch einige der rund 60 Jugendspieler im Verein wollen mit dabei sein. (mw)
Beim Nachwuchs aus dem Vollen schöpfen kann auch das Schachzentrum Bemerode. Hier heißt der, ebenfalls einladende, Slogan: „Vom Kindergartenkind bis ins hohe Alter sind alle willkommen.“ Das SZ Bemerode hat eine junge Historie: An der Grundschule „Am Sandberge“ wird das königliche Spiel seit Jahren gelehrt – sie ist quasi die Wiege des Vereins. Nachdem die Einrichtung im Mai 2010 zur Deutschen Schachschule ernannt wurde, hat sich das Schachzentrum Bemerode gegründet, damit auch Vereinssport möglich wurde. Der Vorsitzende des Schachzentrums war lange die Hannoveraner Schachlegende Heinz Jürgen Gieseke, der die perfekte Symbiose vom Schulschach zur Vereinsgründung schaffte. Man habe damit „Berührungsängste bei den Kindern“ abgeschafft, weil nach der Schulzeit dann auch im Verein bekannte Gesichter angetroffen wurden. Mittlerweile gibt es auch Kooperationen mit weiteren Grundschulen sowie mehreren weiterführenden Schulen.
Gieseke ist heute Ehrenvorsitzender. Das Amt des Vereinschefs beim SZ Bemerode hat im Sommer 2024 Marcel Lange übernommen – aber heute einräumt, das Ganze ein wenig unterschätzt zu haben: „Ich war vielleicht etwas blauäugig, was den Arbeitsaufwand angeht und hatte zu wenig Vorwissen“, sagt der ehemalige Erzieher und heutige Lagerist. Kurzum: Allzu lange wird der 27-Jährige das Amt wohl nicht mehr fortführen. Er spricht vom „Fluch des Ehrenamtes“. Gleichwohl ist er natürlich stolz darauf, wie sich der Verein präsentiert: „Bei der Bezirksmannschafts-Meisterschaft hatten wir ein Durchschnittsalter von 22 Jahren – der Rest der Teilnehmer lag bei 64 Jahren.“ Soll heißen: Bemerode gehört zweifellos die Zukunft. Und wie jung und schlagkräftig der Verein ist – das werde man auch bei der DSAM sehen. Es ist die Vorfreude auf das große Heimspiel. (mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - Breitenschach // ID 36938