25. Juli 2026
Man könnte sagen: Der Mann ist auf Nummer sicher gegangen. Vier Mal ist er in dieser Saison zu Vorrundenturnieren der Deutschen Schach-Amateuermeisterschaft angetreten, gleich drei Mal hat er sich fürs Finale qualifiziert: in Hannover (Platz sieben), Travemünde (Platz drei) und Magdeburg (Platz sechs). Und da natürlich eine Qualifikation komplett ausreicht, ist er in Dresden dabei. Zum zweiten Mal Finalteilnehmer, nach 2019. Damals belegte er mit zwei Punkten Rang 31 in der A-Gruppe. „Die DSAM“, sagt David Riemay, „ist das ideale Einsteigerturnier. Ich liebe das Format auch, weil es als Fünf-Runden-Turnier am Wochenende, gut mit Beruf und Familie zu vereinbaren ist. Aber“, und dann kommt der Seufzer, „die A-Gruppe ist ein sehr hartes Pflaster.“ Auch für einen wie ihn, der als der Schach-Erklärer gilt. Denn David Riemay kennen die meisten nur unter dem Namen Schachpanda.
Als Schachpanda veröffentlicht er seit Jahren Videos auf seinem YouTube-Kanal. Nur nebenbei: Neben vielen Party-Analysen und Trainingsvideos findet sich dort auch ein wunderbares Video, das die DSAM und ihren Modus vorstellt. Auch in diesem Video ist seine Liebe zu diesem Turnierformat herauszuhören.
Stellen wir den Schachpanda mal kurz vor: David Riemay, 40 Jahre alt, begann mit dem Schachspiel in Apelnstedt, bevor er nach Salzgitter wechselte. Von dort aus zog es ihn für knapp zehn Jahre (zum Physik-Studium) nach Berlin, wo er für die Schachfreunde 1903 spielte - bevor er wieder nach Niedersachsen kam und dort wieder für die SVG Salzgitter am Landesliga-Spitzenbrett spielte. Mittlerweile ist er für den SC Braunschweig Gliesmarode aktiv. Zeitweise hatte er eine DWZ über 2300, mittlerweile sind es 2208, Elo 2184. In seinem Verein ist er damit die Nummer eins. „Ich hatte schon Talent“, um mehr Titel (als den FM) und Trophäen abzuräumen, hat er einmal im Podcast Schachgeflüster gesagt, „aber ich habe zu wenig dafür getan.“ Es fehlte der Trainingsfleiß.
Doch so richtig bekannt machte ihn sein eigener Schachkanal. Wie der Name entstand, kann er gar nicht so recht sagen. Beim Brainstorming sei ihm der eingefallen – eine besondere Beziehung zum Pandabären hat er eigentlich nicht. Und dass die großen Pandas schwarz-weiß sind, ist auch nicht der Grund. In jedem Fall ist der Name einzigartig, längst ein echter Markenbegriff für seriöse Schachvideos - auf einem Feld, wo auch viel Klamauk-Macher unterwegs sind. Bei der DSAM oder beim Grenke-Open (außer den beiden spielt er keine größeren Turniere) wird er häufig darauf angesprochen: „Du bist doch der Schachpanda…“ Jawoll, er ist es wirklich. Und damit hat er einen gewissen Promistatus, wie auch DSAM-Turnierdirektorin Sandra Schmidt sagt: „Für viele ist es schon was Besonderes, gegen den Schachpanda zu spielen. Er ist auch sehr beliebt, weil er ein richtig netter Mensch ist.“
Im ersten Lockdown im April 2020 begann David Riemay mit seinem YouTube-Projekt, bei dem er sein Talent als Schach-Lehrer auf großer Bühne unter Beweis stellen kann. Anfangs legte er ein unglaubliches Tempo vor – alle zwei Tage ein Video. „Ich glaube, ich konnte schon immer gut erklären“, sagt er, der früher neben dem Studium Nachhilfe gegeben hat. Mittlerweile hat er über 15.0000 Abonnenten auf seinem Kanal.
Seinen eigentlichen Job als Software-Entwickler hat er nach acht Jahren Festanstellung an den Nagel gehängt, genießt seitdem die Selbständigkeit auf zwei beruflichen Gebieten. Er sieht sich selbst als so genannte Scanner-Persönlichkeit. Das Buch der amerikanischen Autorin Barbara Sher hat ihn inspiriert: „Du musst Dich nicht entscheiden, wenn Du 1000 Träume hast.“ Soll heißen: Es gibt Menschen, die Scanner, die sich nicht auf ein einziges Lebensthema beschränken wollen, weil sie sich so vieles vorstellen können. Schach ist nur ein Business-Faktor für den 40-Jährigen, wenngleich „außer Big Greek in Deutschland vermutlich keiner von seinem Kanal leben kann“, wie er sagt, laufe es ganz ordentlich – und er plane mittelfristig, den Bereich noch auszubauen.
Zwischendurch kamen ihm aber auch mal Zweifel. Als es mit den Klickzahlen nicht mehr stetig bergauf ging, habe er „nach logischen Gründen gesucht. Es war wie ein Teufelskreis – und es dauert, bis man versteht, dass es oft nur der Algorithmus ist, der einen ausbremst.“ Er bewies einen langen Atem. Von seinen 15.000 Abonnenten schauen 2.000 seine Videos regelmäßig, was für Youtube ein hoher Wert ist – und auf eine treue Community schließen lässt.
Sein Geld verdient er aber vor allem als Hochzeits- und Trauerredner. Ein ungewöhnlicher Beruf – für einen ungewöhnlichen Typen. Noch in der Schule habe er Referate und freies Reden so gar nicht gemocht, die Noten dafür seien ernüchternd ausgefallen. Irgendwann aber bat ihn ein Freund, für seine Hochzeit die Rede zu halten. Was richtig gut ankam. „Das war ein Schlüsselerlebnis. Bis dahin dachte ich, dass ich das gar nicht kann.“ Der zweifache Familienvater (seine Kinder sind acht und fünf Jahre alt) beschloss, das beruflich zu machen. „Ich muss mit dem Paar auf einer Wellenlänge sein, um eine schöne Rede für die beiden zu schreiben“, sagt er: „Man feiert schließlich gemeinsam einen der schönsten Tage im Leben.“ Und weil Hochzeiten meist nur zur warmen Jahreszeit gefeiert werden, aber Todesfälle naturgemäß übers ganze Jahr verteilt anstehen, hat er sein Portfolio um Trauerreden erweitert. „Man könnte sagen: Ich bin für jene, die nicht in der Kirche sind, der Ersatz für einen Priester.“ Ein Job, der viel Empathie voraussetzt.
Nun also das DSAM-Finale im Rahmen des Schachgipfels. Taten statt Worte. „Die DSAM“, sagt er, der ganz bewusst ohne Familie anreist, „ist immer wie eine Auszeit für mich, da tauche ich für drei Tage tief ein in die Schachwelt.“ Es soll viel besser laufen als beim ersten Mal 2019, das hat er sich vorgenommen. Aber als Schachpanda hat er dabei einen entscheidenden Nachteil: Er analysiert auch oft seine Partien im Netz, alles ist also öffentlich. Soll heißen: Wer ihm folgt und gut hinschaut, ist klar im Vorteil. „Die Leute sind auf meine taktischen Varianten vermutlich sehr gut vorbereitet.“ (mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - Breitenschach // ID 37081