26. März 2026
Sandra Schmidt, die Turnierchefin der DSAM, spricht von einem „ganz besonderen Teilnehmer“. Wenn er gemeinsam mit seinem Assistenten am Brett sitze, dann erinnere sie die Szenerie an den Film „Ziemlich beste Freunde“. Eine auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte von einem Mann im Rollstuhl und seinem Helfer. Oliver Biermann sitzt auch im Rollstuhl. Der 36-Jährige aus Berlin erkrankte im Alter von drei Jahren am Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS). „Die Krankheit griff zunächst meine Nieren an, anschließend die Bauchspeicheldrüse und schließlich das Kleinhirn“, schreibt Oliver, der mit der DSB-Öffentlichkeitsarbeit über einen Chat kommuniziert. „Ich organisiere mein Leben mit einem 24/7-Assistenzteam“, also rund um die Uhr: „Trotz aller Herausforderungen bin ich ein lebensfroher Mensch.“ Das kann Dario Mulas nur bestätigen. Der 33-Jährige ist persönlicher Assistent für Menschen mit Behinderung. Oliver Biermann sei quasi sein Chef, sagt er mit einem Lächeln, „einer der besten Chefs, die ich bisher hatte“. Und: „Oli ist super unkompliziert, fröhlich, ein offener Typ. Ich bewundere ihn für seine Einstellung zum Leben. Er ist so aktiv – davon könnten sich wirklich viele Menschen eine Scheibe abschneiden.“
Es ist die achte Turnierteilnahme bei der Deutschen Schach Amateurmeisterschaft für Oliver Biermann. Er startet vom 26. bis 29. März in Travemünde. Dario Mulas wird ihn begleiten. Für ihn ist es das dritte Schachturnier an der Seite von Oliver Biermann. Man verstehe sich gut, in einem Jahr Zusammenarbeit habe sich auch ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt, sagt Dario Mulas. „Wir haben den gleichen Humor, liegen auf einer Wellenlänge.“ Defacto aber fährt er als Angestellter von Oliver Biermann mit, der vom Landesamt für Soziales und Gesundheit ein Budget zur Verfügung gestellt bekommt – wen er dafür als Assistenten einstellt, kann er frei entscheiden.
Das Interview zwischen Oliver Biermann und Matthias Wolf läuft über WhatsApp. Das sei ihm am liebsten, sagt Oliver Biermann. Frage um Frage arbeitet er so ab. Es ist letztlich wie ein Gespräch, nur mit Pausen. Telefonieren ist keine Option. Er kann nicht sprechen. „Mit fünf Jahren bekam ich meinen ersten Talker“, sagt der Berliner. Ein Talker ist eine elektronische Kommunikationshilfe, ein Sprachcomputer. Er ermöglicht Teilhabe durch Sprachausgabe, via Touchscreen, Augensteuerung oder Taster. „Mit einem Reflektorpunkt kann ich schreiben und mich so verständlich ausdrücken. Das ist mein Weg zu sprechen – und er funktioniert.“ Die Technik ermöglicht Oliver Biermann auch, seinem liebsten Hobby nachzugehen: Schach.
Auf seiner Bildschirm-Oberfläche am Rollstuhl hat er ein Schachbrett und zeigt so die einzelnen Züge an. Die führt dann Dario Mulas für ihn aus. „Ich bin da ganz vorsichtig“, sagt der Assistent, im Bewusstsein der Berührt-geführt-Regel, „ich zeige auf dem Brett den Zug an, ob ich alles richtig verstanden habe. Erst dann ziehe ich.“ Dario ist selbst kein guter Schachspieler, wie er offen einräumt, er kenne aber die Regeln. „Das ist ja wichtig, weil es sonst nicht funktionieren würde.“ Dario hat längst erkannt, was der Denksport Oliver Biermann bedeutet: „Schach ist ein großer, wichtiger Teil seines Lebens. Er hat dadurch Freunde gefunden, kommt in der Welt rum.“
Aber nicht nur durch Schach. Die beiden waren auch schon zweimal gemeinsam in Italien. Es ist das Heimatland von Darios Vater - weshalb er die gemeinsamen Flüge nach Mailand auch genießt. Was sich stressig anhört, sei „eine ganz normale Reise, wie mit anderen Leuten auch“. Von Mailand geht es dann weiter nach Turin. Denn Oliver Biermann hat noch eine weitere, große Leidenschaft: Fußball. Juventus Turin. Und, als bedürfe es noch eines Beweises, wie selbstbestimmt Oliver Biermann sein Leben führt: In dieser Saison hat er schon fünf Juve-Spiele gesehen. Wie kommt es zu der großen Liebe zu „La Vecchia Signora“, zur Alten Dame, wie Juve genannt wird? „Zuerst war ich viele Jahre lang Fan von Borussia Dortmund. Zu Weihnachten habe ich damals das Fifa-Computerspiel geschenkt bekommen - und habe immer öfter mit Juventus Turin gespielt“, erklärt er: „Irgendwann ist es passiert. Ich habe mich in Juve verliebt.“ Schwarz-Weiß statt Schwarz-Gelb.
Zurück zum Schachsport. Das Spiel habe er im Alter von dreizehn Jahren von meinem Onkel gelernt, berichtet Oliver Biermann. Turniere spielt er seit vier Jahren. Am liebsten die DSAM. Die Organisation des Turniers begeistere ihn – auch die Herzlichkeit, mit der er empfangen wird. Man sei, sagt Sandra Schmidt, beim DSAM-Team sehr stolz, dass wirklich jeder mitspielen kann – unabhängig von seinem Handicap. Auch Dario Mulas sagt, der Großteil der Gegner gehe sehr gut mit der ungewöhnlichen Situation um, dass ihnen ein Spieler mit Behinderung gegenübersitzt. „Er ist für die anderen ein ganz normaler Typ, ein ganz normaler Spieler“, sagt Dario Mulas. Dann fügt er süffisant hinzu: „Und sind wir nicht alle besonders?“ Wohl wahr.
Zu Turnieren reist Oliver Biermann immer mit zwei Assistenz-Kräften. Ein Assistent begleitet ihn tagsüber und ist während der Partien an seiner Seite, der zweite Assistent übernimmt die Nachtschicht. „Es ist immer jemand da.“ Gemeinsam fahren sie mit dem Zug zu den Turnieren, buchen sich meist auch gemeinsam eine kleine Ferien-Wohnung. Oliver Biermann nimmt die Turniere sportlich sehr ernst. Das beginnt schon mit der Vorbereitung, und auch nach dem Turnier wird dann ausgewertet – gemeinsam mit seinem Schachlehrer: „Mein Trainer geht die Partien noch einmal mit mir am Brett durch, um mir zu zeigen, was ich hätte besser machen können.“ Das alles für ein großes Ziel, das weit über das olympische Motto von Dabeisein-ist-alles hinausgeht: „Ich habe einen großen Traum: Eines Tages möchte ich ein DSAM-Finale erreichen.“ (mw)
Auf seiner YouTube-Seite gibt Oliver Biermann Einblicke - auch, wie sein Talker funktioniert
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