23. Juli 2026
Wer Rebekka Schuster googelt, der bekommt exakt jenen Eindruck von ihr, den sie selbst so beschreibt: „Ich glaube, mein Tag hat mehr als 24 Stunden.“ Das gilt für ihr Berufsleben – aber auch für ihr Hobby: Schach. Sie ist der Prototyp der vielfältig aktiven Schachspielerin und -funktionärin. Die Leidenschaft für den Schachsport wurde ihr quasi in die Wiege gelegt. „Mein erster Schachausweis wurde mir ausgestellt, als ich ein Jahr alt war“, sagt sie und lacht: „In dem Alter sitzt man natürlich nur da und bewegt die Figuren.“ Die Figuren bewegen, wesentlich zielsicherer als damals, wird sie auch beim Schachgipfel in Dresden. Rebekka Schuster, 41, von der SG 1871 Löberitz hat sich fürs Finale der Deutschen Schach-Amateurmeisterschaft qualifiziert. Beim DSAM-Turnier in Travemünde. Als sie danach nach Hause kam, standen ihrer Töchter Clara und Isabell, beide auch Schachspielerinnen, 15 und 17 Jahre alt, schon an der Eingangstür und empfingen die erfolgreiche Mama mit „Finaaaaaale“-Rufen.
Schauen wir mal auf das bewegte (Schach-)Leben von Rebekka Schuster, die einst Übersetzerin studiert hat: Sie arbeitet seit einigen Jahren für ein großes, international agierendes Unternehmen im Bereich der Energieversorgung. Windenergie, Photovoltaik – nachhaltige Energiegewinnung sei schon immer ihr Ding gewesen, sagt sie. Wohnsitz Leipzig, ein Büro in Berlin, häufiger aber ist sie auch vor Ort am Stamm-Firmensitz in Paris, Frankreich. Rebekka Schuster kommt viel rum, meist per Zug. Und wenn sie dann schonmal beruflich in Frankreich weilt, kann sie ja auch gleich dort Schach spielen. Bei CATE, Cercle Airbus Toulouse Échecs, spielt sie für das Frauenteam in der Liga Nationale 1 – das ist die zweithöchsten Schach-Spielklasse in Frankreich. Bei den Männern von CATE, die gerade aufgestiegen sind, sitzt sie in der National 2 am Brett. Etwa zehn Mal im Jahr sei sie in Frankreich. Da die Wettkämpfe im Süden/Südwesten stattfinden, nimmt sie hier von Paris aus auch noch weite Wege auf sich.
Wir finden sie aber auch in Mannschaftsaufstellungen anderer Ligen. Zum Beispiel in der Berliner Feierabend-Liga, da spielt sie für den SC Kreuzberg – passend, wenn sie gerade ohnehin im Büro in der Hauptstadt ist. Und man trifft sie dann auch abends beim Kneipenschach am Berliner Ostkreuz.
Berlin ist auch Anlaufpunkt für sie in anderer Schach-Mission: Sie arbeitet im Vorstand der Emanuel Lasker Gesellschaft mit. Hier geht es – die Brücke zum Job – um Nachhaltigkeit und kulturelle Werte, die der Schachsport unter der Flagge der ELG vermitteln will. Kürzlich hat sie mit Elisabeth Pähtz, Anna Endress und dem neuen DSB-Präsidenten Paul Meyer-Dunker auch in einem ELG-Team bei der Internationalen Luftfahrtausstellung in Berlin gespielt. „Chess4europe“, die ELG-Initiative zur internationalen Vernetzung von Schach und Kultur sei eine Herzensangelegenheit für sie, sagt Rebekka Schuster.
Und das alles hat sie im Elternhaus vermittelt bekommen. Ihren Vater Konrad Reiß hat das Zeit-Magazin einmal so gewürdigt: „Was wäre das deutsche Schach ohne Menschen wie Konrad Reiß? Nicht nur hat er im Dorf Löberitz bei Bitterfeld das Schachleben eines der ältesten Vereine Deutschlands, der SG 1871 Löberitz, wiederbelebt, er schuf dort, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, sogar ein wunderbares Schachmuseum.“
Fuchs, Hase – und fünf Töchter von Konrad Reiß in Löberitz. Alle spielen Schach in dem Traditionsverein, den Reiß in den Siebziger Jahren neu aufgebaut hat. Rebekka Schuster ist heute zweite Vorsitzende der SG Löberitz und Mannschaftsführerin bei den Frauen, die in diesem Jahr nur um Haaresbreite (am Ende fehlte ein halber Punkt im direkten Duell mit dem SZ Seeblick aus Dippoldiswalde) die Rückkehr in die erste Bundesliga verpassten. „Das war schon bitter“, sagt Rebekka Schuster, die die Organisation rund ums Team macht. Löberitz ist 2025 abgestiegen – und wollte eigentlich direkt wieder hoch. „Ich habe die Jahre in der Bundesliga sehr genossen, deshalb war es sehr schade, dass es in diesem Jahr nicht geklappt hat. Aber wir greifen nächste Saison noch einmal an.“ In Löberitz spielen einige lettische Schachspielerinnen, die über die Großmeisterin Dana Reizniecze-Ozola, eine langjährige Freundin von Rebekka Schuster, zum Team gekommen sind.
Kein Zufall deshalb, dass Rebekka Schuster ihre zweite große sportliche Leidenschaft vor einigen Jahren zum ersten Mal auf die Spitze getrieben hat: Die begeisterte Läuferin hat den Riga-Marathon absolviert. In diesem Jahr ist sie beim Oberelbe-Marathon gestartet, in beachtlichen vier Stunden und zwei Minuten ins Ziel gekommen. Zum Laufen ist sie im Grunde auch übers Schach gekommen. „Beim Kondi-Blitz habe vor ein paar Jahren gemerkt, dass ich nicht fit bin“, sagt sie, „jetzt sehe ich das Laufen als wichtigen Ausgleich zum Sitzen am Brett.“
Nun also das DSAM-Finale in Dresden. Eine Premiere für sie. Die DSAM liebt sie für die Kompaktheit und die bunte Mischung. „An einem Wochenende viel Schach spielen und viele tolle Leute treffen, das ist wirklich ein soooo schönes Turnier“, sagt sie. Papa Konrad will in Dresden auch vorbeikommen und sie anfeuern, direkt nach dem Gipfel geht es mit der ganzen Familie, mehrere Generationen, in den Urlaub nach Italien. Wo, logisch, auch sehr viel Schach gespielt wird. (mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - Breitenschach // ID 37064