8. Januar 2026
Eigentlich fehlte nur die Musik von David Bowie. „Absolute Beginners.“ Wie heißt es darin so schön? „Ich habe nicht viel anzubieten. Ich bin ein absoluter Anfänger.“ Klar, es geht bei diesem Liebessong nicht um Schach – aber der Text passt prima zu einem Turnier der besonderen Art, mit dem das Referat Frauenschach des DSB ins Neue Jahr startet. Ausgestattet mit neuen Bannern, auf denen Nadja Jussupow für ihre Wahl zum Frauenschach-Verein des Jahres wirbt und sie Frauen ohne große Schach-Vorkenntnisse zum Mitspielen auffordert („Trau Dich, mach den ersten Zug“), bat die Frauenschach-Referentin des DSB zum ersten Turnier für Anfängerinnen – Jussupow nennt sie Beginnerinnen. Dieses Vier-Runden-Turnier fand im Rahmen der traditionsreichen Staufer Open 2026 in Schwäbisch-Gmünd statt. „Eine sehr schöne Erfahrung für mich“, sagte Jussupow nach dem Frauenturnier mit insgesamt zehn Spielerinnen: „Ungewohnt, aber es hat großen Spaß gemacht.“ Und die Siegerin, mit vier Punkten aus vier Partien, Joanna Bendoraitytė-Wolf, schwärmte im Gespräch mit dem DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit: „Ich hätte niemals gedacht, dass ich sogar gewinne“, sagte die 45-Jährige und lachte: „Ich weiß eigentlich nur, wie die Figuren ziehen und dass man besonders auf den König aufpassen muss.“
Genau für solche Spielerinnen war das Turnier gedacht. Die Litauerin, die in Leipzig studiert hat und in Deutschland ihre große Liebe fand, war eigentlich nur Begleiterin ihres Mannes und ihrer beiden Töchter – allesamt leidenschaftliche Hobbyspieler. „Ich bin eine typische Begleitperson, die nur wartet bei solchen Turnieren“, sagt sie, „niemals hätte ich mich getraut, in so einem Open selbst mitzuspielen, weil ich zu wenig weiß über dieses Spiel, das meine Familie so fasziniert. Alles, was ich kann, also sehr wenig, habe ich beim Zuschauen aufgeschnappt.“ Nun setzte sich Joanna Bendoraitytė-Wolf selbst ans Brett und lernte vor allem eines: „Das ist ganzschön anstrengend. Ich war nach jeder Partie fix und fertig und kann jetzt nachvollziehen, was richtige Schachspieler leisten, die vier, fünf Stunden am Brett sitzen.“ Aber sie sei auf den Geschmack gekommen. Noch würde sie sich nicht ins Turnier- oder Vereinsschach wagen, „ich hätte zu große Berührungsängste und Angst, nur zu verlieren“, aber sie könne sich vorstellen, über solche Spaß-Wettbewerbe hineinzufinden ins „richtige“ Schach. „Für solche Turniere wie von Frau Jussupow wäre ich gerne wieder bereit. Es hat großen Spaß gemacht.“
Aufgrund der sehr kurzen Vorbereitungszeit konnte diesmal im Vorfeld keine umfangreiche Werbung durchgeführt werden – sonst wären es womöglich mehr Frauen gewesen, die eines gemein haben: Sie kennen kaum mehr vom Schachspiel als die Regeln. Das Turnier fand auch nicht im Turniersaal statt, aus Platzmangel – sondern am Bücherstand. „Das war letztlich ganz gut, weil wir ungestört waren“, so Jussupow. Denn das Event richtete sich gezielt an Anfängerinnen, die sich (noch) nicht trauten, am großen Schachopen teilzunehmen. Was teilweise zu kuriosen Szenen führte, wie Jussupow erzählte: So habe eine Teilnehmerin trotz großem Material-Vorteils partout den Weg zum Matt nicht finden wollen. Bis sie Hilfe bekam. Manche Teilnehmerin holte sich auch nach der ersten Runde abends Hilfe bei den Kids daheim – und kam am nächsten Tag schon besser vorbereitet an. „Am Ende haben einige schon richtige gute Eröffnungen gespielt“, so Jussupow.
Die Partien wurden kurz nach Beginn der Nachmittagsrunde gespielt – ohne Stress und ohne Zeitdruck. Mit einer Bedenkzeit von 30 Minuten für die gesamte Partie zuzüglich 30 Sekunden pro Zug. „Einige Spielerinnen wunderten sich nach der Partie, dass sie mehr Zeit auf der Uhr hatten als zu Beginn“, so Jussupow: „Die Partien fanden in einer ruhigen und angenehmen Atmosphäre statt. Die Spielerinnen durften ohne Druck Fehler machen und wurden von ihren freundlichen Gegnerinnen unterstützt. Teilweise suchten beide Spielerinnen sogar gemeinsam nach der besten Fortsetzung. Niemand war verärgert über eine verlorene Partie – dafür war die Freude umso größer, wenn zum ersten Mal im Leben ein Schachmatt gesetzt wurde.“ Es war also ein reines Spaß-Turnier. Neben dem sportlichen Wettkampf stand vor allem der Austausch unter den Spielerinnen im Vordergrund. Nadja Jussupow betont aber auch: „Das ist eine Chance zur Mitgliedergewinnung für den DSB, wenn wir es schaffen, solche Beginnerinnen-Turniere öfter stattfinden zu lassen.“ Am Rande anderer Turniere, zu denen oftmals Frauen ihre Kinder oder Männer begleiten. Dafür benötige sie jedoch Unterstützung aus der Schachszene, die ersten Referentinnen auf Landesebene hätten dazu schon Bereitschaft signalisiert. „Alleine schaffe ich das nicht“, so Jussupow.
Die DSB-Frauenkommission stellte diesmal Preise zur Verfügung: Alle Teilnehmerinnen erhielten Medaillen, die drei Erstplatzierten zusätzlich Gutscheine des Schachversands Niggemann. „Ich möchte mich herzlich beim Organisationsteam der Staufer Open, bei Bernhard Jehle, dem Leiter des Schachversands ChessWare sowie bei Silvia Kamp vom Schachversand Niggemann für die Unterstützung bedanken.“
Fazit Nadja Jussupow: „Insgesamt war das Frauenturnier eine sehr gelungene Veranstaltung und ein wertvoller Beitrag zur Förderung des Frauenschachs. Sowohl die Teilnehmerinnen als auch die Zuschauerinnen, die sich noch nicht getraut hatten mitzuspielen, äußerten den Wunsch, dass solche Turniere künftig häufiger bei großen Open stattfinden.“ Vielleicht wohnt dem Anfang ein Zauber inne - und es wird mehr draus. Getreu dem Motto von David Bowie, der auch davon singt, dass er zwar blutiger Anfänger sei – aber bei klarem Verstand. Mehr braucht es nicht zum Schachspielen. (mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - Frauenschach // ID 36896