3. Oktober 2025
Treffpunkt Bremen. Hier haben GM Zahar Efimenko, der neue Frauen-Bundestrainer, und FM Lara Schulze, die Nationalspielerin, ihre schachlichen Wurzeln – beim SV Werder. Die Schachabteilung des vor allem als Fußball-Bundesligist bekannten Vereins ist für sie eine Wohlfühloase, mehr als eine sportliche Heimat, das wird deutlich im gemeinsamen Gespräch. Das war auch bei unserem Video-Dreh zu spüren. Wir gingen – natürlich – ins Weserstadion. Wo Werder Bremen seine Heimspiele (mit Efimenko, der seit 22 Jahren für Werder antritt, und bisweilen auch mit Schulze) in der Platin-Loge austrägt. Ein Schachbrett war beim Dreh mit dabei (für eine Blitzpartie), aber auch ein Ball. Kurzum: Es hat dem DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit mit Matthias Wolf und Finn Engesser, dazu Kameramann Matthias Gräser, großen Spaß gemacht. Zwei Sympathieträger des deutschen Schachsports, die sich in den gemeinsamen Gesprächen und den Interviews mit Wolf sehr nahbar gaben. Dr. Oliver Höpfner, der Abteilungsleiter Schach bei Werder, war auch mit dabei – quasi als Hausherr mit Schlüsselgewalt. Er spricht von zwei Aushängeschildern des Vereins. Beim gemeinsamen Spaziergang an der Weser erfuhren wir dann noch sehr viel über Zahar Efimenko, der sich in Deutschland pudelwohl fühlt – nur bisweilen etwas mit der Bürokratie hadert. „Im Unterschied zur Ukraine braucht man ja hier einen Angelschein“, sagte er und fragte: „Brauche ich eigentlich auch eine Genehmigung zum Pilze sammeln?“ Nein, das ist nicht nötig. Schaut rein ins Video und erfahrt noch mehr Interessantes über die beiden. Dazu alles über deutsche Chancen bei der Team-EM in Batumi und ob die beiden zum Beispiel die These von GM Elisabeth Pähtz unterstützen, die dieser Tage gesagt hat: „Es ist ja offensichtlich, dass sich das deutsche Frauenschach in einer Krise befindet.” Auch ihrer Sicht schlicht, weil zu wenig Talente nachkommen würden...
Das deutsche Nationalteam ist an sechs gesetzt und hat mit IM Dinara Wagner (2410 Elo) eine Topspielerin in seinen Reihen. Doch starke Konkurrentinnen aus Georgien, Polen, der Ukraine oder Spanien bringen internationale Klasse mit. GM Nana Dzagnidze (2496) und GM Nino Batsiashvili (2469) führen das georgische Team an, das mit einem Elo-Schnitt von 2451 als klarer Favorit ins Turnier geht. Alle gemeldeten Spielerinnen Georgiens haben über 2400 Elo.
Knapp 60 Elo-Punkte dahinter liegt Polen, dessen Spielerinnen alle über 2300 Elo verfügen. Am Spitzenbrett steht IM Alina Kashlinskaya, eine absolute Topspielerin. Auch die Ukraine, an drei gesetzt, ist ähnlich stark: Mit IM Yuliia Osmak (2464) und GM Anna Ushenina ragen die ersten beiden Bretter besonders heraus.
Insgesamt gibt es bei der EM 16 Spielerinnen mit einer Elo über 2400: Fünf bei Georgien, zwei bei der Ukraine, je eine bei den Teams der Schweiz, Polen, Serbien, Spanien, Griechenland, Aserbaidschan, Armenien, Estland – und eben Dinara Wagner. Es wird also schwer, an Georgien vorbeizukommen. Spannend ist zudem die Historie: Die georgische Frauennationalmannschaft konnte bislang einmal den Team-EM-Titel gewinnen, belegte 2017, 2019 und 2021 jeweils den zweiten Platz, und 2023 in Budva schafften sie nicht einmal das Treppchen.
Zahar, wie waren die ersten Wochen mit der Nationalmannschaft?
Super, es war sehr spannend. Wir hatten einen schönen Trainingslehrgang in Kienbaum. Wir haben viele Varianten und Überraschungen trainiert, um uns auf unsere Gegnerin vorzubereiten. Wir haben uns gemeinsam motiviert für die Europameisterschaft, um dort erfolgreich zu sein.
Die Spielerinnen schwärmen vom Teamgeist. Wie siehst Du das?
Die Stimmung ist sehr positiv. Wir haben ein super Arbeitsklima, jeder geht respektvoll miteinander um. Wir helfen einander. Wenn zum Beispiel eine Spielerin Eröffnungsprobleme hat, dann können wir helfen. Ich finde, es läuft gut bisher.
Wer ist aus Deiner Sicht der Kopf der Mannschaft?
Im Moment ist unsere Spitzspielerin Dinara Wagner. Sie wird auf jeden Fall am erstem Brett spielen. Und danach, das zweite bis fünfte Brett - ja, das mixen wir schon. Vorher war da natürlich noch Elisabeth Pähtz, eine starke Spitzenspielerin, aber aus persönlichen Gründen kann sie diesmal nicht an der Europameisterschaft teilnehmen. (Anm. d. Red.: Pähtz erwartet ein Kind und verzichtet deshalb auf die Team-EM und auch auf die Olympiade 2026 in Usbekistan).
Wie hast Du Dinara Wagner beim Grand Swiss gesehen?
Natürlich habe ich ihre Partien in Usbekistan verfolgt. Sie hätte noch bessere Ergebnisse bekommen können. Sie hatte so vielen gute Chancen – und konnte nicht alle nutzen. Aber sie ist stark, hat großes Potenzial. Ich bin überzeugt, dass sie bald eine Elozahl über 2500 haben wird.
Ihr seid an Nummer sechs gesetzt. Was ist drin bei der EM?
Unser Ziel ist es in den Top Ten zu landen. Aber natürlich gibt es viele Faktoren, die entscheidend sein können. Eine große Rolle wird sicher auch die Auslosung spielen.
Wie ist Deine Meinung zur angeblichen Krise des deutschen Frauenschachs?
Nun, ich finde eigentlich, es ist keine richtige Krise. Aber ja: Die Ergebnisse zuletzt auf internationaler Bühne entsprachen nicht dem wahren deutschen Frauenschach-Niveau. Die letzten Olympiaden, wie in Budapest (Anm. d. Red.: Platz 22 für das DSB-Team) haben durchaus gezeigt, dass mehr drin gewesen wäre. Ich kann sagen, dass es eine Frauenschach-Krise auch in andere Länder gibt es, nicht nur im deutschen Schach. Und wenn wir von einer Krise sprechen wollen, dann hoffe ich, dass wir werden diesen Krise überstehen werden.
Ist es was Besonderes für Dich, Nationaltrainer zu sein?
Ja, ich bin froh, dass ich den Job als Nationalmannschaftstrainer bekommen habe. In letzter Zeit habe habe ich viel als Trainer gearbeitet - und ich möchte jetzt meine Erfahrungen mit der Nationalmannschaft teilen. Deutschland ist meine zweite Heimat. Ich bin sehr dankbar, dass die deutsche Regierung mich unterstützt hat, als ich vor drei Jahren wegen des Krieges umgezogen bin.
Wie viele Deiner Familienmitglieder sind noch in der Ukraine?
Mein Vater und meine Mutter leben dort. Wir kommunizieren jeden Tag miteinander. Natürlich habe ich Angst und Sorge um meine Familie – es sterben unschuldige Menschen oder werden verletzt. Die Situation ist katastrophal. Aber meine Eltern sind im Rentenalter, sie wollen nicht nach Deutschland, die Integration würde ihnen zu schwer fallen.
Wie wichtig ist den Menschen in der Ukraine der Schachsport?
Schach ist in der Ukraine ein beliebter Sport. Die ukrainische Mannschaft hat zweimal Gold bei Olympiaden geholt. Und ich habe einmal mitgespielt. Das war 2010 in Russland. Aber jetzt, mit dem Krieg, ist die Situation drastisch verändert worden. Es ist klar, dass sich die Leute auf andere Sachen als Schach fokussieren. Natürlich hat auch der Schachverband jetzt finanzielle Probleme. Aber die Menschen lieben Schach.
Großmeister Igor Kovalenko, der in der Bundesliga für Viernheim spielt, war Soldat im Krieg. Wie eng ist Euer Kontakt?
Ich habe ihn schon länger nicht gesehen. Aber ich hoffe, ihn in Batumi zu treffen, er gehört zum Team der Ukraine. Ich möchte gerne mit ihm sprechen – zur militärischen Lage, aber auch über Schach.
Lara, im Nationalteam herrscht angeblich immer gute Laune…
Ja, eigentlich sind wir alle immer ganz gut drauf. Grundsätzlich ist die Stimmung sehr harmonisch und wir erzählen uns auch viel - ja, es ist einfach schön. Wir verstehen uns sehr gut. Das Einzige, was eine Schachspielerin dann bei so einem Turnier in schlechte Stimmung versetzt ist, wenn es nicht so läuft - und man auf ärgerliche Weise eine Partie verliert. Gut, ich ärgere mich eine gewisse Zeit, sagen wir eine halbe Stunde oder Stunde richtig - und dann versuche ich das abzuhaken.
Was bedeutet es Dir für Deutschland zu spielen?
Es bedeutet mir sehr viel. Das war schon immer mein Ziel und jedes Mal, bei jeder Nominierung, freue ich mich jedes Mal einfach riesig. Das ist ja einfach das Größte für mich
Kritiker sagen: Es gibt eine Krise im deutschen Frauenschach. Wie siehst Du das?
Ich denke, eine Krise gibt es nicht. Nur, weil mal manche Spielerin hier oder da mal bei einem Turnier schlecht gespielt hat, denke ich, gibt es jetzt keine Krise im gesamten Frauenschach. Weil: Das kann immer mal passieren. Es haben auch andere Spielerinnen gute Turniere gespielt. Der Begriff Krise ist da, denke ich, übertrieben. Aber natürlich gibt es immer Sachen, an denen man arbeiten muss, die man verbessern muss. Ich denke, für Batumi sind wir auf jeden Fall alle guter Dinge.
Was ist Euer Ziel in Batumi?
Ja, also auf jeden Fall unter den Top Ten zu landen - das ist so das Mindestziel auf jeden Fall. Und ja, ich meine, ein bisschen träumen kann man ja auch. Dann geht es auf jeden Fall natürlich in Richtung Medaille. Das wäre natürlich so der ultra-große Megatraum – aber das ist jetzt glaube ich nicht unser gesetztes Ziel.
Was zeichnet den neuen Bundestrainer Zahar Efimenko aus?
Zahar hat einfach eine sehr liebe Art und auch eine sehr gute Art, um Sachen verständlich zu erklären. Uns verschiedene Eröffnungen zu zeigen zum Beispiel und er hat einen sehr guten Ansatz, wie wir an diese Meisterschaft rangehen. Also über die verschiedenen Faktoren, die alle so dazugehören - und ja, ich glaube, das ist wichtig für uns alle. Die Zusammenarbeit klappt sehr gut.
Zahar gilt als leidenschaftlicher Kämpfer am Brett…
Ja, das weiß ich. Das ist ja jetzt das erste Turnier, bei dem er uns trainiert. Wir hatten bei dem Trainingslehrgang schon mit ihm zu tun und ich habe ja schon länger mit Zahar zu tun, weil ich über Werder ja schon seit längerem mit ihm trainiere. Ich denke, diese Leidenschaft, die wird er auf jeden Fall auf uns übertragen.
Was macht Deine persönliche Normenjagd?
Ja, die Normenjagd... Die steht bei mir nicht so an erster Stelle. Ich versuche zwischendurch immer mal wieder Turniere zu spielen, wo es theoretisch klappen könnte mit einer Norm. Hat es aber bisher einfach noch nicht - meine Titel sind halt immer noch FM und WIM. Dafür läuft es an anderen Stellen sehr gut. Ich habe mehrere Opens gewonnen, die wirklich sehr stark besetzt waren. Sowas gelingt mir dann eher als eine Norm zu holen. Wichtiger ist es mir auch für die Nationalmannschaft zu spielen und bei diesen Turnieren immer eine gute Performance abzuliefern.
Du bist Schachprofi – mit welchem Zeitaufwand?
Also eigentlich gilt für mich: Täglich, von morgens bis abends Schach. Ich habe ja noch ein Fernstudium, was ich nebenbei mache, Wirtschaftspsychologie - aber dafür gehen höchstens 10 Prozent meiner Zeit drauf. Ja, Schach ist mein Hobby und Beruf zugleich. Ich hab auch große Lust, mich immer den ganzen Tag mit Schach zu beschäftigen. Das heißt ja nicht, dass ich den ganzen Tag nur trainiere. Ich gebe ja auch noch Training.
Eigene Webseite mit aktuellem Blog, Social Media – Du machst viel. Auch mit Blick auf Sponsoren?
Ja, auf jeden Fall. Also für einen Sponsor ist es ja immer wichtig, dass man irgendwie auch präsent ist und ein bisschen was dem Sponsor bieten kann. dass der nicht einfach nur Geld gibt und nichts davon hat. Ein Sponsor will ja auch Sichtbarkeit haben und ich denke, das kann ich auf jeden Fall im deutschsprachigen Schachbereich sehr gut bieten und deswegen hat das jetzt auch geklappt und da bin ich sehr froh.
Du hast tatsächlich kürzlich einen Privatsponsor gefunden…
Ja, durch meine ganze Social Media Arbeit in den auf den verschiedenen Kanälen hat das jetzt auch geklappt, den Sponsor zu finden. Mein Sponsor ist BearingPoint und denen ist es eben auch sehr wichtig, dass sie selbst auch was davon haben, dass sie mich eben als Sportlerin unterstützen..
Machen viele Schachspieler zu wenig PR?
Ja, das ist auf jeden Fall ausbaufähig. Ich denke, es steckt sehr viel Potenzial drin. Mit Schach kann jeder was anfangen und mit dem Sport kann man eine Menge Leute erreichen. Das interessiert Sponsoren.
// Archiv: DSB-Nachrichten - Frauenschach // ID 36807