20. November 2025
Vitaliy Sviridov bringt seine Liebe zu diesem Event so auf den Punkt: „Es gibt viele Turniere, die damit werben, dass sie besonders familiär sind – das ist oft nicht wahr. Aber wo das wirklich stimmt, das ist die DSAM.“ Die neue Saison der Deutschen Schach-Amateurmeisterschaft startet am Freitag (eigentlich mit dem Blitzturnier schon am heutigen Donnerstag) in Bad Wildungen – und natürlich ist Sviridov dabei, der auch eine eigene Schach-Webseite betreibt, die eine einzige Lobeshymne auf die DSAM ist. Es wird seine 25. Teilnahme sein. Bereits sein 86. Turnier spielt Frank Erdmann – einer der Rekordhalter der DSAM. „Für das Jahr 2027 habe ich meine 100. Teilnahme eingeplant“, sagt er, „ich will eigentlich bis dahin kein Turnier verpassen.“ Beide leben diese Turnierserie auf ihre Art – auf DSAM-Art. „Bei diesem Turnier“, sagt Erdmann, „habe ich Freunde fürs Leben gefunden. Menschen, die mir wichtig sind und die ich nie kennengelernt hätte, wenn es die DSAM nicht gäbe.“
Neulich feierte die Schachspielerin und Vereinsvorsitzende Bettina Baumann aus Koblenz ihren 70. Geburtstag. Bei der Feier waren gleich 15 DSAM-Teilnehmer vor Ort. Darunter Frank Erdmann und seine Gruppe, die möglichst oft zu den Turnieren gemeinsam anreist. Man spreche sich vor der Saison immer ab: „Wo finden wir uns?“ Frank Erdmann nennt sie „die glorreichen Sieben“. Pairing-Officer Frank Jäger spricht von einer "duften Truppe" und ergänzt: "Das ist doch auch das Besondere an der DSAM, dass diese Menschen einander ohne dieses Turnier gar nicht gefunden hätten."
In allen Städten haben sie natürlich auch schon ihre Stammlokale und -hotels, es darf auch gerne mal eine gemeinsame Ferienwohnung sein, wie in Travemünde. Eine Schach-Reisegruppe, bundesweit verteilt, die irgendwie sinnbildlich für dieses Turnier steht und die auch ein bisschen leidet, wenn die DSAM über die Sommermonate in die Pause geht. „Dann treffen wir uns halt zum Grillfest“, sagt Erdmann, der dann aus Sachsen anreist, wo er für die TSG 1861 Taucha spielt. Was ist für ihn, den ehemaligen selbständigen Sanitär- und Heizungsbauer, der nun im Ruhestand mehr Zeit für seine Hobbys Radfahren, Fitness und Schwimmen hat, das Besondere an der DSAM? „Jeder hat die Chance, auch mal ein Turnier zu gewinnen.“ Denn: „Bei der DSAM triffst Du in Deiner Gruppe auf Gegner auf Augenhöhe und wirst nicht – wie bei anderen Turnieren – von viel Stärkeren auseinandergenommen.“ Dann fügt der 63-Jährige mit einem Lächeln hinzu: „Und abends wertest Du dann mit Deinen Gegner entspannt die Partien an der Bar aus. Wo gibt es das sonst noch?“ Und, wahrlich: Seit er im Unruhestand ist, spielt er viele Turniere.
Aber, wie gesagt: Keines ist so wie das eine. Die DSAM. Wenngleich es auch schon vorkam, dass ihn Schiedsrichter Hugo Schulz, der Gatte der Turnierfotografin seiner Lieblings-DSAM-Ehrenamtlichen Ingrid Schulz („Sie drücke ich immer ganz gerne, weil sie unglaublich lieb ist“) des Saales verweisen wollte. „Wir haben es schlicht mit der Geselligkeit etwas übertrieben und uns nach der Partie am Brett noch verquatscht – während andere noch spielen wollten.“
Vitalyi Sviridov von der SG Königslutter ist noch nicht so lange bei der DSAM dabei – nach Corona packte ihn die Begeisterung für diese Serie. Aber er hat eine ganz besondere Story geschrieben, von denen man sich gerne an den DSAM-Lagerfeuern erzählt. In der vergangenen Saison spielte der 54-Jährige in Ingolstadt die längste Partie der DSAM-Geschichte – sie dauerte fast sechs Stunden, in der ersten Runde gegen Laura Marie Rössling, Jahrgang 2011, von den Schachzwergen Magdeburg. „Eine richtig starke Spielerin“, sagt Sviridov. Viermal habe er von Laura Remis angeboten bekommen, „sie hatte Recht, es war eigentlich tot remis“, aber er nahm nicht an. „Ich wollte ja den Turniersieg.“ Er riskierte zu viel, verlor zwei Bauern, holte nur einen zurück – und bot selbst Remis an. Laura lehnte ab. Und so zog sich das Duell… Sehr viel Teilnehmer guckten nur noch auf dieses eine Brett in einem ansonsten leeren Raum. Die zweite Runde nachmittags sollte längst beginnen – das war aber zuerst gar nicht und dann nur möglich, weil das Brett von Sviridov und Rössling letztlich in den Orga-Raum getragen wurde. Und sie dort unter Aufsichts eines Referees weiterspielen konnten. Das vierbeinige Turniermaskottchen Bella streife dabei auch um sie herum. Die Partie endete dann letztlich – nun ja: Remis. Frank Jäger sagt: "Das war schon ein besonderer Moment." Bei einer Bedenkzeit von 90 plus 15 Minuten und 30 Sekunden pro Zug sei dies zwar nur "ein Einzelfallthema und werde so häufig nicht vorkommen", aber man werde sich noch lange dran erinnern.
Auch Sviridov, der vor 30 Jahren mit deutschen Wurzeln aus Kasachstan nach Deutschland kam, schwärmt von der DSAM: „Das ist für mich die Nummer eins unter den Turnieren in Deutschland – und ich kann mir nicht vorstellen, dass es weltweit noch etwas Schöneres gibt.“ Seit Ende der Coronazeit hat er kaum ein Turnier verpasst. „Sechs im Jahr müssen es mindestens sein.“ In der letzten Saison schaffte er alle. Für ihn, so der Fachinformatiker, sei „ein Kindheitstraum wahrgeworden“. In seiner alten Heimat habe er immer davon geträumt, bei solchen Turnieren spielen zu können – nun genießt er jedes in vollen Zügen. Auch er hat bei der DSAM schon viele Freunde gefunden. „Eigentlich“, sagt er, „habe ich nur Schachspieler als Freunde. Dass ist aber auch kein Wunder, denn Schachspieler sind einfach wundervolle Menschen.“ Pause. „Vor allem, die bei der DSAM.“
Übrigens: In Bad Wildungen wird noch ein Rekordjäger am Start sein: Frank Deckert von der SG Holzminden spielt sein 99. Vorrundenturnier. Er ist damit der zweitfleißigste DSAM-Akteur, nur übertroffen von Frank Stolzenwald. Die DSAM-Legende hat schon 124 Turniere mitgemacht. (mw)
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