22. Dezember 2025
Sie gehört zur Deutschen Schach-Amateurmeisterschaft wie "One Night in Bangkok" vor dem Start der Runde. Man könnte auch sagen: Ingrid Schulz hat bei der DSAM Beliebtheitswerte wie einst nur Queen Elizabeth II. bei den Royal-Fans weltweit. Jeder mag die heimliche Königin der Deutschen Schach-Amateurmeisterschaft, jeder schätzt sie - und das nicht nur wegen ihrer tollen Fotos. Zeit, mit der Turnierfotografin Ingrid Schulz ein Interview zu führen - passend vor dem DSAM-Doppelpack in Bonn (ab Donnerstag) und Potsdam (ab 1. Januar). Zum Turnier in Potsdam treffen sich zehn Mitglieder des DSAM-Organisationsteams bereits am 30. Dezember und feiern dann gemeinsam in einer Ferienwohnung in Brandenburgs Landeshauptstadt ins neue Jahr hinein. „Das erste Mal machen wir das so, aber in diesem Jahr bietet sich das auch einfach an“, sagt Ingrid Schulz, das Auge der DSAM. Matthias Wolf vom DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit hat mit der Hamburgerin gesprochen.
Ingrid, 2025 war ja auch für Dich ein besonders Jahr. Du wurdest vom DSB mit der silbernen Ehrennadel geehrt. Was hat Dir das bedeutet?
Darüber habe ich mich sehr gefreut. Aber nicht nur, weil mich der Schachbund geehrt hat, sondern weil ich nachträglich sehr viele Gratulationen von Spielerinnen und Spielern der DSAM bekommen habe. Und dann war ja dieser Moment nach der Übergabe…
…als Du sichtlich gerührt warst, denn in Bad Wildungen gab es minutenlang Standing Ovations für Dich.
Ja, das kam spontan, von Herzen. Und deshalb bedeutet es mir besonders viel. Ein unvergesslicher Moment für einen Herzensmenschen wie mich.
Die Wertschätzung ist auch bemerkenswert, weil Du selbst gar keine Schachspielerin bist. Und wir alle wissen: In der Schachszene muss man ohne ein üppiges DWZ-Konto normalerweise schwer um Akzeptanz ringen.
(lacht) Ja, Schachspieler sind schon ein besonderes Völkchen. Ich weiß die Sympathien, die mir entgegenschlagen, deshalb sehr zu schätzen. Man hat mich herzlich aufgenommen in der Schachszene. Was das Spiel angeht: Ich kenne die Regeln, habe sie mal nebenbei gelernt und kenne manche sogar bis ins Detail, weil mein Mann Schiedsrichter ist – aber ich spiele halt nicht. Ich bin einmal mit einer anderen Frau eines Spielers bei einem Betriebssport-Turnier meines Mannes vorbeigekommen – und einer der Organisatoren sagte: „Ihr spielt jetzt mit.“ Dann hat er uns mit dem Schäfer-Matt besiegt, was natürlich nicht besonders motivierend war… Im Kern bin ich nicht so scharf aufs Spielen. Man könnte sagen: Ich mag Schach auf andere Weise.
Was Du in unterschiedlichsten Rollen unter Beweis stellst…
Ja, jetzt ja seit vielen Jahren als Turnier-Fotografin. Ich habe aber rund um den Schachsport schon fast jeden Job gemacht, weshalb mir der Geist des Spiels auch schon in Fleisch und Blut übergegangen ist. Ich kenne jetzt meinen Mann Hugo seit 52 Jahren, 50 Jahre sind wir verheiratet – seitdem begleite ich ihn auf Schachturniere. Ich habe im Organisationsteam mitgearbeitet, das Catering bei Turnieren gemacht, im Verein in Hamburg, aber auch teilweise bei großen Events wie der Senioren- oder Behinderten-WM. Da war ich auch mal für die Volunteers zuständig. Für zwei Senioren-Weltmeisterschaften und vier deutsche Senioren-Meisterschaften habe ich das touristische Rahmenprogramm organisiert. Man könnte es so sagen: Wo helfende Hände gebraucht werden, bin ich dabei.
Dich und Hugo gibt es bei Schachevents ja nur im Paket – seit 2003 bei der DSAM. Das erinnert ein bisschen an Wencke Myhre und den alten Schlager: „Er steht im Tor – und ich dahinter.“
(lacht) Bei mir müsste es heißen: Er steht oder sitzt am Brett – und ich stehe daneben. Ein schöner Vergleich, gefällt mir. Ich sehe mich aber nicht als Anhängsel eines Schachspielers und Schiedsrichters, sondern Schach ist eben in unserem Privatleben ein ganz wichtiger Bestandteil. Um ehrlich zu sein: der wichtigste. Da müssen dann auch mal Termine mit anderen Freunden in den Hintergrund rücken. Sie werden verschoben oder müssen abgesagt werden – weil Schach bei uns einfach Priorität hat.
Und wie kamst Du zur Fotografie?
Ich habe Hugo mal zu Weihnachten eine Spiegelreflex-Kamera geschenkt. Die lag erst nur rum, bis ich sie benutzt habe. Das dürfte 40 Jahre her sein. Seitdem fotografiere ich leidenschaftlich. Meine Fotos sind nicht immer perfekt, mir kommt es auf den Augenblick an, den ich einfangen und verewigen möchte. Und viele dieser Situationen haben sich in meinem Kopf verewigt. Da müsste ich nur das Bild sehen und könnte genau sagen, wann das wo war.
Viele sagen ja: Schach bietet als Sport für Fotografen sehr wenig. Es wiederholt sich vieles, es ist wenig Action, was logisch ist: Die Leute sitzen. Hand aufs Herz: Wird es Dir manchmal nicht langweilig bei stetig wiederkehrenden Motiven?
Überhaupt nicht. Es sind immer wieder neue Situationen, die mich begeistern: Da schläft einer am Brett, oder hat kurz die Augen zu, schaut angestrengt, macht eine komische Grimasse, und, und, und. Oft höre ich danach von den Fotografierten: Mensch, Ingrid, wie ich da gucke – ich habe gar nicht bemerkt, dass Du mich dabei fotografiert hast. Genau so muss es sein. Ich schleiche stundenlang durch den Spielsaal, um die Bretter herum - und entdecke mit der Kamera so viel Schönes. Es macht mir heute noch genauso viel Spaß wie am ersten Tag.
Die Spielerinnen und Spieler bei der DSAM lieben Deine Arbeit auch – und ich weiß: Du erfüllst jeden Foto-Wunsch.
Ja, da ist zum Beispiel ein älterer Spieler, der hat kein Internet. Dem drucke ich die Motive aus und schicke sie zu.
Dein Lieblingsmotiv?
DSAM Travemünde 2023. Ein Junge sitzt am Brett, schaut nach oben. Es wirkt, als ob er pfeift. Das Bild gefällt mir wirklich gut.
Gibt es das perfekte Bild? Strebst Du als Fotografin danach?
Nein, das könnte ich nicht, Ich nehme es, wie es kommt. Die Bilder kommen halt, sie sind sozusagen einfach da. Ich stelle sie nicht und ich bearbeite meine Fotos ja auch nicht danach, so wie das die Profis machen. Ich habe gar keine Zeit dafür. Die Spielerinnen und Spieler wollen die Bilder schnell auf Flickr haben.
Aber Du fotografierst nicht nur Schach…
…das stimmt. Mengenmäßig macht Schach natürlich schon den Großteil aus. Aber wenn wir in Hamburg unterwegs sind, habe ich immer die Kamera dabei. Ich laufe mittlerweile mit Fotoaugen durch die Gegend. Ein Beispiel: Ich habe eine Freundin, die liebt Blumen, Pflanzen. Die Fotos schicke ich ihr, über WhatsApp. Früher habe ich vieles gar nicht beachtet in der Stadt – jetzt habe ich den Blick dafür, weil ich weiß: Mache ich jetzt dieses Foto und schicke es ihr, dann freut sie sich.
Nun verbringst Du die Vorweihnachtszeit bei der DSAM – kommt da inmitten der Turnieratmosphäre in einem Hotel überhaupt besinnliche Weihnachtsstimmung auf?
Ja, weil das Maritim-Hotel in Bonn das klasse macht. Es gibt einen eigenen kleinen Weihnachtsmarkt im Hotel, mit dezenter Musik – natürlich nur außerhalb der Spielsäle. Aber man kommt da schon am vierten Advent in die richtige Stimmung. Die familiäre Stimmung bei der DSAM passt ja auch zu Weihnachten. Anders als in dem einen Jahr, als wir die DSAM in Aalen, Baden-Württemberg, hatten. Da sind wir sogar am 24. Dezember zurückgefahren… Wir haben es aber zum Glück noch bis zur Feier des Heiligen Abends nach Hause geschafft.
// Archiv: DSB-Nachrichten - Breitenschach // ID 36871