26. Juli 2025
Gert Schulz, der Referent für Inklusion im Deutschen Schachbund, ist in seiner Gefühlswelt hin- und hergerissen. „Ich bin nicht zufrieden, aber auch nicht unzufrieden“, sagt er. 20 Teilnehmer und Teilnehmerinnen haben sich bis jetzt für die Deutsche Meisterschaft für Schachspieler mit Behinderung im Rahmen des Inklusionsfestivals „Württembergischer Schachsommer“ angemeldet. Schulz: „Es wäre schön, wenn es noch mehr Spielerinnen und Spieler würden. Denn das wird ein tolles Turnier in einem barrierefreien Umfeld“, so Schulz. Es gibt viele Räume, Sportanlagen und Wege für Menschen mit Handicap, auch behindertengerechte Zimmer. Hinzu kommt: Hier treffen Schachfreunde und Schachfreundinnen aus allen Bereichen aufeinander: Es gibt Frauen- und Kinderturniere, auch ein Turnier für Begleitpersonen, das bisher allerdings noch spärlich besetzt ist. Das alles soll dafür sorgen, dass die Sportschule in Ostfildern-Ruit zu einem lebendigen und aufregenden Ort für die inklusive Sportart Schach wird. Der Würtembergische Schachverband und die Schachschule von GM Artur Jussupow und WFM Nadja Jussupow werden ein Wohlfühlklima schaffen. Das Team Öffentlichkeitsarbeit des DSB hat mit einem Teilnehmer der Behindertenmeisterschaft gesprochen und festgestellt: Allein diese Vorfreude vermittelt schon den besonderen Geist der Veranstaltung.
Einer, der sich schon besonders auf das Festival freut, ist Simon Smits. Der 27-Jährige aus Marktoberdorf im Allgäu ist Teilnehmer der Deutschen Behindertenmeisterschaft – und ein echtes Beispiel dafür, wie Schach Menschen verbindet. „Ich bin richtig motiviert“, sagt Smits. Seit drei Jahren spielt er im Schachklub Marktoberdorf. Für ihn ist das Inklusionsfestival in Ruit das erste seiner Art – und eine Herzensangelegenheit. Smits lebt mit Autismus und hat im Schach seine Leidenschaft gefunden. Er sah eher zufällig beim Spaziergang in der Stadt vor drei Jahren ein Schild des Vereins – und ging einfach mal vorbei: „Ich liebe das Spiel, weil ich beim Schach strategisch planen kann und meinen Gegner austricksen kann.“
Seine Taktik? Durchdacht und geduldig. „Ich gebe dem Gegner gern das Zentrum, baue meine Stellung ruhig auf – und greife dann gezielt an. Ich würde schon sagen, dass ich eher offensiv spiele.“ Besonders liebt er Fesselungen und raffinierte Kombinationen mit seinem Lieblingsstück: dem Springer. „Der Springer ist einfach genial. Mit ihm kann man Züge machen, auf die der Gegner nicht vorbereitet ist. Und trickreiche Gabeln – das macht mir richtig Spaß.“ Simon schwärmt: „Der Springer wird für immer meine Lieblingsfigur bleiben.“
Zur Vorbereitung spielt er die Schach-Lernreihe „Fritz & Fertig“, Teil drei und vier – und hat bereits begonnen, seine zukünftigen Gegner bei der Deutschen Behindertenmeisterschaft zu recherchieren – alles, was er über sie im Netz findet, wird verarbeitet. Doch das Wichtigste für ihn ist die Freude am Spiel und der Austausch mit anderen Menschen: „Ich wünsche mir Leute, mit denen ich trainieren kann – die mich besser machen. Aber ich will auch mein Wissen weitergeben. Ich finde, noch mehr Menschen – mit oder ohne Beeinträchtigung – sollten Schach spielen.“
In seinem Schachclub fühlt sich Simon bestens aufgenommen. Hier ist er der einzige Spieler mit einer Beeinträchtigung – und die Inklusion funktioniert prima. Der Verein ist bemüht, auch andere Behinderte zu begeistern, wirbt sehr offensiv um Mitglieder.
Besonders eng ist das Verhältnis zu seinem Trainer Johannes Kroell: „Er ist einer der besten Spieler im Verein – und mein großes Vorbild. Neben Bobby Fischer natürlich. Johannes hat mir so viel beigebracht“, sagt Simon: „Unter anderem auch meine derzeitige Eröffnung, mit der ich ganz guten Erfolg habe.“ Der Verein mit seinen 80 Mitgliedern sei für ihn „wie eine Familie“ und Schach irgendwie wie das wahre Leben: „Auf dem Brett helfen sich die Figuren gegenseitig – und die Menschen im Schachclub auch.“
Simon Smits steht stellvertretend für viele. „Er ist natürlich ein Idealfall“, sagt Gert Schulz, „so funktioniert Inklusion im Schach, wenn Behinderte mit Nichtbehinderten spielen.“ Und das bereichert letztlich das Leben aller Beteiligten.
Wer also, wie Simon, noch Teil des Inklusionsfestivals in Ruit werden will, ist herzlich willkommen. (fe/mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 36733