[Event "German Womens Masters"] [Site "Magdeburg, Germany"] [Date "2021.07.31"] [Round "9.4"] [White "Schneider, Jana"] [Black "Klek, Hanna Marie"] [Result "0-1"] [ECO "C45"] [WhiteElo "2353"] [BlackElo "2265"] [Annotator "Hahn,Markus"] [PlyCount "86"] [EventDate "2021.??.??"] {Während Luis Engel bereits eine Runde vor Schluss das German Masters gewonnen hatte, war Hannas Turniersieg trotz eines Punkt Vorsprung noch nicht zu 100% sicher. In der letzten Runde wartete die in den letzten Monaten formstarke Jana Schneider, die aber in Magdeburg nicht ihr bestes Turnier erwischt hatte. Beide Spielerinnen kommen aus Bayern und haben, wie Hanna im Interview berichtete, zusammen mit Michael Prusikin trainiert, so dass gewisse Gemeinsamkeiten im Repertoire vorhanden sind. Wie beide Spielerinnen damit umgehen werden wir nun sehen:} 1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. d4 {Jana spielt von Zeit zu Zeit Schottisch, aber dies ist keineswegs ihre Hauptwaffe.} exd4 4. Nxd4 Bc5 5. Be3 Qf6 6. c3 Nge7 7. Bc4 O-O (7... Ne5 {ist der meistgespielte Zug. Schwarz möchte den Läufer c4 vertreiben, um somit die weiße Kontrolle über das Feld d5 zu schwächen. Der Nachteil des Springerzuges liegt darin, dass es Weiß im frühen Mittelspiel zu f4 einlädt.}) 8. O-O b6 $5 {Hanna überrascht nun mit dieser selten gespielten Fortsetzung, die aber in den letzten Jahren (u.a. durch ein Buch von Viktor Bologan) stark an Popularität gewonnen hat. Schwarz verfolgt zwei Ideen mit dem Zug b6. Erstens überdeckt Schwarz den ungedeckten Läufer c5, so dass weiße Überfälle a la Sb5 oder Sxc6 nun seltener funktionieren werden. Zweitens bereitet Schwarz die Läuferentwicklung nach b7 oder seltener a6 vor. In vielen e4-e5 Eröffnungen ist das große schwarze Ziel im frühen Mittelspiel d5 durchzudrücken, um den weißen Raumvorteil im Zentrum zu neutralisieren. Deshalb ist eine Läuferentwicklung nach b7 gefolgt von Td8 gut geeignet, um das schwarze Ziel zu erreichen.} 9. f3 $6 {Jana ist offensichtlich überrascht worden und versinkt zum ersten Mal in tiefes Nachdenken. Sie entkorkt eine selten gespielte Fortsetzung, die zwar den Bauern e4 prophylaktisch überdeckt (Lb7, Dg6), aber sich konkrete Probleme in Form des ungedeckten Le3 einhandelt.} ({ Überraschenderweise ist der ungenaue Zug} 9. f4 $6 {der meistgespielte Zug an dieser Stelle, was die 8...b6 Variante (Bologan nennt sie kubanische Variante) zu einer guten praktischen Variante macht.} d5 $1 {Schwarz setzt sein strategisches Ziel mit Hilfe von taktischen Mitteln durch!} 10. exd5 (10. e5 { sieht naheliegend aus, um sich ein sicheres Übergewicht am Königsflügel zu verschaffen, aber...} Qh6 $1 {ein typisches Motiv in einigen Schottisch Stellungen - die schwarze Dame schielt auf den ungedeckten Le3} 11. Be2 Nxe5 $19) (10. Bxd5 Nxd5 11. exd5 Ne7 {Schwarz erhält gute Kompensation auf den weißen Feldern, z.Bsp.:} 12. c4 Ba6 13. b3 c6 $1 {Nachdem Weiß auf allen Diagonalen gefesselt ist, öffnet Schwarz brutal die Stellung!}) 10... Na5 11. Bd3 Bb7 {dieser Zug würde normalerweise nicht funktionieren, aber nach...} ( 11... Nxd5 $2 12. Qh5 $1) 12. b4 Nxd5 $19 {...zeigt sich erneut wie essentiell der ungedeckte Läufer auf e3 für die schwarzen taktischen Tricks ist.}) (9. Qd2 {ist ein krititscherer Test der Variante, da} Bb7 $6 (9... Qg6 {ist besser, da Weiß nach Dd2 der natürliche Deckungszug Sd2 nicht mehr zur Verfügung steht.}) {mit} 10. b4 {beantwortet wird}) 9... Rd8 (9... d5 $1 {mit ähnlichem Spiel wie nach 9.f4 d5}) 10. Qd2 h6 $6 {Schwarz geht die Stellung mit fehlendem Zentrum zu zögerlich an. Die Drohung Lg5 aus der Stellung zu nehmen wirkt natürlich, aber Schwarz muss sich im Zentrum beeilen, bevor Weiß sich konsolidiert und ein sicheres Zentrum aufbaut. Erneut lässt sich das strategische Ziel d5 taktisch durchsetzen. Dies ist sehr typisch für Schach auf höherem Niveau - es wird seltener Material taktisch eingestellt, sondern Taktik wird verwendet, um strategisch wünschenswerte Aktionen (Figurentausch, Figurenverbesserung, Hebel usw.) zu realisieren.} ({Die taktische Rechtfertigung für} 10... d5 $1 11. Bg5 $2 {liegt in} Nxd4 12. Bxf6 Nxf3+ 13. Kh1 Nxd2 $19 {und Schwarz hat eine Figur mehr.}) 11. b4 ({Ebenfalls in Betracht kommt} 11. f4 $5 {um nach} d5 {mit} 12. e5 $14 {zu reagieren.}) 11... Bxd4 ({Mittlerweile ist keineswegs offensichtlich warum} 11... d5 {zu zufriedenstellendem Spiel für Schwarz führt} 12. Bb3 (12. exd5 $6 Bxd4 13. cxd4 Nxd5 $17 {Schwarz besitzt exzellente Kontrolle über die weißen Felder und hat das weiße Zentrum (d4+e4) halbiert.}) 12... Bd6 13. exd5 Nxd4 14. Bxd4 Qh4 15. g3 Qh3 $44 {und Schwarz besitzt gewisse Kompensation für den Bauern in Form des geschwächten weißen Königs}) 12. cxd4 d5 $1 {Etwas verspätet, aber noch rechtzeitig um das komplette Desaster im Zentrum zu verhindern.} 13. Bb3 {Nun erweist sich 9.f3 noch als nützlich, da Weiß ihr Zentrum in Takt hält.} Qg6 14. Nc3 {Jana beendet ihre Entwicklung und stützt ihr schönes Zentrum.} Be6 ({Der Bauer auf b4 schmeckt nicht wirklich:} 14... Nxb4 15. Ne2 $1 (15. a3 Nbc6 16. Nxd5 Nxd5 17. Bxd5 Rxd5 $5 18. exd5 Ne7 $44 {Schwarz hat gewisse Kompensation durch die gute Kontrolle über die weißen Felder, aber vermutlich nicht ganz ausreichend, da sich die schwarzen Türme auf den (halb-) offenen c- und e-Linien austoben können.}) 15... a5 16. a3 Nbc6 17. Nf4 $18 { und Weiß bekommt den Bauern mit prächtigem Spiel zurück!}) 15. b5 ({Klaus Bischoff wies in der Livekommentierung auf die starke Möglichkeit} 15. Ne2 $1 {mit der Idee Sf4 hin, wonach sich die schwarze Dame äußerst unwohl fühlen würde.}) 15... Na5 16. Bc2 Nc4 17. Qf2 a6 18. Bf4 ({Der kurzfristge Bauerngewinn} 18. exd5 $6 {kommt in Betracht, nimmt der weißen Stellung aber auch enorm viel Potenzial.} Bf5) 18... Rd7 ({Der leicht krumm aussehende Enginevorschlag} 18... Na3 $5 {macht Jagd auf den weißfeldrigen Läufer und deckt c7 taktisch (Tc8 und beide Leichtiguren hängen in der c-Linie)}) 19. a4 Qf6 20. Ne2 g5 $5 {Hanna sucht Verwicklungen, um in irgendeine Form von Aktivität zu finden. Die Nachteile des Zuges liegen auf der Hand - der schwarze König wird seines Bauernschutzes beraubt.} 21. Qg3 ({Eine Idee war sicherlich} 21. Bg3 dxe4 22. fxe4 Qxf2+ 23. Bxf2 f5 {um das weiße Zentrum zu attackieren}) 21... Ng6 22. Bxc7 Ne3 {Nun ist die Partie endgülitg in ihrer chaotischen Phase angekommen!} 23. Bd3 (23. a5 $5 {Objektiv nicht der beste Zug (der wurde von Jana in der Partie gespielt!), aber einer der viel Spaß macht. Schwarz gabelt zwei weiße Figuren und Weiß ignoriert es, um einen weißen Freibauern auf b6 zu forcieren.}) 23... Nxf1 24. Rxf1 Qe7 25. Bxb6 Qa3 $1 {Hanna aktiviert ihre Dame, um mit dieser Unruhe zu stiften. Andernfalls hat Jana zu viele Pluspunkte auf ihrer Seite - Läuferpaar, Freibauer(n) am Damenflügel, geschwächter schwarzer König (f4!).} 26. f4 $1 {deckt den Läufer d3 und hebelt den Königsflügel auf} dxe4 27. Bxe4 Qxg3 {immerhin verschwinden die Damen dank des Ausflugs nach a3 vom Brett} 28. Nxg3 (28. hxg3 {wurde von Hanna in der Analyse als Verbesserung vorgeschlagen, denn nach} Bd5 ({Das Haar in der Suppe findet natürlich die Engine:} 28... Rb8 $1 29. a5 axb5 30. f5 Bc4 $13 {und der Springer e2 ist im Vergleich zu Sxg3 angegriffen!}) 29. Bxd5 Rxd5 30. Nc3 {ist der weiße Springer deutlich zentraler platziert} Rd7 31. Bc5 $16 {Weiß hat alles unter Kontrolle und mit ihren Freibauern gute Gewinnchancen.}) 28... Bd5 29. Nh5 {gewinnt die Qualität zurück, aber plötzlich harmonieren die schwarzen Figuren und die weißen Figuren sind verstreut auf dem Brett wiederzufinden} (29. Bxd5 Rxd5 30. Nh5 {kurioserweise ist der schwarze Turm auf d5 mehr oder weniger gefangen} Kh8 $1 {der einzige Zug, um noch in der Partie zu bleiben} 31. Bc5 {erneut hat Weiß den Damenflügel gesichert und sollte die Partie mit den Freibauern nicht mehr verlieren}) 29... Bxe4 30. Nf6+ Kg7 31. Nxd7 axb5 32. f5 Nf4 33. f6+ Kh7 34. a5 $2 {Ein Fehler in bereits sehr schwieriger Stellung} ({Nach} 34. axb5 {kann Schwarz} Bd3 ({sicher Remis machen:} 34... Ra2 35. Rf2 Ra1+ 36. Rf1 Ra2 $11) 35. Rd1 Bxb5 {oder sogar auf mehr spielen. Die schwarzen Figuren arbeiten sehr gut gegen den Punkt g2 zusammen, während die weißen Leichtfiguren auf b6 und d7 etwas verloren wirken.}) 34... b4 {Der schwarze b-Bauer erweist sich als deutlich gefährlicher als die weißen Freibauern, da der Läufer das Umwandlungsfeld b1 kontrolliert!} 35. Re1 b3 $1 {Hanna beendet die Partie stilvoll. Wenn solche Partien kippen, dann funktioniert meistens auch alles!} 36. Rxe4 b2 37. Re1 Ne2+ 38. Kf2 Nc1 $3 {Die Pointe des klekschen Figurenopfers! Hanna bekommt eine neue Dame und die Partie ist vorbei.} (38... Nc3 $2 39. Ke3 b1=Q 40. Rxb1 Nxb1 41. d5 $18 {und die weißen Freibauern obsiegen}) 39. Re7 b1=Q 40. Rxf7+ Kg6 41. Ne5+ Kh5 42. g4+ Kh4 43. Kf3 Qc2 { Eine komplexe Partie in der Jana ausgangs der Eröffnung nach ungenauem Spiel Hannas eine angenehme Stellung erhalten hatte, aber es nicht einfach war die Kontrolle zu bewahren. Im chaotischen und keineswegs leichten Mittelspiel wendete sich nach dem Damentausch urplötzlich die Stellung. Hannas Figuren harmonierten wunderbar auf den weißen Feldern und beendeten die Partie mit einer feinen Kombination. Somit kürte sich Hanna Marie Klek mit 1,5 Punkten Vorsprung zur Siegerin des German Masters der Frauen.} 0-1