22. August 2025
Für Gert Schulz, DSB-Referent für Inklusion, war es „der Kontrast, der dieses Turnier so reizvoll macht. Ein Duell der Generationen“. Für GM Artur Jussupow, den Turnierdirektor beim Inklusions-Festival Württembergischer Schachsommer in der Landessportschule Ruit, war es „eine Partie mit Symbolwert für unser bunt gemischtes Turnier“, so Jussupow: „Und diesmal besiegte Erfahrung noch die Jugend.“ IM Sergej Salov, 85 Jahre alt, traf auf Ben Kaufmann, 12 Jahre. 2173 Elo gegen 1859 Elo. Diesmal siegte bei der Deutschen Behindertenmeisterschaft im Rahmen des Inklusionsfestivals noch Salov. Der amtierende Senioren-Weltmeister der Gehörlosen ist, wie Jussupow, sagt, „noch immer sehr schwer zu schlagen“. Aber auch das sei ein Aspekt dieses besonderen Turnieres: „Für unsere vielen jungen Teilnehmer geht es nicht nur um Siege“, so Jussupow: „Das Lehrgeld, das sie jetzt zahlen, müssen sie in wertvolle Erfahrung ummünzen.“ Und, kaum zu glauben, aber wahr: In Kürze spielen Sergej Salov und Ben Kaufmann, die Spieler mit 73 Jahren Altersunterschied, gemeinsam für Deutschland. Das ist eigentlich unfassbar - unfassbar schön. Sowas gibt es nur im Schachsport. Kein Wunder berichtet der SWR aus Ruit von einer "bundesweit einmaligen Schachveranstaltung".
Ben Kaufmann und Salov werden Teil des fünfköpfigen DSB-Teams sein, dass an der 2. Para-Olympiade des Weltverbandes teilnimmt. Die FIDE sieht das Turnier mit 34 Nationalteams zukünftig als Teil der paralympischen Bewegung – und bezahlt Flug- und Hotelkosten für das Event mit im Oktober 2025 in Astana, Kasachstan. Die Teams müssen aus Frauen- und Männern bestehen, für den DSB starten auch noch Birgit Dietsche, FM Matthias Dorner und mit Artur Kevorkov ein weiterer Gehörlosen-Weltmeister. Der Youngster im Team, Ben Kaufmann, ist laut Aussage seines Vaters Thorsten Kaufmann, der in Ruit im Begleiter-Turnier mitmacht, „sehr stolz, für Deutschland spielen zu können“.
Beim Lübecker SV ist Sergej Salov eine Legende. Als er im Sommer 2024 in Belgrad erneut den WM-Titel holte und auch noch Vize-Weltmeister im Blitzschach wurde, tickerte der Lübecker Schachverein von 1873: „Wir sind stolz auf unser langjähriges Mitglied!“ Salov war auch der Trainer von GM Frederik Svane und GM Rasmus Svane ist, die ihn heute noch für seine Beharrlichkeit loben. Salov erzählte in Ruit eine Anekdote. Anfangs sei Frederik immer daneben gesessen, wenn er seinen großen Bruder Rasmus trainiert habe – das Interesse wuchs von Mal zu Mal, am Ende coachte er beide. Und begeisterte sie mit der Geschichte des Schach-Wunderkindes GM Samuel Reshevsky. „Ich habe Rasmus gesagt, dass Reshevsky so gut war, dass er schon mit sechs Jahren Simultanturniere gegeben hat“, so Salov, „das hat Rasmus so begeistert, dass er im Verein auch schon mit sieben Jahren Simultan spielen wollt.“
Salov ist ein Schach-Besessener, im positiven Sinne. „Seine klassische russische Ausbildung macht ihn zu einem harten Gegner“, sagt Jussupow, „er kann aber bei einem Turnier nicht mehr jeden Tag über 100 Züge gehen – das ist die Chance für seine Gegner auf ein Remis.“ So, wie es Mario Born in der vierten Runde schaffte. Born führt das Teilnehmerfeld vor der Abschlussrunde morgen an – mit 5,5 Punkten aus sechs Partien, Salov hat fünf Punkte und sagt, er sei jetzt „voll konzentriert im Finish“ und wolle „Gas geben“. Soll heißen, in Richtung eines neugierigen Matthias Wolf vom DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit: Jetzt ist keine Zeit für lange Interviews. Salov will natürlich den Titel, aber ohne verbissen zu sein. Er berichtet aber begeistert von einer „tollen Stimmung in Ruit. Es herrscht eine schöne, freundliche Atmosphäre hier. Und das ist das wichtigste für ein Turnier“.
Ja, es geht auch in der Sportschule in Ostfildern auf die Zielgeraden einer „wunderbaren Veranstaltung“, wie Gert Schulz schwärmt: „Für viele Teilnehmer ist das eine wertvolle Erfahrung: Ich bin nicht allein mit meiner Behinderung. Jeder hat seine Geschichte.“ Schulz hat am Rande viele Gespräche geführt, will das Turnier auch zum Netzwerken nutzen. Sein Ziel: Eine Inklusions-Kommission und ein Inklusions-Förderverein im Stil des Senioren-Förderkreises. Erste Interessenten haben sich schon gefunden - und eine Szene hat Schulz dabei besonders beeindruckt: „Es kam ein Teilnehmer aus dem Behindertenturnier auf mich zu und wollte mir 25 Euro in die Hand drücken“, so der Inklusionsreferent, „das sei sein erster Beitrag für den Förderverein. Er habe nicht viel Geld, aber wenn er es mir jetzt gebe für die gute Sache, könne er es in der Zwischenzeit nicht anderweitig ausgeben – für unwichtigere Dinge.“ Kurze Pause. „Ich habe es natürlich nicht angenommen, weil es den Verein ja noch nicht gibt. Aber ich war sehr gerührt.“ Er sehe hier überhaupt „so viele glückliche und zufriedene Menschen“.
Ein kleiner Tipp noch: Auf dieser Seite haben wir Euch ein Radio-Interview des SWR mit Gert Schulz hochgeladen. Es lohnt sich reinzuhören, wenn unserer Inklusionsreferent darüber spricht, dass er „nicht wüsste, wo er ohne Schach stehen würde“ und was es Menschen mit Behinderung bedeutet, wenn sie „gleichberechtigt Erfolge“ feiern können – über den Schachsport. Schön auch sein Erlebnis mit dem jungen Schachspieler, der zwar nur einen IQ von 57, aber eine Elo von 2000 hat. Sonderbegabung Schach. (mw)
Morgen startet die Frauenschnellschachmeisterschaft. Dazu die Lichess Verlinkung.
...und bei Chessresults
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