14. Juli 2025
Und noch ein junges Gesicht in der Ehrenamts-Riege des DSB: Lea Brandl, über viele Jahre stark engagiert bei der DSJ, wurde beim Bundeskongress zur Referentin Öffentlichkeitsarbeit gewählt. Die 26-Jährige studiert Soziologie in Mainz - und arbeitet gerade an ihrer Masterarbeit zum Thema Schach. Wir stellen sie in unserer losen Interview-Serie zu den neuen Referenten vor: Ihre Pläne, ihre Ideen. Kaum im Amt, plant sie schon, wie sie mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch kommen kann - Öffentlichkeitsarbeit im Sinne von möglichst zahlreichen Kontakten an die Basis. Einstweilen antwortet sie noch ganz alleine auf die Fragen von Matthias Wolf vom DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit - aber künftig setzt sie auf Schwarmintelligenz.
Lea, ich zitiere Dich mal: Du willst dem sonst so leisen Sport „eine Stimme geben“. Was ist damit gemeint?
Von außen betrachtet wirkt die Ausübung des Schachsports wie eine leise, bisweilen einsame Tätigkeit. Wer noch nie in einem Liga- oder Turnierspiel Schach gespielt hat, versteht meist nicht auf Anhieb den Reiz an diesem Sport. Ich sehe es als meine Aufgabe als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, diesem leisen Sport eine Stimme oder sogar mehrere Stimmen zu verleihen. Dazu gehört unter anderem, mit Interviews Funktionären auf Vereins- und Verbandsebene einen Raum zum kommunikativen Austausch zu bieten, stille Gedankengänge von Spieler und Spielerinnen zu verbalisieren - und einzigartige Geschichten zu erzählen. Schach ist eben mehr als eine leise Tätigkeit, sondern in hohem Maße eine kreative, nervenaufreibende und auch kommunikative Sportart.
Welche Ideen hast Du für die Öffentlichkeitsarbeit?
In erster Linie sehe ich mich als Bindeglied zwischen Geschäftsstelle, Referaten und Landesverbänden. In den jeweiligen Ressorts wird bereits hervorragende Arbeit geleistet, die ich bestmöglich unterstützen möchte. Als ersten Ansatz möchte ich ein virtuelles Austauschformat etablieren, um Vereinen und Verbänden einen Raum für ihre Anliegen zu bieten. Fragestellungen und Themenkomplexe mögen individuell verschieden, in vielen Belangen aber auch ähnlich sein. Neben der besseren Vernetzung untereinander sowie der Nutzung der ‚Schwarmintelligenz‘ können hier Inhalte verdichtet und bearbeitet werden.
Wie würdest Du Dir die Zusammenarbeit mit dem hauptamtlichen DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit wünschen?
In den ersten Wochen wurde ich bereits herzlich aufgenommen und habe Informationen zu den jeweiligen Themen erhalten. Wir stehen in Kontakt über weitere Schritte und meine Rolle innerhalb des Amtes, welches in den vergangenen Jahren vakant war. Ich freue mich auf einen Austausch, bei dem über Projektideen gesprochen wird und für deren konkrete Umsetzung ich gerne unterstützend tätig sein möchte. Die bisherige Transparenz und Offenheit lassen mich sehr optimistisch auf das Hineinwachsen in das Ehrenamt blicken.
Beim Bundeskongress wurde deutlich, dass derzeit einige DSJ-Leute in den DSB-Bereich kommen – und Verantwortung übernehmen wollen. Wie kommt es dazu?
Die Deutsche Schachjugend war für viele, wie auch für mich, in jungen Jahren der erste Berührungspunkt mit einer organisierten, deutschlandweiten Schachgemeinschaft. Durch die DSJ habe ich gelernt, was es heißt Verantwortung für Projekte zu übernehmen und ein Ehrenamt auszuüben - was mir Freude bereitet hat. Das jetzige Ehrenamt beim DSB ist für mich eine logische Weiterführung über das Engagement im Jugendbereich hinaus. Einige erfolgreiche Projekte und Arbeitsweisen lassen sich sicher auch in den DSB-Bereich integrieren. Hier freue ich mich nun auf alle Altersklassen und Generationen zu treffen.
Warum ist dieser sich abzeichnende Generationswechsel im DSB so wichtig?
Ich bin der Auffassung, dass frischer Wind in etablierten Organisationen neue Perspektiven ermöglicht. Wir müssen uns fragen, wo wir noch nicht vollumfänglich Potenziale ausschöpfen, die in unseren sonstigen Lebensbereichen längst Einzug gehalten haben. Mir ist dabei ein Zusammenspiel der Generationen wichtig, sodass wir gegenseitig voneinander lernen können. Dies wird natürlich viel Kommunikation erfordern, zu der ich jederzeit zur Verfügung stehe.
Du willst in den Austausch mit den Landesverbänden und Vereinen gehen. Wie genau?
Zunächst bin ich gerade dabei, mir einen Überblick über Strukturen und Projekte zu verschaffen und meine eigene Rolle zu navigieren. Ich bin über jede Information von Seiten der Landesverbände und Vereine dankbar, die mir ihre Erfolge und Schwierigkeiten im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit mitteilen. Als Austauschformat habe ich ein virtuelles Treffen mit den Öffentlichkeitsreferenten der Landesverbände angedacht. Eine formale Einladung dazu wird aber noch folgen. In den Austausch zu treten ist entscheidend, um nicht nur Verbände, sondern auch Vereine öffentlichkeitswirksam zu unterstützen.
Der Beauftragte für Mitgliedergewinnung beklagt, dass viele Vereine ihre Öffentlichkeitsarbeit sehr vernachlässigen. Webseiten, die wie Friedhöfe daherkommen. Wie siehst Du das?
Sicherlich kommen manche Schach-Webseiten eher trist daher. Für manche ist das Internet Neuland oder die Pflege der Website hat nicht die oberste Priorität. Man sollte jedoch bedenken, dass ein Internetauftritt immer auch ein Aushängeschild für den Verein ist und gerade auch für die Gewinnung neuer Mitglieder große Relevanz hat.
Wie könntest Du den Vereinen helfen?
Allgemein lohnt sich in den heutigen digitalen Zeiten die Installation eines Webmasters, der sich im Verein mit der Öffentlichkeitsarbeit und dem digitalen Auftritt befasst. Viele Vereine können so ihre jahrelange gute Vereinsarbeit noch besser vermarkten - und auch so mehr Menschen für Schach begeistern. Durch Weiterbildungsformate können hier Angebote geschaffen werden für sogenannte Best-Practice-Beispiele. Diese können praktische Hilfestellungen für die jeweiligen Vereine geben.
Was sind Erfolgsmethoden, Vorbilder auf Vereinsebene für Dich?
Erfolgsmethoden definieren sich natürlich auch an den Erwartungen des Vereins selbst. Als großer Verein mit vielen Mitteln und Mitgliedern sind großangelegte Veranstaltungen wie Sommerfeste, Stadtfeste oder Ähnliches eine vorbildliche Möglichkeit der Werbung für den Schachsport. Und auch hier gilt, dass der Webauftritt mit eigenen Online- und Webformaten erfolgsversprechend ist. Berichte über die eigene Vereinsarbeit und die erfolgreichen Spielerinnen und Spieler treffen da auf großes Interesse, auch außerhalb der Schachwelt. Dies ermöglicht, Schach auch in traditionelleren Medien zu repräsentieren. Als persönliche Vorbilder auf Vereinsebene kommen mir all die vielen Gesichter der engagierten Ehrenamtlichen in den Kopf, die neben ihrem Studium, ihrem Beruf, in ihrem Ruhestand oder generell im Leben Zeit für ihre Liebe zum Schachspiel aufbringen - und diese mit anderen teilen. Ein großes Lob muss dort auch für alle noch so kleinen Vereine ausgesprochen werden.
Eines Deiner Ziele war bisher, Schach für Jugendliche zugänglich zu machen. Wie kann das auch über das neue Amt funktionieren?
In dem Bereich Öffentlichkeitsarbeit geht es natürlich darum, Jugendliche dort abzuholen, wo sie sind: im Internet. Also zumindest überwiegend. Mit digitalen Kampagnen, jungen Social-Media-Formaten, können Jugendliche auf den Schachsport aufmerksam gemacht und dafür interessiert werden. In Zusammenarbeit mit dem Referenten für Onlineschach, für Breiten- und Freizeitsport und dem Vizepräsidenten Verbandsentwicklung sind wir ebenfalls dabei, Jugendliche, die oft Onlineschach spielen, auch zu motivieren, in Vereine einzutreten.
Für viele ist ja die Gretchenfrage: Wie bekommen wir endlich mehr Spielerinnen in den DSB?
Das ist eine wichtige Frage. Zunächst wäre eine Analyse der vergangenen Jahrzehnte und des Ist-Zustands sinnvoll. Das gemeinsame Frauenschachprojekt von DSB und DSJ, wie mehr Frauen für den Schachsport zu gewinnen sind, ist da hervorzuheben. Hier geht es um eine Analyse der vergangenen Jahre mit dem Ziel, daran konkrete Maßnahmen zu entwickeln. Bei der Frage, wie mehr Spielerinnen gewonnen werden können, gilt es Anreize zu schaffen. Meiner Meinung nach hilft es allgemein, Mädchen in jungen Jahren mehr zuzutrauen und Mut zuzusprechen. Eine Idee wäre eine Ausweitung von Schach-Girls-Camps, wo auf spezifische Interessen der Mädchen eingegangen werden kann. Die Errichtung weiblicher Communitys ist hier sicher ein zentraler Punkt. Schach ist eben mehr als ein kompetitiver Sport, sondern auch eine Möglichkeit lange, tiefe Freundschaften zu knüpfen und spielerisch seine Kreativität zu entdecken und sich die Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Davon können alle Geschlechter profitieren.
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 36720