10. April 2026
In diesem Monat ist der Focus bei ihm wieder voll auf Schach. Am Wochenende des 18./19. April entscheidet sich für Robert Rabiega, ob er mit seinem Vereine SK König Tegel in die zweite Bundesliga aufsteigt - es steigt das "Endspiel" gegen Oberliga-Tabellenführer SV Görlitz 1990. Das Wochenende darauf wird er bei der Zentralen Endrunde (24. bis 26. April) der Bundesliga in Berlin als Kommentator im Einsatz sein. Viele werden ihn hören - und viele werden ihn sehen. Doch die meiste Zeit arbeitet der Berliner für den Schachsport im Hintergrund. Matthias Wolf erzählt Rabiegas ungewöhnliche, ja einzigartige Geschichte:
Auf einigen Feldern Pionier zu sein – damit kennt sich Robert Rabiega aus. Erinnert sei nur an die Saison 1986/87. Mit 15 Jahren feierte er als damals jüngster Spieler aller Zeiten sein Debüt in der Schach-Bundesliga. „Wunderkind Robert will alle matt setzen“, schrieb die Berliner Morgenpost – der Slogan, so erinnert sich Rabiega, prangte damals sogar auf Litfaßsäulen. Ohne sein Wissen. Als er morgens auf dem Schulweg zur U-Bahn lief, standen er und sein Kumpel fassungslos und staunend davor. „Da fiel mir nix mehr ein“, sagt er heute. Und fast so wortlos ist er auch, als er auf eine andere Besonderheit angesprochen wird. Dann sagt er: „Ja, das ist schlimm.“ Ist es wirklich so schlimm, dass er als einziger deutscher Großmeister auch Vereinsvorsitzender ist – bei seinem Herzensklub SK König Tegel? „Nun ja“, sagt Rabiega und verweist auf seinen bisweilen besonderen Humor, „es soll jetzt nicht so rüberkommen, als ob mich das Amt auffrisst – aber es ist schon eine Beeinträchtigung, weil ich dadurch fast nicht mehr zum Spielen komme.“
Für Paul Meyer-Dunker, den Präsidenten des Berliner Schachverbandes, ist der Fall anders gelagert. Für ihn sei Robert Rabiega nicht nur ein echtes Berliner Schach-Original, immer witzig und gut drauf - sondern auch ein echtes Vorbild: „Dass ein Großmeister wie er mit seinem Pensum derartige Basisarbeit bei einem Verein leistet, ist nicht nur einzigartig – ich finde das großartig und bewundernswert.“
2023 sei ihm gar keine andere Wahl geblieben, sagt Rabiega. Manfred Rausch, Mister Tegel, der Alles-Macher und -könner bei König Tegel, verstarb damals nach langer, schwerer Krankheit. „Und es war irgendwie für alle klar, dass ich das übernehme“, sagt Rabiega. Die natürliche und für alle logische Nachfolge, „auch weil im Prinzip sonst keiner da war, der es machen wollte“. Seitdem hat er das Amt an der Backe.
Wer einordnen möchte, wie das gemeint ist, der sollte erstmal eines wissen: Tegel liegt im Norden von Berlin - am gleichnamigen schönen See gelegen. Seit ein paar Jahren ist der Stadtteil noch idyllischer, weil der Flughafen TXL dicht ist. Manche sagen auch: Tegel ist verschlafen. Vor allem aber liegt Tegel für Robert Rabiega am anderen Ende der Stadt. Er wohnt in Lichterfelde, im Süden. Selbst wenn die Stadtautobahn frei ist, geht da nichts unter einer Dreiviertelstunde. Sein persönlicher, negativer Fahrtenrekord sind eineinhalb Stunden, einfach. Der Verein, dessen Spiellokal in einer Senioren-Freizeitstätte liegt, nur einen Steinwurf von besagtem See entfernt, leidet seit Jahren darunter, dass die nächstgelegene U-Bahn-Station geschlossen ist. Die U6 wird saniert, schon seit 2022. Und mittlerweile gibt es Meldungen, dieser Zustand dauere noch bis Sommer 2027. „Für uns als Verein“, sagt Rabiega, „ist das eine Katastrophe.“
Mittlerweile sei man nicht mehr, wie so viele Jahre, Jahrzehnte, der Berliner Top-Klub. Andere, wie der SC Kreuzberg, hätten deutliche Standortvorteile. Die Anzahl der Teams ist von sechs auf vier zurück gegangen. Beim Spielabend – längst ist es nur noch einer pro Woche - könne man die Teilnehmer mittlerweile an zwei Händen abzählen, die Mitgliederzahl habe sich auf knapp 100 eingependelt. Früher war König Tegel deutlich größer. Allein im Jugendbereich sei derzeit aber wieder ein Aufschwung sichtbar, sagt der Vereinschef. Lehrwart Josef Roth leiste hier mit Jugendleiter Fabian Jahnz sehr gute Arbeit.
Es sind insgesamt aber durchaus harte Zeiten für den traditionsreichen und namhaften Verein, der viele Jahre Bundesliga gespielt hat – und aktuell in der Oberliga Nordost die Tabelle anführt. Ja, sagt Rabiega, der selbst erfolgreich in der Oberliga spielt. Mit 2461 Elo liegt er rund 100 Punkte unter seinem Bestwert aus dem Jahr 2008. Wenn man es denn wirklich schaffe, dann wolle man auch aufsteigen. Obwohl die zweite Bundesliga seit der Reform in nur noch zwei Staffeln (Nord und Süd) mittlerweile eine ganz eigene Welt sei. Eine teure Welt. So seien die Reisekosten nicht leicht zu stemmen, es gehe ja bis in den hohen Norden und ins Ruhrgebiet. Zudem werfe die Konkurrenz teilweise schon gewaltig mit Geld um sich und lasse Topstars einfliegen. „Wir hingegen haben keine Legionäre und zahlen auch nix, und bei Aufstieg auch nur ganz wenig.“ Bei Tegel eins sitzen derzeit nur deutsche Spieler an den Brettern, die allesamt eine Beziehung zum Verein haben. So wie der Vorsitzende.
Robert Rabiega ist seit 1981 Mitglied bei König Tegel. 1986 dann, als talentierter Nachwuchsspieler, habe er binnen weniger Stunden gleich drei Angebote von Berliner Bundesligisten erhalten – aus Zehlendorf, Kreuzberg und Steglitz. Er entschied sich zuerst für Lasker Steglitz, später war dann Tegel seine Bundesliga-Base, und auch mal kurz Empor Berlin. Sein Herz aber blieb immer in Tegel. „Das ist bis heute mein Verein. Und wird es auch immer bleiben.“ Trotz aller Belastung, die so ein Amt mit sich bringt.
Klar, sagt er, er habe großartige Unterstützung im Verein. „Alles nette Leute. Vor allen Dingen Menschen, die im Hintergrund Großartiges leisten.“ Gemeint sind Roth, Jahnz, Kassierer Frank Jähnisch, Materialwart Ralf Ettel und Geschäftsstellen-Leiter Frank Mahnert. Aber an ihm, dem Vorsitzenden, bleibt doch auch eine Menge hängen. „Ich bin halt verantwortlich für den kompletten sportlichen Bereich“, sagt er: „Gut, dass es WhatsApp gibt, sonst würde ich irre werden.“ Über den Chat regelt der 55-Jährige auch am Tag vor den Spielen noch die Aufstellung für alle vier Mannschaften. Hinzu kommt natürlich auch viel Schriftkram, repräsentative und organisatorische Aufgaben. Das lenke ihn doch sehr vom Spielen ab. „Für einen wie mich, der mal Profi war, ist das schon hart, jetzt alles Mögliche rund um den Sport zu machen, und gleichzeitig den Sport weniger zu betreiben“, sagt er, der nach wie vor zu den besten Blitz- und Schnellschachspielern des Landes gehört, die deutschen Meistertitel reihenweise abgeräumt hat: „Manchmal kommt in mir das Gefühl hoch, gar kein Spieler mehr zu sein – vor lauter anderen Aufgaben.“
Da ist nicht nur der Verein. Auch auf anderem Feld ist er Pionier. Längst hat er noch eine ganz andere Leidenschaft für sich entdeckt: Schulschach. Das Spiel fördere Logik und Konzentration, strategisches Handeln, Durchhaltevermögen, die Entscheidungsfindung – und soziale Kompetenzen. Alles Dinge, die für Kinder wichtige Bausteine im Leben sind. Mehr denn je im Handy-Zeitalter. Schach als Schulfach – das praktiziert er bereits seit 15 Jahren. Er unterrichtet in der fünften und sechsten Klasse des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums, 13 Stunden in der Woche. „Schach kann für Schülerinnen und Schüler wie Medizin sein bei einigen Problemen“, sagt er über seine Arbeit. Den Unterricht gestaltet er mit bis zu 30 Kindern im Zweierteam mit Julian Urban und Bundesliga-Spielerin Helen Raab. Rabiega und seine Mitstreiter kämpfen seit langem dafür, Schach in Berlin flächendeckend auf den Lehrplan zu hieven – oder zumindest an noch mehr Schulen als AG anzubieten.
Neben dem Schulprojekt arbeitet er auch noch als Trainer – und eben als Ehrenamtlicher bei König Tegel. Wenn er ehrlich sei, sagt er, dann „passt das schon zu mir, weil mich die Basis schon immer interessiert hat“. Zudem sei ja diese Liebe zum Verein, dem er viel zu verdanken habe, weil König Tegel bekannt ist für seine Jugendförderung, die auch er einst unter Manfred Rausch genießen durfte. „Ich weiß ja auch, dass da kein anderer ist, der es machen würde“, sagt er, „deshalb sage ich es mal so: So lange ich die Kraft dafür habe, mache ich das mit.“ Geht auch nicht anders. Im Berliner Schach nennen sie mittlerweile ihn so wie seinen Vorgänger: Mister Tegel. (mw)
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