20. Januar 2026
Die nackten Fakten: Der Deutsche Schachbund versammelt unter seinem Dach im Januar 2026 so viele Vereinsmitglieder wie seit 20 Jahren nicht mehr. 96.903 Spielerinnen und Spieler sind in einem Schachverein Mitglied - die höchste Zahl seit 2006. Rund 2000 mehr als noch vor einem Jahr. Das geht aus der neuen Mitglieder-Statistik von Jürgen Dammann, dem Referenten für Mitgliederverwaltung beim DSB hervor. Seit gestern steht nun, nach einigen letzten kosmetischen Korrekturen, die offizielle Zahl fest, die auch dem Deutschen Olympischen Sportbund gemeldet wird. Spannender Nebenaspekt: Im Dezember lag die Mitgliederzahl bereits bei 99.700, weil die Neueintritte übers Jahr stetig fortgeschrieben wurden. Dann aber haben die Vereine zum Jahresende ihre Statistiken bereinigt, Austritte und Todesfälle gemeldet – und so kam dann die richtige Zahl zustande. Der Prozess der Mitgliederentwicklung ist also durchaus ein dynamischer. „Ich denke, wir werden die sechsstellige Zahl bald erreichen. Die Tendenz ist jedenfalls absolut positiv“, sagt DSB-Präsidentin Ingrid Lauterbach, „das ist ein Grund, uns zu freuen. Auch, weil wir innerhalb des DOSB wichtiger werden.“ Doch was steckt hinter diesen Zahlen? Jannik Kiesel, DSB-Vizepräsident Verbandsentwicklung, hat sich das in einigen Bereichen mal genauer angeschaut – und es wird schon kurzfristig darauf reagiert.
Denn Fakt ist auch: Die Mitgliederzahl steigt zwar, die Zahl der Vereine jedoch nicht. 2.196 Schachclubs zählt der DSB aktuell. Über 2.700 Vereine waren es noch vor 20 Jahren. Man habe, so Kiesel, es also durchaus „mit einem Vereinssterben zu tun“. Woran das liegt, wie dem womöglich gegengesteuert werden kann – das soll auch Thema einer Bundesvereinskonferenz sein, die im Rahmen des Schachgipfels im Sommer in Dresden geplant ist. Die Organisatoren Jannik Kiesel und Dominik Wieber, Referent Breitenschach, werden dazu Workshops mit acht Referentinnen und Referenten anbieten.
Die Lage: Kleine Vereine, oftmals im ländlichen Raum, beklagen sich über Probleme bei der Ehrenamtlichen-Gewinnung. Der Teufelskreis, grob herunter gebrochen: Ohne Jugendleiter und -trainer kein Nachwuchs. Diese Vereine sind oft überaltert und in der Außendarstellung (Webseite, Social Media) kaum noch greifbar für potentielle Interessenten. Hierzu ein interessanter Aspekt: Rund 16.000 Mitglieder sind über 65 Jahre alt. Gleichzeitig wachsen viele Vereine in den Städten – und oftmals expandieren dort vor allem die Jugendabteilungen. „Wir haben immer mehr Vereine mit dreistelligen Mitgliederzahlen“, so Lauterbach: „da findet in gewisser Weise eine Konzentration statt.“ Heißt also auch: Mehr Mitglieder in weniger Clubs. Was machen diese Vereine so gut? Jannik Kiesel sagt: „Diese Vereine investieren konsequent in Nachwuchsarbeit, haben klare Strukturen und nehmen Kommunikation ernst – also Website, Social Media und persönliche Ansprache. Sie machen es neuen Mitgliedern leicht, anzukommen.“
Größe Landesverbände sind mit Abstand NRW und Bayern. Allerdings könnte hier die für 2027 geplante Fusion von Baden und Württemberg eine Veränderung bringen. Beide Verbände kämen gemeinsam derzeit auch auf etwas mehr als 18.000 Schachspieler und Schachspielerinnen. Es wächst also perspektivisch ein neuer Gigant heran. Das passt auch deshalb, weil die beiden Verbände in Sachen Mitgliedergewinnung sehr aktiv sind. Wir haben uns jedenfalls schonmal den Spaß erlaubt und in unserer Grafik Baden-Württemberg eingefügt...
Auffällig ist bundesweit der starke Zuwachs bei den Jugendlichen. Über 33.000 Mitglieder sind unter 20 Jahre alt, davon sogar 12.000 im Alter von zehn bis 13. Noch nie gab es so viele Kinder und Jugendliche im organisierten Schach. Schul-AG`s, der Ganztagsunterricht – viele Vereine nutzen diese Chance. Dann jedoch gehen viele in den Beruf oder ins Studium – und sind weg. „Hier“, sagt der umtriebige DSB-Beauftragte für Hochschulschach, Christoph Barth, „setzen wir an. Hochschulschach kann auch eine Chance für die Vereine sein, um neue Leute zu bekommen.“ Er hat binnen kürzester Zeit seit seinem Amtsantritt im Herbst 2024 ein Netz aus regionalen Turnieren und einem beeindruckenden Bundesturnier gespannt, die Deutsche Hochschulmeisterschaft in Berlin. Zudem ist Schach unter der Regie von Barth und dem Berliner Verbandspräsidenten Paul Meyer-Dunker wieder unter das Dach des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbandes adh aufgenommen worden.
Hinzu kommt: Auch Onlineschach boomt. Heißt: Jetzt muss noch der Übergang in die Vereine bewerkstelligt werden, entsprechende Angebote geschaffen und Hemmschwellen abgebaut werden. Jannik Kiesel: „Wir haben derzeit an vielen Stellen Berührungspunkte mit Schach – in Schulen, an Hochschulen oder im Online-Bereich. Die große Aufgabe besteht nun darin, diese Menschen nicht zu verlieren, sondern ihnen attraktive Wege in die Vereine zu eröffnen. Genau hier müssen wir ansetzen, Berührungsängste abbauen und Brücken bauen – mit passgenauen Angeboten: etwa Amateurturnieren, Hochschulkooperationen mit Vereinen, offenen Vereinsabenden, Schnuppertrainings oder Formaten wie Ferien- und Wochenend-Schachaktionen für Kinder, die sowohl den Einstieg in den Verein erleichtern als auch die langfristige Bindung stärken.“ Damit die anvisierten 100.000 letztlich nicht nur eine flüchtige Zahl bleiben.
Das Potenzial jedenfalls erscheint riesig. 18 Millionen Deutsche geben an, Schach zu spielen. Laut einer Umfrage von ONE8Y, einer führenden Datenbank im Sportbusiness, beherrschen 70 Prozent der Deutschen die Schachregeln – und jeder Zehnte hat „sehr starkes Interesse an Schach“.
Nimmt man also dieses große Reservoir, müssten auf Dauer noch viel mehr Interessierte an der Vereinsbasis ankommen. Wie es geht, dazu gibt es am Mittwoch, 11. Februar, von 19 bis 20.30 Uhr eine digitale Fortbildungsveranstaltung im Rahmen der Reihe WissenSchach kompakt: „Neue Mitglieder – aber wie?“ Referent ist Gerhard Prill, Beauftragter für Mitgliedergewinnung, der in einem Doppelinterview mit dem DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit schon vor Jahresfrist bemerkenswerte Einblicke gegeben hat, wie es funktionieren kann. (mw)
Interview mit Gerhard Prill, Teil eins: Schach muss zum Gemeinschaftserlebnis werden
Interview mit Gerhard Prill, Teil zwei: Vereine wirken wie closed shops
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 36910