"Wir haben ein klares strategisches Ziel gesetzt: 16.000 weibliche Mitglieder."

20. April 2026

Vorbilder im Fokus: Dinara Wagner zeigt bei der Team-EM in Batumi die Stärke des deutschen Frauenschachs.

Jannik Kiesel im Interview zum Gleichstellungsbericht 2026

Der Frauenanteil im deutschen Schach steigt – aber nur langsam. Gleichzeitig zeigen aktuelle Daten ein klares strukturelles Problem: Viele Mädchen verlassen den Verein bereits im Alter von elf Jahren, und Frauen sind in zentralen Rollen weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Mit dem ersten Gleichstellungsbericht legt der Deutsche Schachbund nun eine fundierte Analyse vor und formuliert konkrete Ziele für die Zukunft. Im Interview spricht Vizepräsident Jannik Kiesel über kritische Entwicklungen, wirksame Maßnahmen und darüber, warum der Verband langfristig 16.000 weibliche Mitglieder erreichen will.

Das Ziel: 16.000 weibliche Mitglieder

Warum war es dir ein persönliches Anliegen, diesen ersten Gleichstellungsbericht zu erstellen?

Auf dem Bundeskongress 2023 wurde der Antrag für einen jährlichen Bericht gestellt. Da bisher noch kein schriftlicher Gleichstellungsbericht vorlag, habe ich es mir zur persönlichen Aufgabe gemacht, diese Lücke zu schließen und Transparenz zu schaffen.

Die Statistik zeigt eine kritische Phase bei Mädchen zwischen 8 und 11 Jahren. Was passiert dort genau?

Die Daten sind hier sehr eindeutig: Während wir bei 8-jährigen Mädchen die höchste Zahl an Neueintritten verzeichnen, erreichen die Austrittszahlen bereits mit 11 Jahren ihren Peak. Das ist ein kritisches Zeitfenster. In dieser Phase verlieren wir die Mädchen, noch bevor die Bindung an das organisierte Schach fest genug ist, um sie durch die Pubertät und darüber hinaus im Verein zu halten. Im Vergleich dazu erreichen die Austrittszahlen der Jungen ihren Peak erst zwei Jahre später.

Wie beurteilst du die Rolle von Frauen in Führungspositionen und im Ehrenamt?

Hier sehe ich eine massive strukturelle Unterrepräsentanz. Im Präsidium ist aktuell nur eine von vier Positionen weiblich besetzt. Noch deutlicher wird es in den Referaten – dort werden nur zwei von 16 durch Frauen geleitet. Besonders kritisch ist die Situation bei den 22 Mitgliedsverbänden, von denen lediglich einer von einer Frau geführt wird. Wir haben hier eine ausgeprägte männliche Dominanz.

Was ist das wichtigste Ziel für das Jahr 2026?

Für das Jahr 2026 haben wir bereits viele Maßnahmen zur Förderung von Frauen im Schach geplant, die wir durchführen werden. Im Rahmen des Schachgipfels wird es die Abschlusskonferenz des DSB-DSJ Projekts zur Förderung des Mädchen- und Frauenschachs geben, die sich genau mit dieser Thematik befasst. Auf längere Sicht gesehen ist das strategische Ziel laut Verbandsprogramm des DSB die Marke von 16.000 weiblichen Mitgliedern im Deutschen Schachbund zu erreichen.

Der Frauenanteil im deutschen Schach liegt aktuell bei gut 10 %. Wie bewertest du diese Entwicklung über die letzten 20 Jahre hinweg?

Es gibt eine positive Tendenz, aber sie ist langsam. 2005 lag der Anteil noch bei etwa 6,5 %, heute stehen wir bei knapp über 10 %. Das ist zwar eine kontinuierliche Steigerung, aber im internationalen Vergleich und auch zu anderen Sportarten stellen Frauen im DSB weiterhin eine deutliche Minderheit dar.

Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland beim Thema Beteiligung deutlich schwächer ab. Worin siehst du die zentralen Ursachen dafür?

Der FIDE Gender Equality Index (GECI) führt uns auf Rang 79, was ernüchternd ist. Gerade der Wert für die Beteiligung („Participation“) mit nur 10,20 Punkten ist extrem niedrig. Dieser Wert beschreibt im Kern die Frauenquote im deutschen Schach. Die Ursachen dafür sind vielschichtig: Erstens haben wir ein strukturelles Bindungsproblem bei Mädchen, die den Verein oft schon mit 11 Jahren und damit zu früh verlassen; zweitens herrscht eine Unterrepräsentanz in Vorbildrollen wie Trainerinnen, Schiedsrichterinnen oder Funktionärinnen; drittens fehlt uns der Zugang zu Späteinsteigerinnen im höheren Alter und zuletzt beobachten wir eine Lücke im aktiven Spielbetrieb, da fast 50 % unserer weiblichen Mitglieder gar keine DWZ führen und somit nicht im kompetitiven Kern des Schachs ankommen.

Besonders auffällig ist der frühe Drop-Out von Mädchen bereits ab etwa 11 Jahren. Welche Gründe siehst du für diesen frühen Ausstieg?

Mädchen verlassen den Verein im Schnitt zwei Jahre früher als Jungen. Die genauen Ursachen sind komplex und konnten auch durch das gemeinsame Projekt von DSB und DSJ noch nicht abschließend geklärt werden, doch wir sehen einige Tendenzen: Oft fehlt in dieser Umbruchphase eine ausreichend starke soziale Einbindung oder es mangelt an Angeboten, die über den rein kompetitiven Ansatz hinausgehen. Zudem spielen der Eintritt in die Pubertät, ein steigender zeitlicher Aufwand für die Schule sowie ein damit einhergehender Interessenwandel eine entscheidende Rolle für den frühen Ausstieg.

Bewährte Ansätze intensivieren und noch stärker auf die spezifischen Bedürfnisse junger Mädchen zuschneiden

Welche Maßnahmen plant der DSB für Mädchen zwischen 8 und 11 Jahren und welche bestehenden Programme haben sich bereits als wirksam erwiesen?

Das Zeitfenster zwischen 8 und 11 Jahren ist absolut entscheidend, da wir hier die höchsten Austrittszahlen verzeichnen. Um Mädchen langfristig zu binden, führen wir gemeinsam mit der DSJ ein umfassendes Förderprojekt durch, das gezielte Bindungsstrategien für diese Altersgruppe entwickelt und fördert. Dabei bauen wir auf Programmen auf, die sich bereits als sehr wirksam erwiesen haben: Formate wie der Mädchen Schach Super Tuesday bieten eine niederschwellige Vernetzung im digitalen Raum, während Auszeichnungen wie der Frauenschachverein des Jahres und das „Qualitätssiegel Mädchen- und Frauenschach“ Vereine vor Ort motivieren, attraktive Angebote für Mädchen und Frauen im Schach zu schaffen. Unser Ziel ist es, diese bewährten Ansätze zu intensivieren und noch stärker auf die spezifischen Bedürfnisse junger Mädchen in dieser Umbruchphase zuzuschneiden.

Frauen sind nicht nur als Spielerinnen, sondern auch in Trainer-, Schiedsrichter- und Führungsrollen unterrepräsentiert. Welche Ansätze verfolgst du, um hier gezielt mehr Frauen zu gewinnen?

Indem wir Barrieren abbauen, eine ansprechende Atmosphäre schaffen und Frauen gezielt fördern, z. B. durch Maßnahmen wie die Mädchenbetreuerinnenausbildung der DSJ. Aktuell sind nur ca. 9 % der Trainierenden und Schiedsrichtenden weiblich. Wir brauchen sie dort dringend – auch als Vorbilder für den Nachwuchs.

Wie wichtig sind weibliche Vorbilder – etwa erfolgreiche Nationalspielerinnen – für die Entwicklung des Frauenschachs in der Breite?

Sie sind von zentraler Bedeutung. Erfolge wie die EM-Bronzemedaille unserer Frauennationalmannschaft in Batumi oder die herausragenden Einzelleistungen unserer Nationalspielerinnen wirken wie ein Katalysator: Sie zeigen jungen Mädchen eindrucksvoll, dass die Weltspitze für sie erreichbar ist. Doch Vorbilder müssen über den Leistungssport hinausgehen. Wir schaffen Identifikationsfiguren auch durch eine gezielte Darstellung von Mädchen und Frauen in unserer Öffentlichkeitsarbeit oder durch popkulturelle Einflüsse wie die Netflix-Serie „Das Damengambit“. Unser Ziel ist es, diese Sichtbarkeit auf allen Ebenen zu fördern, damit Schach für jede Frau als attraktiver und zugänglicher Raum wahrgenommen wird.

Bronze für Deutschland: Zahar Efimenko, Josefine Safarli, Hanna Marie Klek, Lara Schulze, Kateryna Dolzhykova, Dinara Wagner und Wolodymyr Baklan

Welche Rolle spielen Vereine konkret bei der Förderung von Mädchen und Frauen, und wie kann der DSB sie dabei noch besser unterstützen?

Die Vereine sind die Basis unseres Sports und der entscheidende Ort, an dem die Weichen für ein lebenslanges Engagement gestellt werden – hier fällt die Entscheidung über Bleiben oder Gehen. Ein Verein, der eine echte Willkommenskultur lebt, bietet Mädchen und Frauen nicht nur ein Brett, sondern eine Gemeinschaft. Der DSB unterstützt diesen Prozess aktiv durch den Transfer von Know-how und durch Anerkennungen wie das Qualitätssiegel Mädchen- und Frauenschach oder die Ehrung zum Frauenschachverein des Jahres. Wir wollen Vereine dazu ermutigen, spezifische Trainingsgruppen zu bilden und soziale Vernetzungsangebote zu schaffen, damit Schach für Frauen sichtbarer und als inklusiver Raum erlebbar wird.

Wenn du einen Blick in die Zukunft wirfst: Wo soll das deutsche Schach in fünf bis zehn Jahren beim Thema Gleichstellung stehen?

Mein Ziel ist eine grundlegende kulturelle Transformation. Wir orientieren uns langfristig an der Gleichstellungsschwelle des DOSB von 30 %, um die strukturelle Unterrepräsentanz nachhaltig zu überwinden. In zehn Jahren soll es vollkommen normal sein, dass Frauen in allen Bereichen des Schachs – vom aktiven Spielbetrieb über das Trainings- und Schiedsrichtwesen bis hin zu den Vorstandsetagen – sichtbar, prägend und gleichberechtigt vertreten sind. Wir müssen weg von punktuellen Fördermaßnahmen hin zu einem Verband, in dem Diversität als natürliche Stärke begriffen wird und in dem jedes Mädchen, das mit acht Jahren voller Begeisterung anfängt, eine echte lebenslange Perspektive in unserem Sport findet. Wir befinden uns zwar auf einem guten Weg, aber aus meiner Sicht sind wir noch viel zu langsam. Um unsere Ziele wirklich zu erreichen, müssen wir unsere Anstrengungen in der Mädchen- und Frauenförderung noch einmal deutlich intensivieren.

Der Gleichstellungsbericht zum Download

Gleichstellungsbericht_2026.pdf (650,2 KiB)

// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 37003

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