20. November 2025
Am heutigen Donnerstag ist Ruhetag beim World Cup in Goa, erst morgen geht es weiter. Die vier Halbfinalisten stehen fest: GM Nodirbek Yakubboev hatte sich durch seinen 1,5–0,5-Sieg in den klassischen Partien gegen GM Alexander Donchenko zuerst qualifiziert, GM Wei Yi, GM Javokhir Sindarov und GM Andrey Esipenko zogen am Mittwoch im Tiebreak nach. Während das lief, saß Donchenko schon im Flieger. Am Ende wollte er, der von den deutschen Spielern am weitesten gekommen war, nur schnell nach Hause. Koffer auspacken, viel Schlafen – erholen für die nächste Aufgabe, die schon ansteht: Das US-Masters in Charlotte vom 26. bis 30. November, da feiern die Amerikaner übrigens auch Thanksgiving. Am Gepäckband des Frankfurter Flughafens beantwortete Donchenko die Fragen von Matthias Wolf vom DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit. Es wird klar: Das Leben als Schachprofi ist in intensiven Turnierphasen wahrlich kein Zuckerschlecken. Und der World Cup ist eine besonders nervenzerfetzende Nummer.
Alexander, welches Gefühl überwiegt bei Dir im Moment: Der Stolz über das Erreichte – oder die Enttäuschung, das Halbfinale verpasst zu haben?
Im Augenblick fühle ich weder Stolz noch Enttäuschung – sondern einfach nur Erschöpfung. Ich weiß aber, dass ich ein sehr gutes Turnier gespielt habe, ich bin schon sehr zufrieden. Ich denke, ich habe vor allem in den ersten Runden sehr, sehr gut gespielt – aber es ist noch nicht wirklich eingesunken bei mir, was alles passiert ist. Es war einfach viel zu viel los.
Du musstest im Achtelfinale in einen nervenaufreibenden Tiebreak – wie sehr hat Dir das die Energie geraubt für die erste Partie gegen Nodirbek Yakubboev im Viertelfinale?
Ich denke, das kann ich so sagen: Ich habe das Match eindeutig schlechter gespielt als alle davor. Und ja, ich denke das hängt mit dem Tiebreak zusammen, den ich gegen Le Quang Liem spielen musste. Der Tiebreak war völlig unnötig, ich hätte das Match eigentlich gewinnen müssen. Aber da ich ihn nun einmal spielen musste und zuvor diese Siegchancen vergeben habe, war das für die Nerven einfach belastend. Man spielt ja auch bei anderen Turnieren jeden Tag, so gesehen war das nichts Ungewöhnliches – aber beim World Cup ist es halt doch etwas anderes, weil die Anspannung eine andere ist. Vor allem, weil es in jeder Partie vorbei sein kann.
Wie beurteilst Du diese Partie gegen Nodirbek Yakubboev, als Du früh mit dem Rücken zur Wand gestanden bist, im Nachhinein?
In dieser ersten Partie ist es in der Eröffnung gar nicht gut gelaufen, aber – ehrlich gesagt – auch die zweite Partie habe ich nicht wirklich gut gespielt. Er hätte sie auch durchaus gewinnen können, hätte nicht remisieren müssen - aber da habe ich dann von der Matchsituation profitiert. Ja, ich muss sagen: Ich habe einfach beide Partien nicht gut gespielt. Ich weiß jetzt natürlich nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich das Match gegen ihn schon in Runde vier oder fünf gehabt hätte. Aber, um ehrlich zu sein: Ich habe nicht das Gefühl, großartig was verpasst zu haben. Es fühlt sich nicht an, als sei ich nur eine Partie vom Kandidatenturnier entfernt gewesen. Ich hätte ja noch zwei Matches gewinnen müssen und ich war zudem nicht wirklich nah dran, das Match gegen Yakubboev zu gewinnen - und deshalb hält sich die Enttäuschung sehr in Grenzen.
Was waren Deine persönlichen Highlights in Goa? Schachlich, aber auch abseits des Brettes?
Beim Alltagsleben gab es relativ wenige positive Highlights. Man hatte so seine Routine. Als noch viele deutsche Teamkollegen da waren, gingen wir gerne spazieren. Generell war die Stimmung mit mehreren Leuten etwas fröhlicher. Die Highlights begrenzten sich ansonsten darauf, wenn es beim Essen gute Eissorten gab – man musste die kleinen Dinge genießen. Es gab in dem Ressort genug, um schönen Urlaub zu machen – aber für Spieler ist das was anderes. Man hatte nach wenigen Tagen alles erforscht - und dann wiederholen sich die Abläufe. Man ist ja dort zum Schachspielen.
Wie hält man generell bei so einem Mammutturnier mit so einem fordernden Modus die Konzentration und das Energielevel hoch?
Man hat seinen festen Tagesablauf. Für mich bedeutete das spazieren zu gehen. Ich bin auch immer zum Frühstück gegangen, was nicht bei allen der Fall war – und wenn ich nach der Partie noch Zeit hatte, auch gerne in den Fitnessraum zum Trainieren.
Die gesamte deutsche Delegation hat in Indien begeistert. Das zeige, wie viel Potenzial im deutschen Schach stecke und mache Mut für die Olympiade 2026 – das hat Vincent Keymer gesagt. Wie siehst Du das?
Man muss immer auf die aktuelle Form schauen. Wir hatten jetzt das Glück, dass einige von uns – mich inklusive – zuletzt gut gespielt haben, natürlich allen voran Matthias Blübaum, der – ich sage das jetzt mal so – über seinen Schatten gesprungen ist, mit seinem herausragenden Ergebnis in Samarkand. Ich habe nicht so viel Mannschaftsturniererfahrung, deswegen fällt es mir auch schwer, irgendwelche Vorhersagen zu treffen. Aber eine Sache kann ich auf jeden Fall sagen: So lange auch noch viele Deutsche beim World Cup dabei waren, hat es sehr geholfen, dass wir gewissermaßen auch als Team da waren. Es gab auch andere mit größeren Gruppen, zum Beispiel Indien und die USA – aber da hat man den Zusammenhalt nicht in so einem Ausmaß gesehen wie bei uns: Dass alle gemeinsam beim Essen sitzen und zusammen Zeit verbringen. Ich denke, das hat allen ein bisschen mehr Motivation gegeben.
Irgendwann aber warst Du der einzige deutsche Spieler in Goa. Wie geht man damit um?
Das führt dazu, dass es immer einsamer wurde. Ich hatte noch gewissermaßen Glück, dass Jan Gustafsson und Peter Leko als Kommentatoren dabei waren – und mir immer Gesellschaft leisten konnten. Im Nachhinein muss ich sagen: Hätte ich im Vornherein gewusst, dass das Turnier für mich so lange geht, wäre ich vielleicht mit einer Begleitperson angereist. Diese Begleitung haben viele Spieler im Viertelfinale gehabt. Vielleicht, weil sie eher damit gerechnet haben, ins Viertelfinale zu kommen – im Gegensatz zu mir (lacht). Ja, das macht auf den späteren Turnier-Etappen durchaus einen Unterschied, weil es sich schon ein wenig seltsam anfühlt: Man fängt mit 200 Leuten an und sieht irgendwann nur noch das Hotelpersonal und den eigenen Gegner. Das ist natürlich nicht so spaßig.
Beschreibe doch bitte mal die Begeisterung rund um alle Spieler, die in Goa herrschte. Wir haben die Bilder gesehen: Schachspieler wurden wie Popstars umschwärmt.
Die Atmosphäre vor Ort war schon eine ganz besondere im Vergleich zu dem, was man sonst so bei Turnieren sieht. Am Anfang waren die Leute vor allem bei den Spielern, die schon sehr bekannt sind, bei uns ist das ja Vincent. Die Leute kamen zu ihm, wollten Autogramme. Für mich hat sich das dann im Laufe des Turniers auch entwickelt. Zu mir kamen nach der vierten, fünften Runde regelmäßig Leute und wollten mit mir Bilder machen. Das ist ein bisschen ungewohnt – aber im positiven Sinne. Man merkt doch, die Spieler werden in Indien sehr geschätzt – auch von Seiten des Veranstalters, von Seiten des Hotels. Man merkt, wir sind nicht nur irgendwelche komischen Leute, die da auftauchen und für ein paar Wochen nerven. Das ist schon ein deutlicher Unterschied zu Deutschland, auch in diesem Ausmaß, dass eine Veranstaltung so einen hohen Stellenwert hat, auch vom sportlichen Prestige her – und zwar für die ganze Region dort.
Was steht nun noch an bei Dir für den Rest des Jahres und das neue Jahr? Was sind Deine Ziele und Wünsche?
Ich habe tatsächlich in diesem Jahr noch einiges vor. Das ist auch der Grund, warum ich so schnell wie möglich nach Hause wollte. Ich spiele das US Masters in Charlotte, das beginnt in etwa einer Woche. Ich möchte die viereinhalb Stunden Zeitverschiebung aus Indien kompensieren – und mich dann auf die sechs Stunden Unterschied in den USA einstellen. Und dann habe ich noch Ende des Jahres die Rapid- und Blitz-WM in Katar geplant. Mir ist auf der Reise hierher aufgefallen: Katar ist im Vergleich zu Indien gar nicht so weit…
Und 2026?
Es gibt kein Grand Swiss, es gibt keinen World Cup - aber ich hoffe, dass es spannende Turniereinladungen gibt und ich für das deutsche Olympiade-Team aufgenommen werde. Ansonsten will ich weiter an meiner Elo und an meinem Spiel arbeiten. Aber jetzt werde ich erstmal ganz lange schlafen…
| Br. | Spieler | Elo | - | Spieler | Elo |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 2721 | - | 2689 | ||
| 2 | 2693 | - | 2754 |
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