21. August 2025
Der dritte Tag beim Inklusionsfestival in Ruit, beim Württembergischen Schachsommer. Bevor wir zum Sportlichen kommen, soll es aber um einen Mann gehen: Er hat viele Turniere organisiert und geleitet. Aber das, was er mit seiner Frau Nadja und seinem Team aus Assistenten und Assistenten in Ruit auf die Beine gestellt hat, ist auch für den großen GM Artur Jussupow, 65, eine besondere Erfahrung. Matthias Wolf vom DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit hat mit dem Turnierdirektor beim Inklusionsfestival gesprochen. Was gar nicht so einfach ist, wie Gert Schulz weiß. Der Inklusionsbeauftragte des Deutschen Schachbundes sagt: „Nadja und Artur Jussupow arbeiten hier gefühlt rund um die Uhr. Sie sind immer und für alle ansprechbar. Ich weiß gar nicht, wie die beiden das schaffen.“ Sein Fazit: „Es ist in jeder Minute spürbar, welche Herzensangelegenheit diese Turniere in Ruit für Artur und Nadja sind.“
Artur, Gert Schulz sagt, für viele Teilnehmer ist es allein schon ein Erlebnis, mit der Schach-Legende Artur Jussupow gemeinsam bei einem Turnier zu sein. Wie oft kannst Du nein sagen, wenn jemand was von Dir will?
Ganz schwer, obwohl ich eigentlich keine Zeit habe bei so vielen Turnieren, die hier parallel laufen. Gestern hat mich auch wieder ein junger Mann, Teilnehmer bei der Deutschen Behindertenmeisterschaft, abgefangen – okay, dann habe ich mit ihm halt seine Partie analysiert. Ich muss ja eines sagen: Inklusion ist eine Sache, die für beide Seiten schön ist. Ich will nicht zu altruistisch klingen, aber: Ich fühle mich auch gut, wenn ich mir Zeit für Menschen mit Behinderung nehmen kann. Es macht mir Freude, es kommt viel zurück.
Wie meinst Du das?
Schau, vor einiger Zeit hat meine Frau Nadja, die ja auch DSB-Referentin ist, ihren Referenten-Kollegen Gert Schulz kennengelernt. Und ich in der Folge auch. Bis dahin hatte ich wenig Berührungspunkte mit Menschen mit Behinderung. Man kann sagen: Ich war nicht sehr vertraut mit dem Thema. Dann haben wir gemeinsam die erste Deutsche Behindertenmeisterschaft in Augsburg organisiert – und schon dort kam von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern so viel zurück, dass die Idee zu diesem Inklusionsfestival entstand.
Mehrere Turniere in einer Sporthalle – Spielerinnen und Spieler verschiedenen Alters, Großmeister im Kortschnoi-Memorial, Schach-Anfänger, Kinder, Senioren, Behinderte…
…ist das nicht eine wunderschöne Mischung? Wir hätten uns in einzelnen Turnieren mehr Teilnehmer gewünscht, aber jetzt sind wir gar nicht unglücklich: Es ist nicht so eng, man hat sehr viel Platz – da gibt es auch Raum für tolle Gespräche und Erlebnisse. Ich kenne mittlerweile viele Geschichten, wie Menschen mit ihrer Behinderung leben. Und ich muss sagen: Diese Menschen haben meinen allergrößten Respekt. Ich kann viel von ihnen lernen.
Was genau?
Kampfgeist. Die geben nicht auf. Ich bewundere das. Die haben in ihrem Leben so viel erlebt, was es ihnen nicht leicht gemacht haben. Dann kommen die hierher und geben am Brett alles. Jeder einzelne. Da ist keiner, der leichtfertig eine Partie verloren gibt. Ich finde, diese Menschen haben eine ganz besondere Einstellung – und da sind viele für mich auch viele Vorbilder dabei. Ich habe einen Freund in Holland, der ist auch Schachtrainer und hat mir kürzlich eine Geschichte erzählt. Von einem Jungen mit Behinderung, den er trainiert hat – und der mit seiner Hilfe von einem sehr schlechten Spieler zu einem wurde, der plötzlich Partien gewonnen hat, bei Turnieren im Mittelfeld landete. Er hat Bestätigung gefunden, Selbstvertrauen – er wurde zu einem anderen jungen Menschen. Das geht vielleicht nur im Schach. In unserem Sport ist es doch egal, ob ein Kind zwei Meter hoch springen kann oder im Rollstuhl sitzt – beide können super Spieler werden.
Du bist ja, auch mit Deiner eigenen Schachschule, als Talentschmied bekannt. Bei der Arbeit mit Kindern braucht man bestimmt auch Nerven wie Drahtseile. Inwiefern ist der Job hier aber vielleicht sogar schwerer?
Auf eine Weise: sehr. Wir haben hier bei dieser Meisterschaft und verschiedensten Formen der Beeinträchtigung bei den Teilnehmern, besondere Herausforderungen. Die haben wir sonst nicht – und das ist auch für mich als Turnierdirektor nicht einfach. Andererseits spielen alle diese Menschen Schach und lieben das Spiel. Also gibt es doch viele Parallelen zu meinen Kindern, die ich trainiere. Sie stehen halt vor anderen Problemen, bei denen ich ihnen helfen will.
Also: Ein Turnier als Herzensangelegenheit?
Herz - und Seele. Viele Menschen mit Behinderung haben eine beschwerliche Anreise hierher auf sich genommen. Ihr Schicksal ist teilweise kein leichtes. Ich sehe jetzt, wie glücklich sie sind. Natürlich sind sie auch traurig, wenn sie verlieren – es kann im Schach nicht nur glückliche Spielerinnen und Spieler geben. Aber ich spüre sehr viele Gefühle hier. Und das ist auch gut für meine Seele.
„Die gestrige Nachmittagsrunde sowie die heutige Vormittagsrunde haben die Lage in vielen Turnieren deutlich geklärt“, sagt Turnierdirektor Jussupow. In der Internationalen Offenen Deutschen Frauenmeisterschaft führt souverän WGM Olga Babiy mit einem perfekten Ergebnis von vier Punkten aus vier Partien. Damit hat sie sich schon einen Vorsprung zur Verfolgergruppe erarbeitet. Diese wird angeführt von WGM Carmen Voicu-Jagodzinsky, WIM Elena Krasenkowa sowie WFM Helena Neumann und WFM Tetyana Kostak.
Beim 2. Viktor-Kortschnoi-Memorial hat etwas überraschend der Württemberger FM Dr. Georg Braun die Tabellenführung übernommen. Mit 2,5 Punkten aus drei Partien liegt er knapp vor einer starken Verfolgergruppe. Dort befinden sich mit jeweils zwei Punkten die jungen Titelanwärter IM Lukas Dotzer (Österreich) und FM Alfred Nemitz (Deutschland), gemeinsam mit dem erfahrenen IM Gabriel Gähwiler (Schweiz).
Auch bei der 2. Offenen Deutschen Behinderten-Einzelmeisterschaft (ODBEM) sind die Konturen in der Tabelle geschärft: Mario Born (SC Böblingen) führt mit einem perfekten Score - drei aus drei. Dahinter folgen IM Sergey Salov (Lübecker SV) und David-Andrei Valean (SK Bad Neustadt), die jeweils einen halben Punkt zurückliegen. (mw)
Die Ergebnisse aller Turniere sowie die Möglichkeit, Partien live zu verfolgen, findet man auf Chess-Results.
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 36751