24. August 2026
Irgendwann sagt Ana-Maria Valean zwei bemerkenswerte Sätze. Zum Ersten: „Egal, aus welchem Land sie kommen – sie werden sich gut verstehen, weil sie alle die Sprache des Schachspiels sprechen.“ Zum Zweiten: „Das Schachbrett kenne keine Grenzen – egal, welche Behinderung sie haben.“ Ana-Maria Valean aus Schweinfurt wird die Delegation des Deutschen Schachbundes bei der Olympiade der Spieler mit Behinderung in Usbekistan anführen. Offizieller Turniertitel: „3rd FIDE Chess Olympiad für People with Disabilities“. Das Turnier findet auch in Samarkand statt, es gibt eine mehrtägige Überschneidung zur 46. Olympiade. Ana-Marias Sohn David-Andrei Valean ist mit seinen 17 Jahren der Jüngste im Team. „Ich freue mich jetzt schon riesig“, sagt er, „es wird mir eine große Ehre sein, mit meinen Teamkollegen Deutschland bei diesem Turnier zu vertreten.“ Gemeinsam mit dem Internationalen Meister Sergej Salov, Günter Michalke, Artur Kevorkov und Manuela Mekus, die das obligatorische Team-Frauenbrett bei dieser Para-Olympiade besetzen wird. „Wir werden atmosphärisch ein gutes Team haben“, sagt Gert Schulz, der Inklusionsreferent des DSB. Ana-Maria Valean pflichtet ihm bei. Der Kontakt zwischen den Spielern sei bereits sehr eng: „Man spürt jetzt schon den Teamgeist.“
Doch kommen wir zuerst zur Geschichte von David-Andrei. Er leidet an eine Behinderung, die man nicht auf den ersten Blick sieht: Morbus Crohn, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung, bei ihm mit schwerem Verlauf. Diagnostiziert, als David drei Jahre alt war. In Rumänien hätten die Ärzte nicht helfen können, sagt seine Mutter, deshalb kam die Familie 2012 nach Deutschland – und blieb. Ana-Maria Valean beendete an der Uni Leipzig ihre Doktorarbeit in Chemie, sie arbeitet heute im Kunststoffbereich. Ihr Mann Adrian ist Ingenieur in der Automobilindustrie.
Mit sechs Jahren wurde David zum ersten Mal operiert. „Ich wollte unbedingt auch ein sportliches Hobby“, sagt er, trotz aller Einschränkungen. Fußball und Karate standen auf seiner Liste ganz oben. „Aber das sind Kontaktsportarten – und eine Verletzung im Bauchbereich wäre für mich fatal.“ So fand er mit sieben Jahren zum Schach – und auch schnell in einen Verein. Beim SK Schweinfurt machte er die ersten Schritte, für den SK Bad Neustadt sitzt er heute in der Regionalliga Nord-West am Brett. Und bei der TG Schweinfurt ist er sogar Teil eines dreiköpfigen Trainerteams. „Schach ist sein offenes Fenster zur Normalität“, sagt seine Mutter Ana-Maria. Schon wieder so ein kluger Satz. Und: „Beim Schach hat er die Möglichkeit gefunden, ein ganz normales Kind zu sein.“
Die unbegrenzten Möglichkeiten lebt er jetzt aus. Elo-Punkte will er sammeln. Derzeit sind es 2007. Irgendwann, sagt David, wolle er Titelträger sein. „Großmeister – das ist natürlich der Traum.“ Zuletzt hat der Gymnasiast auch bei der Deutschen Einzelmeisterschaft der Behinderten in Dresden mitgespielt. Am Ende landete er mit vier Punkten aus sieben Partien auf Rang acht. Sergej Salov, der zahlreiche Deutsche Meistertitel und sogar WM-Titel bei den Gehörlosen gesammelt hat, hat sich mit dem fast 70 Jahre jüngeren David angefreundet – seitdem sind sie im stetigen Austausch. „Ich kann mich immer melden, wenn ich was brauche oder wissen will“, sagt er.
Dieses Zusammenspiel der Generationen in einer Mannschaft ist genau nach dem Geschmack von Gert Schulz. „David hat rund 100 ELO-Punkte weniger als unsere ersten drei Bretter“, sagt der DSB-Referent Inklusion, „aber er ist jung und soll lernen.“ Erste Erfolge hat David, der auch ein regelmäßiger Teilnehmer bei der DSAM in der D-Gruppe ist und sich auch das Grenke-Open (in diesem Jahr im Freestyle) nicht entgehen ließ, bereits vorzuweisen: So holte er bei der „5th IPCA European Individual Chess Championship 2025“, der europäischen Meisterschaft der Körperbehinderten, unter 30 Teilnehmern mit 5,5 Punkten aus 9 Partien den 7. Platz in der Gesamtwertung - und wurde damit Vize-Junioreneuropameister. Den Vizetitel holte er sich zudem auch noch in der U20. Doch die Olympiade, das weiß er selbst, sei noch einmal „eine ganz andere Größenordnung“. 41 Teams aus der ganzen Welt sind gemeldet, mehr als 200 Spielerinnen und Spieler. Deutschland belegt Rang sechs der Startliste.
David bereitet sich bereits sehr intensiv vor, durchforstet die Datenbanken – eine Stunde Eröffnungen, eine Stunde Variantenberechnung täglich, das ist aktuell sein Trainingspensum. Er feile vor allem an der Eröffnung „Dubov-Drachen“, eine moderne, unkonventionelle Behandlung der sizilianischen Drachenvariante, die nach dem Großmeister Daniil Dubov benannt wurde. „Damit kann ich früh Druck aufbauen.“ Die Eröffnung habe ihm FM Vinzent Spitzl empfohlen, der das DSB-Para-Team als Trainer begleitet.
Seine Mutter Ana-Maria kann sich unterdessen als Delegationsleiterin auch nicht über mangelnde Beschäftigung beklagen. Sie hat die ganze Reise organisiert, alle Absprachen mit Gert Schulz und DSB-Sportdirektor Kevin Högy getroffen, viele Unterlagen ausgefüllt und zahlreiche Mails geschrieben. „Jeder hat eine andere Behinderung - also hat auch jeder Teilnehmer andere Anforderungen, auf die ich eingehen will“, sagt sie, „ich spüre die Vorfreude und Begeisterung bei allen, es sind alles offene und herzliche Menschen im Team Jetzt muss es auch für alle schön werden.“ Gerade erst musste sie die Flüge für drei Teammitglieder, die aus Hamburg anreisen, wieder umplanen – weil ein bereits gebuchter Flug gestrichen wurde. Und der angebotene Ersatzflug erst am 11. September in Usbekistan gewesen wäre. Da aber findet schon die erste Runde statt. Nun reisen sie alle am 10. September an. Die Valeans kommen aus Nürnberg, ihr Flieger landet um vier Uhr morgens. Da bleibt wenig Zeit zur Eingewöhnung. Am 19. September geht es schon zurück, die Schule ruft. Aber da sich die Olympiade und die Para-Olympiade um drei Tage überschneiden, wolle er auch mal im Nachbarhotel bei den Profis reinschauen. „Ich spüre das“, sagt David-Andrei, „auf uns wartet ein richtiges Highlight.“ (mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 37112