8. Juli 2026
Viele Menschen denken, Mathematik ist kompliziert, oder dröge. Wetten, dass Matthias Blübaum, studierter Mathematiker und Kandidatenturnier-Teilnehmer im Schach, das völlig anders sieht? Für Blübaum ergänzen sich Mathematik und Schach hervorragend, das hat er zumindest mal erklärt. Das strategische Planen und das Berechnen von Zugvarianten im Schach würden der Herangehensweise an mathematische Probleme ähneln. Georg Braun sieht das genauso. Weshalb er sehr bedauert, dass Matthias Blübaum nicht in der Meisterklasse der Deutschen Meisterschaften (vom 17. bis 25 Juli) startet. Auch Georg Braun, 32, ist Mathematiker – und hat es in die Meisterklasse geschafft. Rein rechnerisch war das eine echte Sensation, auch für ihn selbst, als Experte für Wahrscheinlichkeitsberechnung. Obwohl nur an Position neun gesetzt, wurde er im vergangenen Jahr Zweiter im Kandidatenturnier bei den Deutschen Meisterschaften in München. „Ein super Erlebnis, ein Riesenerfolg, mit dem ich niemals gerechnet habe. Schließlich waren da einige Leute dabei, die eigentlich viel besser spielen können.“ Doch er trat mit 2365 Elo an und performte auf einem 2526-Elo-Niveau. „Das war schon überraschend“, sagt er. Damit holte aus den neun Runden 6,5 Punkte und qualifizierte sich für die Meisterklasse.
Umrahmt von Nationalspielern, sieben Großmeistern und zwei Internationalen Meistern, geht er nun als einziger FIDE-Meister und krasser Außenseiter ins Turnier. „Ein bisschen nervös bin ich schon“, sagt er. Dabei hat er von so einer Chance immer geträumt. Und deshalb gilt für ihn nun die alte Sportler-Weisheit: Eigentlich habe ich keine Chance – und genau die muss ich nutzen. Oder, in seinem Fall: Zumindest die Wahrscheinlichkeit erhöhen.
Braun, der nach seiner Zeit an der Universität Tübingen (mit Master und Doktorarbeit) inzwischen bei der Allianz in Stuttgart (im Finanzressort) arbeitet, muss sich der Württemberger auf eines der schwersten Turniere in seiner Spielerkarriere vorbereiten. Er habe deshalb, so erzählt Georg Braun, schon vor Monaten begonnen, alle Datenbanken anzuzapfen, auf die er Zugriff hat. „Und ich werde noch einige Zeit investieren, um riesige Schachdaten auszuwerten“, sagt er mit einem Lächeln.
Das passt zu ihm. Alles, die ihn als Spieler in der Oberliga erlebt haben, wo er für den SK Bebenhausen an Brett eins sitzt, loben seine Zielstrebigkeit. Zwar habe er nie die Hoffnung gehegt, Schachprofi zu werden („Es war schon in der Jugend klar, dass es für die erweiterte Weltspitze nicht reichen wird“), aber er war stets sehr ehrgeizig. Jahrelang, sagt Braun, sei er den Normen für einen IM-Titel hinterher gehechelt, hat sich deshalb extra reigenweise normenfähige Turniere ausgesucht, viel Zeit und Kraft investiert. Mehrfach hat er dann die IM-Norm nur ganz knapp verpasst, fünf Mal allein in den vergangenen zwei Jahren. 2400 Elo – das war die magische Zahl, die ihn antrieb, aber auch umtrieb. „Ich habe viel Schach gespielt und gearbeitet“, sagt er: „Dieses große Ziel hat mir ein bisschen den Spaß geraubt in den letzten Jahren. Ich war häufiger frustriert.“ Nun sei „es sinnvoller, wenn ich das nicht mehr als Ziel nehme und weniger verbissen in die Turniere gehen.“ Auch in Dresden - bei aller Aufregung, die so ein Turnier mit sich bringt.
Ob er dort auch ein bisschen Vorbild sein will? „Wenn andere Leute sich dadurch inspiriert fühlen, dass man auch mit einer Körperbehinderung auf einem hohen Niveau spielen kann – dann gerne“, sagt er, aber in Wahrheit ist das Handicap kein großes Thema für ihn beim Schach. „Ich habe zwar die ein oder andere Einschränkung im Bereich der Gelenke“, sagt er, „aber das thematisiere ich nicht so sehr. Ich spiele Schach für mich selbst, weil ich dieses Spiel liebe.“
Georg Braun leidet an einer seltenen Gelenkerkrankung. Die sorgte zeitweise dafür, dass er auf einen Rollstuhl angewiesen war, auch einige künstliche Gelenke hat er bereits. Die Krankheit sorge für ein Auf und Ab, sagt er. Derzeit ist er sehr mobil, steuert viele Turniere an. In diesem Jahr war er schon in Bregenz, auch bis zu einem Turnier in Cannes in Südfrankreich führte ihn schon seine Leidenschaft. Für Bebenhausen spielt er in der Oberliga, an Brett eins. Außerdem arbeitet er nebenher auch als Schachtrainer, begleitete Jugendspieler aus Bebenhausen zu Turnieren. Und trainiert selbst auch täglich seine eigene Spielstärke, mindestens eine Stunde am Tag. Dieser Sport gebe ihm sehr viel, vor allem aber: „Mit seiner Vielfältigkeit sorgt er dafür, dass die ganze Bandbreite der Gesellschaft abgebildet wird, alle Altersklassen, alle sozialen Schichten – ich freue mich darüber, wie viele soziale Kontakte Schach mir bringt.“
In Dresden stößt er nun in ganz neue Sphären vor. Er, der im Job Felder wie Bilanzierungen, Gewinn- und Verlustrechnung, Risikomanagement behandelt – muss nun selbst sein eigenes Risiko einschätzen, Verlustängste kalkulieren. Ergebnis: Er kann nur gewinnen. „Ich bin der Underdog, aber ich bin nicht chancenlos.“ (mw)
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