5. Juni 2026
Drei Tage nach seiner Wahl saß er im Team-Meeting mit den Mitarbeitern in der Zentrale des Deutschen Schachbundes in Berlin. Und jetzt kam er wieder: zum Interview. Es wurde so intensiv und so lang, dass wir Euch in zwei Teilen präsentieren werden, was Paul Meyer-Dunker mit Matthias Wolf und Finn Engesser besprochen hat. Ganz klar, und bei ihm, der Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten ist (und nebenbei auch noch im E-Sport freiberuflich arbeitet) auch nicht anders zu erwarten: Der DSB soll deutlich meinungsstärker werden auf politischer und internationaler Bühne, "nicht mehr so hasenfüßig". Schneller soll der DSB werden, auch flacher in den Hierarchien, kein Regieren "von oben". Und damit auch enger und harmonischer im Umgang mit den Ehrenamtlichen, die mithin das größte Kapital des Verbandes seien. Klare Worte findet Paul Meyer-Dunker. Er will versöhnen, beruhigen, Brücken bauen - und vor allem: handeln. Viele Versprechen, die der erfahrene Funktionär, der lange und erfolgreich den Berliner Schachverband geführt hat - und nun natürlich auch einlösen muss. Einige zentrale Inhaltes des Intervierws findet Ihr hier aufgeschrieben - aber natürlich lohnt es sich auch, den ersten Teil des Interviews zu gucken, weil darin noch einige Themen mehr angesprochen werden. Teil zwei folgt in der kommenden Woche.
Über die Beweggründe, sich dieses schwierige Amt anzunehmen – und wie es mit der Familie vereinbar ist: „Grundsätzlich ist es eine große Freude, dieses Amt auszufüllen, zumindest in den ersten zweieinhalb Wochen bisher, und ein großes Privileg. Wenn man dem Schachsport sehr verbunden ist und daran arbeiten möchte, dass er gedeiht, dann ist das, glaube ich, die bestmögliche Position, die man in Deutschland haben kann. Natürlich war das eine Frage, die wir uns vor der Wahl gestellt haben: Wie schaffen wir das, wie machen wir das mit den Kindern, beruflich. Die Fragen haben wir für uns geklärt und gelöst. Ich hab jetzt auch direkt letzte Woche meinen Änderungsvertrag zum Arbeitsvertrag unterschrieben und mach jetzt einige Stunden weniger. Und in meiner Selbstständigkeit hab ich ja auch das den großen Vorteil, dass ich mir die Auftragslage ein Stück weit auch selber gestalten kann. Wenn ich nicht der Überzeugung wär, dass das alles vereinbar und möglich ist, wäre ich nicht angetreten.“
Über das sehr knappe Wahlergebnis – und wie er seine Kritiker ins Boot holen will: „Dass es dann so knapp ausgeht, konnte man jetzt nicht sicher vorhersehen. Aber ja, so ist Demokratie. Natürlich gibt es Leute, bei denen ich mir Vertrauen erstmal erarbeiten muss. Die Aufgabe ist klar vor mir, vor uns, vor dem gesamten Präsidium - und die nehmen wir an und werden alles dafür tun, dass das Vertrauen, wenn es hier und da vielleicht noch nicht in dem Maße da ist, wie man sich das wünscht, kommt. Ich hoffe einfach, dass alle so offen genug sind, sich auf die Dinge, die wir machen wollen einzulassen - und auch bereit dafür sind zu sehen, was wir erstmal als Präsidium leisten und nicht von vornherein sagen, das ist vielleicht nicht die Konstellation, die ich mir gewünscht habe. Und am Ende des Tages ziehen wir alle gemeinsam an einem Strang für eine Sache. Bisher nehme ich das total so wahr.“
Zur Übergabe durch Ingrid Lauterbach – und wie er seine Vorgängerin sieht: „Egal was war - was man niemanden in Abrede stellen sollte: Dass alle Leute immer das tun, was sie persönlich für das Beste für unseren Sport und unseren Verband gehalten haben. Ansonsten bin ich nicht so ein Fan davon, aus Zweiergesprächen zu zitieren. Ich freue mich, dass ich ein paar wichtige Hinweise von ihr bekommen habe. Ich gucke, dass ich dort, wo es noch relevant ist, ihr auch Informationen weitergebe. Sie hat ihre Pflichten getan. Ich versuche jetzt aber auch nicht, ihr übermäßig mit allen Sachen auf den Keks zu gehen. Auch weil ich glaube, da muss man auch ein bisschen Verständnis haben, dass das Bedürfnis an Austausch bei ihr jetzt nicht das allergrößte ist. Aber wenn es eine wichtige Frage gab, hat sie die beantwortet - und das ist erstmal sehr gut und dafür bin ich auch dankbar.“
Über Gräben im DSB, die er zuschütten will: „Was jedenfalls kein guter Zustand ist, auf Dauer: Dass wir ständig knappe Wahlergebnisse, knappe Wahlausgänge und sehr grundsätzlich unterschiedliche Sichtweisen haben, die sich fast schon an zwei sehr festen Lagern hangeln. Aber natürlich, wenn man in wesentlichen Fragen Uneinigkeit produziert und auch ein Stück weit nicht aufeinander zugeht und Gemeinsamkeiten sucht, dann kann sowas halt das Ergebnis sein. Deswegen sehe ich es als meine Aufgabe, daran mitzuwirken, dass wir in Zukunft keine Rechtsstreitigkeiten mehr führen, dass wir in Zukunft nicht versuchen, wesentliche Teile der Mitgliedschaft gegen uns aufzubringen. Und ich glaube, hier und da müssen wir auch ein bisschen bereiter sein, auf Leute zuzugehen, Kompromisse einzugehen. Nur weil man der Meinung ist, auch selber Recht zu haben - das immer mit aller Gewalt durchzusetzen bringt auf Dauer einfach nichts. Man muss gucken, wie man einen Weg findet, der möglichst viele mitnimmt. Und das ist halt eben ein wichtiger Teil des Jobs und das ist das, was ich jetzt machen möchte, wofür ich auch schon viele Gespräche geführt habe.“
Über das neue Präsidium: „Wir haben ein zügiges Tempo, Entscheidungen werden nicht verschleppt. Die Kommunikation ist ständig intensiv und so wie ich mir das wünsche - und ehrlich gesagt, fast schon überraschend vertrauensvoll. Also ich war mir ehrlicherweise nicht ganz sicher, wie das laufen wird, aber bisher bin ich sehr zufrieden. Jürgen Klüners und ich, da muss man jetzt auch niemanden was vormachen, hatten in der Vergangenheit jetzt eher auf zwei sehr unterschiedlichen Seiten viele Auseinandersetzungen. Und jetzt ziehen wir an einem Strang und das tun wir bisher sehr gut. Ich bin sehr happy darüber, wie das gelaufen ist. Also ich habe viele wichtige Informationen von Jürgen bekommen, viele wichtige Hinweise, die extrem hilfreich waren und ja, ich freu mich da ehrlich gesagt sehr drüber. Es macht sehr viel Spaß bisher.
Über den neuen FIDE-Delegierten des DSB, Wadim Rosenstein: „Zunächst ist es einfach so, dass ich persönlich mit Wadim Rosenstein bisher eine vertrauensvolle Zusammenarbeit bei einzelnen Projekten hatte. Es ist kein Geheimnis, dass der Berliner Schachverband im Jahr 2023 und 2025 von WR Chess auch gesponsert wurde und da unterstützt wurde bei zwei Projekten. Und ich habe das immer als sehr zuverlässig und vertrauensvoll erlebt. Die Projekte, die er in Deutschland gemacht hat, hatten immer eine hohe Qualität und waren hervorragend. Weltweit ist es so, dass es, glaube ich, keinen Deutschen gibt, der so viele internationale Schachprojekte anleitet, umsetzt, auf allen Kontinenten unterwegs ist. Und ich habe ehrlich gesagt nie verstanden, warum man so ein Potential und so einen Mann im Deutschen Schachbund so links liegen gelassen hat. Ingrid Lauterbach hat ja eine große Antipathie und Feindschaft gepflegt. Ich hab das immer nie nachvollziehen können und dementsprechend natürlich den Kontakt gehalten und jetzt, nachdem ich gewählt wurde, auch den Kontakt mit ihm direkt nochmal gesucht. Aus vielerlei Gründen hat er ein Interesse daran, den Deutschen Schachbund bei der FIDE zu vertreten. Da wird einiges in den nächsten Wochen auch noch klarer werden. Und wir haben ein großes Interesse daran, dass Deutschland mit jemandem zusammenarbeitet, auch international, der tatsächlich international gut vernetzt ist. Ich glaube, da ist der Deutsche Schachbund international bisher eher hasenfüßig an vielen Stellen gewesen. Und ich glaube, wenn man dafür sorgen will, dass es in der internationalen Schachpolitik besser läuft als bisher, dass das Weltschach nicht von Vertretern des russischen Regierungsapparates vom Kreml dominiert oder auch geführt wird, dann muss was passieren.“
Über seinen Führungsstil: „In so einer großen Organisation wie im Deutschen Schachbund funktioniert es auf jeden Fall nicht, dass der Präsident Vorstellungen hat und den Leuten erzählt, wie es zu laufen hat. So, weil dafür sind wir viel zu sehr auf die ehrenamtliche Mitarbeit von diversen Leuten angewiesen. Dafür bin ich auch viel zu sehr auf mein Team im Präsidium angewiesen und ehrlicherweise sind demokratische Vereins- und Verbandsstrukturen ja auch noch mal ein bisschen anders als jetzt die Strukturen bei einem Unternehmen - das kann mann ein bisschen anders, von oben, führen. Also einerseits will ich das auch gar nicht und andererseits passt es auch nicht zu so einem Verein beziehungsweise Verband wie im Deutschen Schachbund, wenn man versucht, ich sag mal: durchzuregieren. Was mir einfach sehr wichtig ist, ist dass wir im Präsidium zum Beispiel unsere Entscheidungen gemeinsam treffen. Und wenn ich meinem Bundesturnierdirektor oder meiner Frauenreferentin ständig erzähle, wie deren Turniere zu laufen haben, mich da in jedes Detail einmische oder denen ganz genau meine Vorstellungen erzähle, während sie die ganze Zeit die organisatorische Arbeit machen sollen – also da muss ich mich nicht wundern, wenn sie am Ende mit dem Faust in der Tasche ihren Job machen, die Motivation sinkt und das irgendwie für das große Ganze nicht gut funktioniert.“
Wie er sein Versprechen umsetzen will, Vertrauen zurückgewinnen: „Zum einen einfach dadurch, dass die Leute sehen: Ja, da werden sinnvolle Entscheidungen getroffen und da kann man auch drauf vertrauen, dass die Dinge gut laufen. Dass die Leute auch merken, dass sie nicht übergangen werden. und dass sie eingebunden werden, dass sie auch wieder nach ihrer Meinung gefragt werden. Ganz viel muss ich da teilweise auch gerade ein bisschen aus Leuten rausziehen, weil die Leute es gar nicht mehr so gewohnt sind, dass jetzt nicht von oben gesagt wird: So soll es laufen, sondern das eine Einbindung stattfindet. Wenn man das macht und das zu guten Ergebnissen führt, dann kann darüber auch langsam Vertrauen entstehen."
Meyer-Dunker wurde am 26. April 1992 in Berlin geboren. Er wuchs in Hamburg auf und wurde im Alter von 8 Jahren Mitglied im SK Johanneum Eppendorf. Dort spielte er bis 2013. Nach seinem Umzug nach Berlin wurde er Mitglied beim SC Friesen Lichtenberg, seit 2019 ist er aktiver Spieler bei TSG Oberschöneweide. In seinem ersten Verein Eppendorf ist er seit 2021 wieder Mitglied.
Seine Karrierelaufbahn als Schachfunktionär erreichte mit der Wahl zum DSB-Präsidenten am 16. Mai 2026 in Frankfurt am Main ihren vorläufigen Höhepunkt. Dabei hatte er noch Monate zuvor verkündet kürzertreten und sich dem Beruf widmen zu wollen. Deshalb kandidierte er am 27. April 2026 auch nicht mehr als Präsident des Berliner Schachverbandes, ein Amt das er fünf Jahre inne hatte.
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 37044