28. Juli 2026
Seit Samstag, dem 25. Juli 2026, um 9.10 Uhr liefert die DWZ-Abfrage auf schachbund.de ihre Daten aus dem neuen Wertungsportal. Damit ist der letzte Baustein des 2023 beschlossenen Softwareprojekts an seinem Platz – und zugleich der sichtbarste: Beim Blick auf die eigene Spielerkarte fällt sofort auf, dass die Deutsche Wertungszahl (DWZ) deutlich höher ausfällt als bisher.
Die Umschaltung war der letzte Schritt eines langen Weges. Das Wertungsportal selbst war bereits einige Tage zuvor in den Echtbetrieb gegangen; seit dem 25. Juli speist es nun auch die öffentlichen Abfragen auf der Homepage des Deutschen Schachbundes. Projektleiter André Martin fasst es so zusammen: „Wir haben somit den Echtstart vollzogen und sind in allen Portalen live."
Technisch funktioniert die neue Abfrage anders als die alte. Sie greift nicht mehr auf eine Datenbank in Württemberg zu, sondern auf die Schnittstelle des Wertungsportals. Die Antworten werden auf dem Server des Deutschen Schachbundes zwischengespeichert – das entlastet die Schnittstelle und beschleunigt wiederholte Aufrufe spürbar. Für einige Abfragen gibt es zusätzlich einen Fallback auf die auf dem DSB-Server vorgehaltenen Daten, falls die Schnittstelle einmal nicht erreichbar sein sollte. Wer die Abfrage nutzt, soll also auch dann etwas zu sehen bekommen, wenn es an einer Stelle klemmt.
Ehrlichkeit gehört dazu: Es sind noch nicht alle Funktionen der alten Abfrage wiederhergestellt. Das ist kein Endzustand, sondern eine Momentaufnahme – die fehlenden Funktionen sollen nach und nach nachgeliefert werden.
Konkret in Arbeit sind derzeit:
Beide Abrufe liefern im Moment noch Daten aus DeWIS. Wer sie auf seiner Vereinsseite eingebunden hat, sieht dort also vorerst weiterhin die alten Werte. Auch die Darstellung der Wertungszahlen auf der Homepage wird in den nächsten Tagen noch nachgeschärft, damit sich zum Beispiel Turniere leichter finden lassen.
Für alles rund um die Wertungszahlen gibt es jetzt eine eigene Anlaufstelle: Unter rating-forum.html ist ein Forum für den Bereich der Wertungszahlen eingerichtet worden. Dort können Fehler gemeldet, Wünsche geäußert und Fragen gestellt werden – zu den Online-Abfragen für Spieler, Vereine, Turniere und Verbände ebenso wie zu Downloads und zu den Elo-Zahlen der FIDE. Lesen kann jeder, für eigene Beiträge ist eine Registrierung nötig.
Probleme, die die Werte selbst oder ihre Darstellung betreffen, nimmt daneben weiterhin das Projektteam unter wp@schachbund.com entgegen.
Die auffälligste Änderung ist die einmalige Anhebung der Wertungszahlen. Sie ist kein technischer Nebeneffekt der Umstellung, sondern in der neuen Wertungsordnung ausdrücklich so vorgesehen (Anhang 4).
Der Hintergrund: Die FIDE hat ihre Elo-Zahlen zum 1. März 2024 im unteren und mittleren Bereich angehoben. Dadurch klafften Elo und DWZ auseinander – Spielerinnen und Spieler, die beide Zahlen besitzen, konnten die Differenz Monat für Monat mitverfolgen. Hinzu kam die seit Jahren beobachtete Deflation im unteren DWZ-Bereich, die dazu führte, dass die Gewinnerwartung aus einer DWZ-Differenz immer weniger mit der Wirklichkeit am Brett zu tun hatte.
Umgerechnet wird nach zwei einfachen Formeln:
| Bisherige DWZ | Neue DWZ |
|---|---|
| unter 1000 | DWZ neu = DWZ alt + 400 |
| 1000 bis 2110 | DWZ neu = 0,64 × DWZ alt + 760 |
| über 2110 | keine Anpassung |
Dazu kommen zwei Regeln, die für Klarheit sorgen: Die neue DWZ wird nur angewendet, wenn sie höher ist als die alte – niemand verliert durch die Umstellung Punkte. Und es gibt eine neue Mindest-DWZ von 1100.
Konkret heißt das: Aus einer DWZ von 1200 werden 1528, aus 1600 werden 1784, aus 2000 werden 2040. Im Spitzenbereich ändert sich nichts – ab 2110 bleibt alles, wie es war. Die Anhebung wirkt also dort am stärksten, wo die Deflation am stärksten war, und läuft nach oben hin sanft aus.
Wichtig zum Einordnen: Die Spielstärke ändert sich durch die Umstellung nicht. Es handelt sich um eine Skalenkorrektur, die alle in vergleichbarer Weise betrifft. Wer sich über 300 Punkte mehr freut, sollte im Hinterkopf behalten, dass es den Gegnern genauso geht.
Mit dem Wertungsportal ist zugleich die neue Wertungsordnung in Kraft getreten, deren wichtigste Neuerungen Berthold Plischke von der DWZ-Systemkontrolle im Auftrag der Wertungskommission zusammengefasst hat. Die zentralen Punkte:
Bewährtes wie die Jugendbeschleunigung und die Abbremsungsregelung bleibt – in modifizierter Form – erhalten.
Ein Blick zurück zeigt, wie lange die Wertungszahlen in Deutschland schon von Software abhängen – und wie selten sie gewechselt wurde.
Vor der Deutschen Wertungszahl stand die Ingo-Zahl, allerdings nur in der BRD: In der DDR gab es die Nationale Wertungszahl (NWZ), die auf dem Elo-System der FIDE basierte.
Erfunden hat die Ingo-Zahl Anton Hößlinger (1895–1959) im Mai 1947; ein Jahr später veröffentlichte er sein System, das er nach seiner Heimatstadt Ingolstadt benannte. Ab 1947 wurde es in Westdeutschland angewendet, bis es 1991/92 von der DWZ abgelöst wurde – rund 45 Jahre lang war die Ingo-Zahl also die deutsche Wertungszahl.
Ihre Besonderheit: Die Skala lief andersherum. Ein Spieler mit einer niedrigen Ingo-Zahl war stärker als einer mit einer hohen; die meisten Vereinsspieler bewegten sich zwischen 100 und 190. Umgerechnet wurde nach der Faustformel Elo = 2840 − 8 × Ingo. Veröffentlicht wurden die Werte im Ingo-Spiegel, der von 1957 bis 1964, in den Jahren 1966 und 1967 sowie von 1975 bis 1991 erschien.
Es gab für die Ingo-Zahl sogar eine Software. IngoBase wurde von Wolfgang Zahn programmiert und war der Vorläufer von EloBase.
Mit der Einführung der Deutschen Wertungszahl im Jahr 1992 kam EloBase zum Einsatz, ein DOS-Programm des Münchner Informatikers Wolfgang Zahn. Mehr als zwei Jahrzehnte lang wurde damit die DWZ berechnet – und zwar lokal: EloBase war ein Programm, das jeder Wertungsreferent auf seinem eigenen Rechner installiert hatte. Die Auswertungen entstanden dezentral, die Ergebnisse wurden anschließend eingesammelt und zusammengeführt.
Genau das wurde mit den Jahren zum Problem. EloBase läuft ausschließlich unter DOS. Als DOS von den Windows-Versionen nicht mehr direkt unterstützt wurde, ließ sich das Programm nur noch über eine eigens eingerichtete DOSBox betreiben – eine Emulationsumgebung, die DOS auf einem modernen System nachbildet. Wer als Wertungsreferent auswerten wollte, musste sich also zunächst eine Softwareumgebung aus einer vergangenen Computerepoche einrichten. Am Ende war EloBase ein Anachronismus: eine Software, die noch immer so aussah wie zu einer Zeit, als Windows ein Nischendasein fristete.
Aus dieser Zeit stammt auch ein Detail, das bis heute für Rückfragen sorgt: Bis 2004 galt die DWZ nur fünf Jahre lang, ältere Daten wurden gelöscht, um Speicherplatz zu sparen – in den Zeiten von Modem und Diskette ein ernstzunehmendes Argument. Nach der Zentralisierung 2003 mussten Bestände mühsam aus alten Systemen rekonstruiert werden; Sachsens Wertungsexperte Werner Schreyer half später, die Datenbank zu vervollständigen.
DeWIS löste am 1. August 2013 EloBase ab. Das Deutsche Wertungs- und Informationssystem wurde vom Stuttgarter Programmierer Holger Schröck entwickelt; eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Andreas Filmann, dem damaligen Vorsitzenden der Wertungskommission, hatte das Lastenheft erstellt und die Arbeiten koordiniert.
Mit DeWIS erfolgte der eigentliche Sprung: vom lokal installierten Programm zur Internetsoftware. DeWIS war eine reine Onlinelösung – nichts musste mehr auf einem eigenen Rechner installiert, gepflegt oder in einer Emulation am Laufen gehalten werden, gearbeitet wurde im Browser. Es beherrschte die Erfassung und Bearbeitung von Turnieren, die fortlaufende Auswertung und die Bereitstellung der Daten auf der Website des Deutschen Schachbundes gleichermaßen. Ausgewertete Turniere waren binnen 24 Stunden in der Datenbank. Damit endete auch das Einsammeln und Zusammenführen dezentraler Auswertungsstände: Alle arbeiteten von nun an auf demselben Datenbestand.
Der Start verlief nicht reibungslos. Nach der Umschaltung der Online-Datenbank häuften sich Fehlermeldungen: verschwundene Wertungszahlen, plötzlich stark abweichende Werte, fehlende Turniere. Am 12. August 2013 musste DeWIS nach einem Reset neu starten, weil die aus der EloBase-Datenbank übernommenen Turnierdaten fehlerhaft waren; die korrigierten Daten wurden anschließend erneut eingespielt. Die Erkenntnis von damals gilt auch heute: Kein neues und sich weiterentwickelndes System ist von Anfang an vollständig fehlerfrei.
Anschließend lief DeWIS fast 13 Jahre lang – nicht ohne Zwischenfälle. Im Mai/Juni 2022 legte ein Cyberangriff auf den Server des Schachverbands Württemberg, auf dem DeWIS und die Mitgliederverwaltung MiVIS gehostet waren, beide Systeme für Wochen lahm. Die Datenbanken selbst waren nicht das Ziel des Angriffs, ein Datenabfluss wurde nicht festgestellt, aber der Server musste vollständig neu aufgesetzt werden. Spätestens damals war klar, dass es einen Nachfolger brauchte.
Der erste Anlauf scheiterte: Im März 2023 erklärte das Präsidium, dass der bereits vorbereitete Vertrag mit der Firma Nu nicht unterzeichnet werde. Angesichts von Anträgen zum Bundeskongress, die juristische Maßnahmen gegen und eine Haftung der ehrenamtlichen Verbandsführung thematisierten, wollten die drei BGB-Vertreter das finanzielle Risiko einer sechsstelligen Zahlungsverpflichtung nicht eingehen. Die Verhandlungen wurden an das im Mai 2023 neu gewählte Präsidium weitergereicht.
Der Kongress 2023 beschloss dann die Einführung neuer Software für Mitgliederverwaltung und Wertungszahlen; den Auftrag erhielt die Firma Nu Datenautomaten aus Bregenz. Umgesetzt wurde in zwei Schritten: Am 6. Februar 2024 löste das Mitgliederportal die Mitgliederverwaltung MiVIS ab. Die Arbeiten am Wertungsportal begannen am 9. Juli 2025 und liefen in zwölf dreiwöchigen Sprints. Nach einer Übergangsphase im Sommer 2026 – Turniere bis zum 7. Juni wurden noch in DeWIS ausgewertet, sofern sie bis zum 1. Juli eingereicht waren – ging das Wertungsportal am 22. Juli 2026 in den Echtbetrieb, gefolgt von der öffentlichen DWZ-Abfrage am 25. Juli.
Zwei Dinge sind dabei neu und für den Alltag wichtig: Turnierauswertungen werden im FIDE-Format (TRF) eingereicht, nicht mehr im Swiss-Chess-Format. Und die Anbieter von Turniersoftware erhalten erstmals direkten Zugriff auf die Schnittstelle, statt sich Downloads in verschiedenen Formaten besorgen zu müssen.
DeWIS und MiVIS laufen als Fallback-Lösung noch bis Ende 2026. Mit der Abschaltung der Systeme in Württemberg zum 31. Dezember 2026 endet auch die Beauftragung von André Martin für DeWIS und MiVIS.
Die Verantwortung wechselt schon früher: Am 14. August 2026 übergeben Projektteam und Wertungskommission in einer gemeinsamen Sitzung die Zuständigkeit für das Wertungsportal. Bis dahin werden auftretende Probleme noch über die Projektstruktur gelöst. Ab dem 15. August 2026 ist die Wertungskommission zuständig – für Support, Dokumentation, Weiterentwicklung, den Test neuer Releases, die Ein- und Ausphasung von DWZ-Referenten, die Schnittstellen und die Betreuung der Umsysteme.
Die Umsysteme – also die Programme der Turnier- und Ligaverwaltungen wie Swiss-Chess, Swiss Manager, ChessManager, Bundesligamanager oder CLM – haben überwiegend bereits auf die neuen Wertungszahlen umgestellt oder sind gerade dabei. Umstellung bedeutet hier, dass sie das neue Format der Spielerdaten des DSB lesen, verarbeiten und darstellen können und es den Turnierveranstaltern ermöglichen, die DWZ-Auswertungen im neuen Format an die Wertungsreferenten zu senden. Eine aktuelle Übersicht steht auf der Seite zum Wertungsportal bereit.
Offen sind vor allem Datenschutzfragen. Dabei geht es um Löschfristen bei Turnieren und Personen – wann werden Personen gelöscht, anonymisiert oder nur noch textuell dargestellt? – und um die grundsätzliche Frage, ob die DWZ ein schützenswertes Gut ist beziehungsweise öffentlich zugänglich sein darf. Diese Punkte werden demnächst mit dem Berliner Datenschutzbeauftragten besprochen; die Verantwortung für die Klärung haben der Präsident und der Datenschutzbeauftragte des DSB übernommen.
Ebenfalls offen ist der Umgang mit Titeln (Dr., Prof. …). Sie werden im Mitgliederportal erfasst, bei den Wertungszahlen auf der Homepage aber weder dargestellt noch an die Umsysteme weitergegeben. Eine Klärung erfolgt zeitnah unter Koordination von Jürgen Klüners.
Projektleiter André Martin dankt allen Beteiligten:
// Archiv: DSB-Nachrichten - Wertungskommission // ID 11780