15. Dezember 2025
Es war eine wirre, teilweise verstörende Generalversammlung des Weltverbandes FIDE, berichtet DSB-Präsidentin Ingrid Lauterbach. Mit einem Ergebnis, das aufgrund des russischen Einflusses im Schach nicht überraschend kam: Die FIDE hat die Wiederzulassung russischer Teams beschlossen. Bei der online – und in geheimer Abstimmung (sonst nur für Wahlen üblich und nicht zulässig) - durchgeführten Vollversammlung stimmten 61 Verbände für den Antrag des russischen Schachverbands. Die 51 Gegenstimmen kamen überwiegend von europäischen Verbänden. Fakt ist: Bei Jugendturnieren sind die nationalen Symbole Russlands damit ab sofort wieder zugelassen. Ob auch bei Wettbewerben Erwachsener die russische Fahne gezeigt und die russische Hymne gespielt wird, soll in Abstimmung mit dem Internationalen Olympischen Komitee IOC geklärt werden. Fraglich, ob das IOC sich damit überhaupt befassen werde, so Lauterbach.
Laut DSB-Präsidentin war schon vorher bekannt, dass die russische Föderation einen Antrag auf vollständige Aussetzung der Sanktionen stellen würde. In der Nacht zu Sonntag verteilte die FIDE in Vorbereitung dann eine „unabhängige Stellungnahme“ eines Schweizer Anwaltes, der die russische Auffassung unterstützte. Wenig überraschend, so Lauterbach, habe dieser „unabhängige“ Anwalt das russische Olympische Komitee in der Vergangenheit mehrfach vertreten – auch im Kampf gegen das IOC. Er hatte dabei die Ansicht kundgetan, der Ausschluss aller russischen Sportlerinnen und Sportler von den Team-Wettbewerben sei diskriminierend. Tatsächlich ging dieser erste Antrag mit 54 Prozent der Stimmen durch. Dazu passte dann allerdings nicht, dass danach 60 Prozent der Delegierten auf einen Antrag des FIDE-Councils hin dafür votierten, vor der Rückkehr an die Bretter mit dem IOC darüber zu sprechen, ob auch die russische Flagge und Hymne wieder erlaubt sein sollen.
Die Versammlung an sich sei chaotisch verlaufen, so Lauterbach. Mehrmals sei darauf hingewiesen worden, dass offen abzustimmen sei - dem wurde nicht Folge geleistet, stattdessen wurde zu dem russischen Punkt eine geheime Wahl beantragt (was nicht zulässig ist) und dann geheim gewählt. Über einen Antrag von Malcolm Pein aus der englischen Föderation (den auch der DSB unterschrieben hatte), auch weiterhin den IOC-Richtlinien zu folgen, wurde gar nicht abgestimmt. Das IOC verweigert grundsätzlich Russland und Belarus wegen des anhaltenden Angriffskrieges gegen die Ukraine weiterhin die Rückkehr als Sportnationen auf die große Bühne. Allerdings ist eine Olympia-Teilnahme an den Winterspielen in Mailand und Cortina d'Ampezzo (6. bis 22. Februar 2026) wie schon bei den Sommerspielen in Paris 2024 für Einzelathleten unter neutraler Flagge möglich.
Mehrfach, so Lauterbach, seien bei der Versammlung Redner schlicht nicht zugelassen worden. „Der Russlandrutsch der FIDE wurde hier ganz deutlich und wird zur Gefahr für die Integrität und das Ansehen des Schachs“, sagt sie. Mehrere Verbände prüfen nun eine Klage vor dem Sportschiedsgericht CAS, aber die damit verbundenen Kosten seien hoch. Der norwegische Verband, neben dem DSB, England, Irland, den Niederlanden und den USA ein großer Kritiker der FIDE-Initiative, wird sogar eine Dringlichkeitssitzung zu dem Thema abhalten. Man spricht von "mutmaßlichen Falschinformationen" durch den Verband. Diesen Eindruck, so Lauterbach, habe auch sie gewonnen.
Arkady Dvorkovich, russischer FIDE-Präsident seit 2018, wird von Lauterbach für seine Sammlungsleitung scharf kritisiert: „Dvorkovich sagte am Anfang, er sei neutral, aber dann hat er ausführlich nur die Position Russlands vertreten.“ Der Trend ist jedenfalls klar erkennbar: In den vergangenen Monaten gewannen russische Teams, die unter der FIDE-Fahne antraten, die U-16-Olympiade in Kolumbien, die Schacholympiade der Behinderten in Kasachstan und die Mannschaftsweltmeisterschaft der Frauen in Spanien. Jeder Erfolg wurde in den russischen Medien sehr gefeiert – und nicht mehr differenziert, dass die Teams unter FIDE-Flagge antraten. Nun scheint der Weg frei für Russlands Teilnahme an der Schach-Olympiade im September 2026 in Samarkand, Usbekistan. (mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 36878