1. September 2026
„Waaaas?“ Die Verblüffung kroch förmlich durchs Telefon, als der Deutsche Schachbund sich bei Jerome Lorenz meldet. So recht will er die Botschaft auch nach dem längeren Gespräch noch nicht glauben, denn einige Stunden später meldet sich der Spielleiter und Jugendwart des Schachvereins Dinslaken 1923, Thomas Rosenberg. Sein neues Mitglied zweifle ein wenig an der Seriosität des Anrufs und der Nachricht. Er werde doch wohl nicht gerade veräppelt? Nein, denn der 18-jährige Jerome Lorenz ist kein gewöhnliches Vereinsmitglied. Mit seiner Anmeldung am 23. August um 23.32 Uhr durch Thomas Rosenberg wurde er zum 100.000 Mitglied des Deutschen Schachbundes. „Das“, sagt Präsident Paul Meyer-Dunker, „ist ein schöner symbolischer Moment für den DSB. Die Bestätigung dessen, was wir seit Jahren sehen: Schach boomt, wir sind als Verband auf dem richtigen Weg.“
Jerome Lorenz, der die Grundlagen des Schachspiels im Alter von neun Jahren von seinem Vater Dirk lernte, steht dafür durchaus sinnbildlich. Er ist gerade 18 Jahre alt geworden, hat bisher vor allem online gespielt – oder in der langen Unterrichtspause vor der Volleyball-AG am Nachmittag an der Realschule im hessischen Büdingen gegen einen Kumpel, am Reise-Schachbrett. Schon da spürte er: Auge in Auge mit dem Gegner ist es doch am schönsten. Mit 16 Jahren zog er nach Dinslaken, mit seinen beiden Katzen in eine eigene Wohnung. Er absolvierte bis vor kurzem eine Ausbildung zum Kinderpfleger - und fasste sich vor drei Wochen ein Herz in Sachen Schach. Mit etwas zittrigen Knieen sei er „supernervös“ zum Spielabend des SV Dinslaken gegangen, dessen Internetauftritt ihn angesprochen habe. „Ich wusste ja nicht, was mich dort erwartet“, sagt Jerome Lorenz, „aber die Bedenken waren unbegründet: Da waren viele nette Leute. Ich habe gleich viel über Taktik erfahren und ein Training mitmachen können.“
Thomas Rosenberg sagt, man habe den Neuen sofort integriert – und gleich festgestellt: Von wegen „niedriges Niveau“, das Jerome Lorenz für sich selbst in Anspruch nimmt, „er hat das gleich super gemacht und auch schon einen ersten Sieg gelandet.“ Rasch stand für beide Seiten fest: Das passt. Und da Thomas Rosenberg nach der zügigen Spielberechtigung für Jerome trachtete, wurde er schon nach zwei Spielabenden angemeldet. Antreten darf er jetzt für das 4er-Jugendteam in der Bezirksliga und die vierte Mannschaft des Vereins in der Bezirksklasse. Das Vereinstrikot für ihn ist auch schon bestellt. Dinslakener Willkommenskultur.
Rosenberg sagt übrigens, Jerome Lorenz sei nicht der erste Online-Spieler, den irgendwann die Lust auf OTB-Schach erfasse. Aus der Online-Ecke habe der 50-Mitglieder-Verein zuletzt einige jüngere Zugänge zu verzeichnen gehabt. „Irgendwann sehnen sich halt doch viele nach ein bisschen Geselligkeit“, sagt er. Und auch nach den großen Schach-Events, live und in Farbe.
Jerome Lorenz hat noch nie ein Turnier mitgespielt. Auch darauf, sagt er, freue er sich. „Das wird bestimmt spannend.“ Der DSB sorgt dafür, dass es gleich eine sehr große Bühne wird. „Er bekommt von uns einen freien Startplatz für die DSAM in Bonn“, sagt Paul Meyer-Dunker. Wie passend: Im Dezember werden mehrere Spieler des SV Dinslaken in Bonn dabei sein, sagt Thomas Rosenberg: „Schön, dass Jerome jetzt auch mitkommt.“
Übrigens: Nur 20 Minuten nach der Anmeldung von Jerome Lorenz übertrat schon das nächste Mitglied die Online-Pforte zum DSB. Und mit Stichpunkt 31. August hat der Schachbund nun bereits 100.088 Mitglieder. Paul Meyer-Dunker formuliert es so, mit einem Schmunzeln: „Die 100.000er-Grenze ist nur ein Zwischenschritt, ein schöner Etappenerfolg. Wohin das noch führt, werden wir sehen.“ (mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 37129