19. März 2026
Gerade ist er wieder auf Gran Canaria. Hier hat Matthias Kribben, 65, einen Zweitwohnsitz. Überhaupt ist er viel unterwegs. Als Geschäftsmann, aber auch bei Pokerturnieren - und in Sachen Schach. Im zweiteiligen Interview mit dem DSB spricht der mehrfache Fernschach-Weltmeister über seine beiden Hobbies. Wir beginnen im ersten Teil mit seiner engen Verbindung zu Dresden. In der sächsischen Landeshauptstadt hat er 2008 maßgeblich die Olympiade organisiert - und hier erhofft er sich auch einen Schub fürs deutsche Schach beim Schachgipfel vom 16. bis 26. Juli 2026. Er zeigt sich im Gespräch mit dem DSB-Team Öffentlichkeitsarbeit überzeugt: "Das wird ein herausragendes Event." Eines, das bei gutem Gelingen nicht nur einen hohen Werbewert fürs deutsche Schach bringen könnte - sondern in in gewisser Weise sogar versöhnlich wirken könnte. Die wichtigsten Aussagen findet ihr auch im Video-Interview.
Matthias, was geht dir durch den Kopf, wenn Du diese Schlagworte hörst: Schach-Großereignis in Dresden.
Na ja, das Größte, was Dresden in unserem Sport hatte, war 2008 die Schacholympiade. Und jetzt, nach vielen Jahren, kommt nun der Schachgipfel in diese wunderbare Stadt. Ein Gipfel, bei dem einfach mal alles zusammenkommt, was Schach in Deutschland zu bieten hat. Die Kombination aus Schach, Sport, Kultur, Wissenschaft, diese Mischung aus allem, kommt in Dresden zusammen beim Schachgipfel - und das wird, denke ich, ein ganz herausragendes Event.
Blicken wir zurück: Ab 2007 warst du Vizepräsident des Deutschen Schachbundes, gemeinsam im Präsidium mit Deinem Fernschachkollegen Robert von Weizsäcker. Er war als Präsident der, der repräsentiert hat, sehr viel an Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Du warst der Motor des Ganzen, sagen viele. Beschreib mal die Aufgabenverteilung, die ihr hattet.
Naja, man muss das so sehen: Schacholympiade in Deutschland ist ja was ganz Besonderes, was ganz Seltenes. Die letzte in Deutschland zuvor war 1970, zu einer Zeit, in der ich selbst noch gar nicht Schach gespielt habe. Das war eine Riesenherausforderung. Und es ging ja darum, erstmal überhaupt Geld einzusammeln, um die Sache stemmen zu können. Und es gab eine Menge Vorbehalte von Landesverbänden. Die Landesverbände hatten eigentlich alle Angst vor der Schacholympiade. Weil sie der Meinung waren, das wird ein finanzielles Desaster. Nach dem Motto: Die Landesverbände müssen dann bezahlen und werden dadurch ruiniert. Wir hatten erschreckenderweise keinen großen Rückhalt bei den Landesverbänden. Es war ein großer Kraftakt, das hinzubekommen, auf allen Ebenen und die internen Querelen haben viele Ressourcen verbraucht.
Das klingt anstrengend…
Ja, ich war sehr oft in Dresden. Eigentlich jede Woche war ich einen Tag in Dresden, und das über ein Jahr lang. Und Robert von Weizsäcker war zu wichtigen Terminen und Meetings natürlich auch da und hat durch seine Ausstrahlung, durch sein Wesen, seine Kontakte, unheimlich viel bewegt in der damaligen Zeit. Auch Horst Metzing und der damals noch unumstrittene Dirk Jordan, der in Dresden selbst vor Ort vieles gesteuert hat, waren wahnsinnig aktiv. Es gab schon im Vorfeld der Olympiade Events in ganz Deutschland mit Fahrrad-Sternfahrten, mit Simultanturnieren und Tourneen. Es war wirklich ein sehr intensives Jahr in der Vorbereitungszeit. Und wenn man sich jetzt, 18 Jahre später, Feedback einholt, dann ist das eine Tonlage: Alles sehr positiv! So dass auch damals kritische Menschen heute sagen: Dresden, das war eine der besten Olympiaden, die es jemals gab.
Viele, die mitgespielt haben, sagen sogar: Dresden war die beste.
Ja, das höre ich öfter. Ich würde sagen, sie war einfach großartig organisiert. Es gab aber natürlich auch ein paar Schwachstellen. Einige Sachen würde ich heute anders machen. Zum Beispiel hatten wir damals entschieden, die deutsche Nationalmannschaft nicht im Maritim unterzubringen, wo die meisten Teams gewohnt haben. Wir wollten sie ein bisschen aus der Schusslinie nehmen und haben sie im Art-Hotel untergebracht, ein paar 100 Meter entfernt. War vielleicht nicht so eine optimale Entscheidung. Das Art-Hotel hat zum Beispiel ganz tolle Zimmer, aber mehr so künstlerische Zimmer eben, wie der Name schon sagt. Und es gab nicht in jedem Zimmer einen Tisch und Stuhl. Also wenn die Aktiven sich vorbereiten wollten auf die Partien, dann mussten sie sich aufs Bett setzen. Damals wurde noch nicht so viel mit der Technik gearbeitet, sondern noch sehr viel mit mit Figuren zum Anfassen. Also musste man sich mit dem Brett aufs Bett setzen und dann die Varianten analysieren. Vielleicht war das nicht so ganz optimal.
149 Länder waren damals schon dabei. Was war das für ein riesiger organisatorischer Aufwand? Ich kann mir vorstellen, allein mit der Visa Problematik, den Einreisebestimmungen.
Richtig, das war natürlich für die Geschäftsstelle die Herausforderung, diese ganzen Visa-Genehmigungen zu bekommen. Es hat auch nicht bei allen geklappt. Es waren nicht alle am Start, sondern einige haben erstmal zu zweit oder zu dritt gespielt, bis das Team komplett war. Einige Länder kamen gar nicht, wie das immer so ist. Bei manchen afrikanischen Nationen habe ich mich gefragt: Wo sind sie jetzt geblieben? Unterwegs irgendwie verloren gegangen oder eine riesige Odyssee gemacht. Also das war schon gigantisch, was da los war. Und dann hatten wir auch noch Schnee im November. Interessanterweise ganz viel Schnee in Dresden und viele Spieler, gerade aus dem afrikanischen Kontinent haben zum ersten Mal im Leben Schnee erlebt. Das war ganz beeindruckend, wie die dann mit der Situation umgegangen sind. Für viele war es auch das erste Mal, dass sie ihr Land verlassen hatten, bis sie nach Europa gekommen sind. Also das war schon sehr, sehr beeindruckend - und sehr intensiv.
Das Problem mit Schnee werden wir nicht haben in Dresden beim Schachgipfel. Aber Du hast vorhin gesagt, es gab Widerstände aus den Landesverbänden. das erinnert durchaus an die aktuelle Problematik. Viele sehen ja auch den kommenden Schachgipfel sehr kritisch, haben vielleicht auch ein bisschen Furcht, dass es möglicherweise ein Defizit geben könnte. Was rufst du diesen Skeptiker zu?
Dass sie optimistisch sein sollten und dass sie keine Angst haben dürfen. Denn im Vergleich zur Schacholympiade damals ist dieser Gipfel nur ein kleines organisatorisches Ding, weil es ja sich nur um Spieler aus Deutschland handelt – das bedeutet viel weniger Hürden und Probleme, auch wenn die Zahl hoffentlich vierstellig wird. Es ist ein rein deutsches Event, bei dem nicht die ganze Welt zu Gast ist. Insofern ist es überschaubarer und es sind aus meiner Sicht Profis am Werk, die das organisieren.
Und die FIDE hat zum Glück die Finger nicht drin. Ich habe gelesen, dass der Weltverband zwischendurch sogar mit Entzug gedroht hat, weil angeblich ihr Forderungskatalog nicht erfüllt worden sei. Was hat es damit auf sich?
Es war in der Tat ein ganzes Bündel von Forderungen oder von Wünschen vonseiten der FIDE. Das geht ja dann bis hin zur Sonneneinstrahlung in die Räume, wie die Schattenbildung ist - und die ganzen Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen. Und da wurde Druck ausgeübt von der FIDE. Zum einen sollte die Finanzierung stehen. Das war damals natürlich auch ein langer Prozess, bis dann über die Sponsoren, auch über die Sparkasse, die eine Menge übernommen hat – ja, bis das alles dann zusammen war. Damals gab es fünf Bewerber für die Schacholympiade. Im Vorfeld ein großer Kampf. Am Schluss waren es nur noch zwei. Das waren dann Tallin/Estland und wir - im Endkampf sozusagen.
Du hast die Schach-Olympiade mal als Jahrhundertereignis bezeichnet. Du hast gesagt, wir müssen da alle Kraft reinlegen, um das gut zu machen. Wenn man jetzt auf den kleineren Schachgipfel kommt: Welche Bedeutung hat ein gut funktionierender Schachgipfel für den DSB?
Na gut, es ist ein Jahrzehntereignis. Aber es kann schon so ein zentrales Ereignis der 20er Jahre sein, auch in der Retro-Perspektive hinterher. Dass das gut läuft, ist unabdingbar, weil man dadurch in die Medien kommt. Schach hat einen Riesen-Boom im Augenblick, in verschiedenen Dimensionen - und wenn klar gemacht wird, dass wir eine Verbindung herstellen zwischen Sport, Kunst, Kultur und Wissenschaft auf so einem Schachgipfel, mit diesen ganzen Events, die jetzt geplant sind, dann kann das schon ein Start sein - für eine positive Entwicklung in Richtung der nächsten Jahre.
Wie siehst du die Situation im DSB, all die Diskussionen, vor diesem Schachgipfel?
Das ist schwierig, da stecke ich nicht so tief drin. Da sind natürlich besondere Eitelkeiten mit dabei und verschiedene Interessen, die Personen haben. Aber ich denke und hoffe mal, sie werden sich alle zusammenraufen, um den Gipfel dann zum Erfolg zu führen. Wenn man zusammen kommt in Dresden, die gemeinsamen Tage verbringt, dann wird auch Harmonie herrschen, davon bin ich überzeugt.
Ist es typisch für das deutsche Schach, dass es nicht nur vor richtig guten Spielern wimmelt, sondern auch vor Kritikern?
Ja, ich denke mal, das ist in vielen Verbänden so, auch in anderen Sportverbänden. Beim Schach ist es aber vielleicht besonders stark ausgeprägt - weil Schachspieler halt dann doch immer versuchen, zwei, drei Züge weiterzudenken und dann eben auch mehr Risiken zu erkennen glauben als andere.
Wirst Du zum Gipfel kommen?
Natürlich, auch wenn ich es leider nicht schaffen werde, beim Chess960-Turnier mitzuspielen. Ich habe ja eine große Affinität zu dieser Freestyle-Variante.
Und dann kannst Du ja mal gucken, was Deine Nachfahren in Sachen Organisation in Dresden auf die Beine gestellt haben…
Ich denke, dass ich das tatsächlich genießen kann. Kürzlich war ich auch gerade wieder in Dresden, da fand die Deutsche Betriebsschachmeisterschaft statt, da war ich auch dabei, habe für Osram gespielt - und das war auch im Congress Centrum, wo der Gipfel stattfinden wird und die Olympiade stattgefunden hat. Ich habe es wieder genossen. Das ist eine tolle Location für so ein Event. Ein wunderbarer Ort, an dem man schöne, neue Schachgeschichten schreiben kann.
Interview: (mw).
Im zweiten Teil geht es morgen um Kribbens Leidenschaft Pokern, die er weltweit auslebt - und wie sich das mit Schach vereinbaren lässt. Außerdem: Warum er gar nicht traurig über die Entwicklung im Fernschach ist. Und warum Chess960 aus seiner Sicht eine echte Chance für den Schachsport ist.
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 36967