27. März 2026
Mit GM Raj Tischbierek und Finn Engesser aus der DSB-Öffentlichkeitsarbeit spricht Blübaum über seine Vorbereitung, riskante Gegner, überraschende Ideen am Brett und warum am Ende doch alles auf die eigene Form ankommt. Zwischen Eröffnungsarbeit, Erwartungsdruck und Außenseiterrolle wird klar: Blübaum reist nicht nur zum Mitspielen an. Und ganz nebenbei klärt sich auch eine der entscheidenden Fragen des Turniers: Reichen zehn Hemden für zwei Wochen Weltklasse-Schach?
Wie läuft die Vorbereitung?
Läuft gut soweit - hoffentlich. Ich meine im Endeffekt ist das Wichtigste, dass ich dann auch in der Lage bin, gut Schach zu spielen vor Ort. Man bereitet sich natürlich viel vor - es ist ein sehr wichtiges Turnier.
Kannst du uns mitnehmen, was aktuell so der schwierigste Teil in deiner Vorbereitung ist?
Es gibt jetzt keinen besonders schwierigen Teil - es ist einfach viel. Ja, man hat halt jetzt im Vorfeld viel Eröffnungen angeguckt und muss das wiederholen. Das ist sozusagen das, was man normalerweise macht, nur halt deutlich intensiver und natürlich auch ein bisschen zielgerichteter, weil man die Gegner alle vorher kennt.
Und gibt es was, was dir davon sogar Spaß macht oder ist das alles nur harte Arbeit?
Ich meine, in gewisser Weise macht alles an Schach Spaß, aber es ist trotzdem Arbeit. Sagen wir so, mir macht schon das Spielen selber immer viel mehr Spaß als das Vorbereiten. Also ich freue mich auch ein bisschen darauf, wenn es dann einfach losgeht, man am Brett sitzt und einfach spielt. Also ich meine, ich mache immer gerne was mit Schach, aber ja tatsächlich bin ich jemand, der lieber spielt als jetzt irgendwie stundenlang da sitzt und sich immer weiter vorbereitet und sich Varianten merkt - aber es gehört eben auch dazu.
Ich habe ein Interview mit dir gesehen, bei dem du gesagt hast, dass beim Kandidatenturnier nur der Sieg zählt. Also der erste hat gewonnen und alle anderen haben verloren. Es hat mich etwas erstaunt, das von dir zu hören. Jetzt, sagen wir mal, du wirst mit plus zwei Dritter. Damit könntest du doch auch leben oder würdest du das auch als als Niederlage empfinden?
Natürlich ist das objektiv ein gutes Ergebnis, wenn ich Dritter werde - wenn ich an geteiltem 7./8. Platz gesetzt bin. Aber im Endeffekt, das ist ein besonderes Turnier. Es gilt für alle: Alles andere als der erste Platz ist eine Enttäuschung. Es kann halt nur das Ziel geben - Erster zu werden. Und ich glaube nicht, dass irgendjemand, der nicht Erster wird, glücklich vom Turnier wegreist.
Also dein Ziel ist ganz konkret, Erster zu werden?
Sagen wir so, mein Ziel ist zumindest so lange wie ich kann um den ersten Platz mitzuspielen. Wenn es irgendwann nicht mehr geht, dann ist es halt so - dann versucht man natürlich noch irgendwie anders möglichst viele Punkte zu holen, aber logischerweise muss man so lange um ersten Platz spielen, wie es irgendwie geht.
Aufgrund deines mathematischen Hintergrundes: Was würdest du schätzen oder vielleicht weißt du es ja auch anhand von Zahlen, wie hoch ist deine Wahrscheinlichkeit, das Kandidatenturnier zu gewinnen ist?
Ich habe glaube ich irgendwelche Statistiken darüber gesehen. Ich meine nicht hoch. Ich glaube vielleicht ein Prozent oder zwei Prozent. Ich weiß schon gar nicht mehr - irgendwas relativ niedriges, wenn man jetzt rein nach Elo geht. Ich glaube viel hängt auch von den Nerven ab und wie das Turnier läuft. Also mir ist bewusst, dass ich logischerweise eben einer der Spieler bin mit den geringsten Chancen- objektiv gesehen. Aber ich versuche mein Bestes zu geben und hoffe einfach, dass sich Chancen ergeben werden.
Wer ist für dich der Favorit?
Die logischste Wahl ist Caruana. Das Problem bei Hikaru ist: man weiß einfach nicht, wie er aktuell spielen wird, weil er seit, Mai oder Juni letzten Jahres keine klassische Partie auf Top-Niveau gespielt hat. Auf der anderen Seite - seine Pausen haben meistens nicht dazu geführt, dass er danach schlecht gespielt hat. Wahrscheinlich ist einer von den beiden objektiv gesehen Favorit, aber die letzten Jahre haben auch gezeigt, dass es eigentlich völlig egal ist, wer Favorit ist. Ich glaube beim letzten Kandidaten hat niemand Gukesh als Favorit gesehen.
Gehst du davon aus, dass die Leute gegen dich mit beiden Farben auf Gewinn spielen werden? Das war ja in den letzten Turnieren auffällig. Am auffälligsten war es bei Giri in Wijk aan Zee. Gehst du prinzipiell davon aus, dass die Leute dich wieder so "anfallen" oder denkst du eher, dass du das denen jetzt ausgetrieben hast? Oder dass du denen das abgewöhnt hast, und dass die Leute gegen dich erst mal solide mit Schwarz auf Ausgleich spielen. Was glaubst du?
Mit Weiß wird natürlich jeder normal versuchen auf Gewinn zu spielen. Ansonsten ist es auch immer ein bisschen eine Spielertypfrage. Bei manchen ist das deutlich eher so drin, dass sie auch mit Schwarz eine Spielstellung haben möchten. Bei manchen ist es sehr drin, dass man die Partie im Prinzip möglichst töten möchte, um kompletten Ausgleich zu haben. Ansonsten glaube ich jetzt nicht, dass ich irgendjemand was ausgetrieben habe in dem Sinne, aber natürlich, man guckt auch abhängig von der Turniersituation, wie viel Risiko man geht. Das hängt dann glaube ich immer sehr vom Turnierverlauf der Spieler ab - also sowohl von meinen Gegnern als auch von mir selber. Wenn die Gegner sehen, "der hat ein gutes Turnier und spielt bisher vernünftig", dann geht man vielleicht nicht so viel Risiko, wie wenn sie sehen, "er hat schon jetzt eine oder zwei in Folge verloren - der ist jetzt anfällig, da will ich jetzt unbedingt auf Gewinn spielen." Ich glaube, das kann man so im Vorfeld schwer sagen. Das hängt dann auch viel von der konkreten Situation ab.
Aber eigentlich wäre es ja für dich gut, wenn Sie das so in dem Maße fortsetzen. Also du sagst zwar jetzt, du hast denen das nicht ausgetrieben, aber es hat ja eigentlich nie geklappt. Im Gegenteil, sie haben dann meistens sogar verloren. Ich erinnere mich an Praggnanandhaa beim Grand Swiss und Giri jetzt bei Wijk aan Zee. Die haben dann ja eigentlich "Lehrgeld" bezahlen müssen?
Na gut, Praggnanandhaa hat beim Grand Swiss jetzt nichts so Schockierendes gespielt. Er hat irgendwie Bogo Indisch gespielt, aber er spielt eigentlich immer irgendeine Variante. Also das ist jetzt nicht, weil er besonders hart auf Gewinn gespielt hat, sondern einfach weil er nicht der Typ ist, der jede Partie das Gleiche spielt. Sondern er spielt einfach generell immer was anderes.
Giri hat mich tatsächlich ein bisschen überrascht. Das war jetzt nicht so sein Standardzug. 1. ...g6 ist überhaupt nicht seins normalerweise. Kann aber auch sein, dass er mich vorm Kandidatenturnier ein bisschen verwirren wollte - kann viele Gründe haben. Aber grundsätzlich habe ich nichts dagegen, wenn mein Gegner bereit ist, Risiko einzugehen.
Ist es für dich schwierig in solchen Situationen zu entscheiden, ob du da dann voll auf Risiko gehst oder ob du versuchst, solide das irgendwie ins Remis zu retten? Weil bei der Partie gegen Giri war es schon beachtlich, dass du vollkommen Druck gemacht hast. Ist es für dich schwer, diese Entscheidungen zu treffen - wann solide, wann aggressiv?
Das wird auch immer so ein bisschen beeinflusst, wie man sich fühlt und wie das Turnier bis zu dem Punkt läuft. Also in Wijk aan Zee, als ich gegen Giri gespielt habe, habe ich am Tag davor gegen Gukesh gewonnen. Das Turnier lief gut, ich war gut drauf und dachte einfach, er spielt eine zweifelhafte Eröffnung - jetzt möchte ich halt eben irgendwas Scharfes spielen. Das war zwar nicht korrekt, was ich gemacht habe, aber ich hatte an dem Tag gedacht: "Ja, ich will jetzt die Eröffnungswahl bestrafen - nicht irgendwas Langweiliges spielen."
Ein Thema bei den letzten Kandidatenturnieren ist oft: Ideen für eine Partie, wo Leute einen Zug finden, der die Lage auf dem Brett total kompliziert und der vielleicht sogar "-0,5" anzeigt, aber wo dann die praktische Umsetzung am Brett, sehr schwer ist. Obwohl du eigentlich mit mit Russisch, Caro-Kann, Französisch ein gutes Ziel bietest für sowas, kann ich mich nicht daran erinnern, dass du vor so eine Situation gestellt wurdest. Also Französisch zum Beispiel. Ich könnte mir vorstellen, dass man da durchaus Varianten finden kann. Oder bist du da so fest drin, dass die Leute das gegen dich gar nicht erst versuchen?
Wenn man irgendeine Variante spielt, wo man Angst hat, der Gegner kann das noch kennen, dann ist es immer so ein bisschen eine Abwägung - wie viel Überraschungsfaktor hat der Zug oder kann der Gegner es eventuell sogar kennen, weil er seine Varianten extrem gut kennt? Dann lohnt sich das nicht - ist immer Abwägungssache.
Heutzutage gibt es einfach viele Spieler, die versuchen, irgendwelchen Theorieduellen fast ganz aus dem Weg zu gehen. Dass mit irgendeinem überraschenden Zug, der vielleicht von der Engine überhaupt nicht gemocht wird, aber es zumindest kompliziert macht, gibt es hin und wieder noch. Es ist auch immer schwerer, sowas zu finden - zumindest in irgendwelchen bekannten Varianten. Jetzt fürs Kandidatenturnier haben die Leute natürlich auch Monate Zeit, sich vorzubereiten. Da werden einige schon die ein oder andere Idee haben.
Man kann es auch nicht ganz vermeiden, dass einen eine Idee mal überrascht. Man bereitet sich ewig lange vor und man denkt immer mit der Engine, "die Variante kann ich - ich muss das alles kennen" und dann sitzt man am Brett, der Gegner macht irgendeinen Zug und man denkt "okay, keine Ahnung, was ich jetzt machen muss. Jetzt muss ich halt Schach spielen." Wenn der Moment kommt, wo man aus dem Buch ist, ist es wichtig, dass man gut reagiert und vernünftige praktische Entscheidungen trifft.
Du sitzt am Brett, du weißt, der Zug, den dein Gegner gemacht hat, ist nicht gut, aber du kennst dich nicht mehr aus und musst am Brett die richtige Zugfolge finden. Kann man so was im Training simulieren? Oder muss man dann einfach damit klarkommen am Brett?
Was man auf jeden Fall macht, sind Trainingspartien zu spielen, wo dann eben irgendwas passiert. Und sobald man Trainingspartien spielt, passieren irgendwelche Sachen, die nicht mehr die erste Engine-Line sind. Ich meine, Menschen haben ihre eigenen Ideen - dann habe ich auch Erfahrung in den Stellungen und denke selber darüber nach. Wenn man Trainingspartien spielt, spielt man meistens keine klassischen Partien. Also komplett simulieren kann man es in dem Sinne eher schwieriger. Aber trotzdem, gerade Trainingspartien sind schon immer eine wichtige Möglichkeit, dass man auch mehr praktisch die Stellung versteht.
Irgendwann ist man immer auf sich alleine gestellt. Es gibt zumindest auch oft den Punkt, dass man denkt "oh, das hätte ich eigentlich noch kennen müssen." Das Problem ist dann manchmal, dass man sich noch so halb an Sachen erinnern kann, aber halt nicht vollständig. Dann ist das manchmal sogar gefährlich, wenn man versucht sich zu viel dran zu erinnern und dann denkt "ich dachte, das ist der Zug, obwohl er vielleicht nicht nicht optimal aussieht." Also ja, passiert. Man kann nicht so gut vorbereitet sein, dass man nicht vor Probleme gestellt wird.
Und konkret, eine rasiermesserscharfe Stellung, wo der Wert eines Zuges sehr, sehr hoch ist.
Das kann man schon steuern aus der Eröffnung raus. Also dass man in sowas nicht reinkommt oder zumindest, dass man die Varianten, in denen es einzige Züge gibt, entweder wirklich kennt oder umgeht und eben irgendwas Solideres nimmt.
Nochmal zur Vorbereitung: Es wird fast immer nur über die Eröffnung bei Vorbereitungen gesprochen. Gibt es noch einen anderen Fokus in deiner Vorbereitung, den du verraten kannst? Geht es auch ein Stück weit um Energiemanagement, weil das Turnier ja dann doch lang ist? Hast du noch einen anderen Fokus gesetzt?
Natürlich macht man trotzdem Taktikaufgaben. Man muss sich irgendwie schachlich fit halten. Weil gerade wenn man viel in Eröffnungen arbeitet, denkt man oft gar nicht so viel selber nach, weil man immer mit der Engine arbeitet. Also ist es wichtig, sich auch dazu zu zwingen, selber über Schach nachzudenken, irgendwelche Stellungen zu lösen oder vielleicht noch mal irgendwelche Endspiele zu wiederholen. Das ist sozusagen das normale Schachtraining, das man immer macht. Eröffnungen haben schon die größte Priorität. Und man kann sich so viel vorbereiten, wie man möchte - wenn man am Ende nicht gut in Form ist, dann wird das Turnier nicht gut laufen.
Bist du abergläubisch?
Nicht so richtig eigentlich. Ich war sonst auch immer der, der immer gerne seinen gleichen Kugelschreiber benutzt hat, mit dem man gewonnen hat. Das geht ja jetzt schon bei den meisten wichtigen Turnieren überhaupt nicht mehr, weil die werden einem immer gestellt. Man darf ja keinen mehr mit in den Turniersaal nehmen...
Am meisten hat sich ja für dich vielleicht geändert, dass sich plötzlich auch nicht schachliche Medien für dich interessieren? Als du Europameister wurdest hat das keinen hinterm Ofen hervorgelockt, aber jetzt bist du im WM-Zyklus. Hast du seitdem Kommunikation geübt oder hast du dich irgendwie damit beschäftigt, wie du klarkommst mit Medien?
Kommunikation habe ich nicht gezielt geübt. Man übt natürlich mit jedem Interview, das man macht in gewisser Weise, aber ansonsten habe ich überhaupt nicht extra daran gearbeitet. Ich habe versucht, das Meiste [an Medienarbeit] zu machen, wenn ich Zeit hatte. Aber jetzt gerade, je näher das Kandidatenturnier rückt, desto weniger bis gar nicht mache ich.
Du bist dadurch aufgefallen, dass du in den letzten Jahren immer allein gearbeitet hast. Also normalerweise haben Leute von deinem Kaliber ja entweder einen Trainer oder eine Trainingsgruppe. War das von deiner Seite aus eine ganz bewusste Entscheidung oder waren das auch finanzielle Gründe?
Ich weiß nicht, ob ich unterschreiben würde, dass Spieler in meiner Spielstärke generell Sekundanten haben - eigentlich die wenigsten in meiner Spielstärke. Vielleicht haben einige Trainer, aber auch nicht jeder. Das ist glaube ich sehr unterschiedlich. Also ich glaube jetzt nicht, dass es irgendwas Außergewöhnliches ist, ehrlich gesagt. Es ist was Außergewöhnliches im Kontext beim Kandidatenturnier. Da hat natürlich jeder ein Team oder Sekundanten und da ich vorher auf diesem Level eigentlich nie gespielt habe, ist das jetzt glaube ich überhaupt nichts Ungewöhnliches. Es ist natürlich in gewisser Weise auch eine bewusste Entscheidung. Ich meine, klar, gerade wenn man einen Trainer hat, der kostet Geld - das muss man natürlich irgendwo her haben. Ich habe bisher nie gedacht, dass sich das lohnt. Wir haben ja auch zwei Lehrgänge im Jahr vom DSB für die A- und B-Kader, wo man mit irgendeinem Trainer was macht. Einzeltraining hatte ich seit sehr vielen Jahren nicht mehr.
Du hast gar nicht konkret drüber nachgedacht, ob du eventuell mit jemanden zusammenarbeiten willst, also bevor du dich jetzt fürs Kandidatenturnier qualifiziert hast?
Ehrlich gesagt, habe ich nicht wirklich mit dem Gedanken gespielt.
Als letzte Frage noch, kannst du uns outfittechnisch mitnehmen? Wie viele Hemden packst du ein und weißt du auch schon, welche Farben?
Ich packe auf jeden Fall genug Hemden ein. Ich habe glaube ich nicht ganz 14 Hemden, also das könnte knapp werden. Aber es gibt im Notfall auch irgendeinen Wäscheservice. Also ich werde glaub ich irgendwie überleben (lacht).
Ich habe vielleicht so so acht, neun, zehn Hemden oder so. Im Zweifelsfall muss ich zum Wäscheservice vor Ort. Also ich werde hoffentlich klarkommen.
Ziehst du zu jeder Partie ein frisches Hemd?
Normalerweise schon, ja.
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 36972