20. August 2025
Von Péter Lékó, dem ungarischen Großmeister, der vor 21 Jahren Vize-Weltmeister (nach knapper Niederlage gegen GM Wladmir Kramnik) wurde, ist diese Geschichte aus seiner Trainertätigkeit für den Deutschen Schachbund bekannt: Als die DSB-Kaderspieler im Mai 2024 in Magdeburg trainierten, beschwerte sich alsbald das örtliche Hotelpersonal: Man könne nicht weiter Überstunden machen und bis Mitternach Getränke für die Nationalspieler reichen – bloß, weil der Trainer kein Ende finde. Damals einigte man sich zur Güte: Das Personal darf gehen, zur Not sitzen die Besten des Deutschen Schachbundes eben ab 22 Uhr auf dem Trockenen. Aktuell ist Péter Lékó wieder als Trainer der deutschen Kaderspieler im Einsatz. Das Trainingscamp findet in dieser Woche im Olympischen und Paralympischen Trainingszentrum Kienbaum in Brandenburg statt – in der Sportschule gibt es zum Glück kein Hotelpersonal, das stöhnen könnte. Denn, und man ahnt schon: Es gibt wieder Überstunden. Lékó berichtet von einem „intensiven Traininglager“. Entschlossen wehrt er Sonderwünsche des DSB-Teams Öffentlichkeitsarbeit so ab: „Zwischen 8:30 Uhr morgens bis fast 23:30 sind wir zusammen mit der Mannschaft. Das erfordert alle Kräfte.“ Mit einem Lächeln sagt DSB-Sportdirektor Kevin Högy dazu: „Das wundert mich nicht. Der Mann ist ein absolutes Arbeitstier, stets voll fokussiert – das ist kein Zuckerschlecken für die Spieler, aber es wird bestimmt einmal mehr ein erfolgreicher Lehrgang.“ Auch der DSB-Frauenkader ist in Kienbaum vor Ort. Für den neuen Bundestrainer, GM Zahar Efimenko, ist es der erste Präsenztermin mit den besten Spielerinnen des Schachbundes. In Kienbaum erfolgt der Feinschliff für Batumi, die Team-Europameisterschaft ab Anfang Oktober.
Im Männerbereich trainieren in Kienbaum die aktuell besten deutschen Spieler, mit einer Ausnahme: GM Matthias Blübaum fehlt, weil er als Europameister eine Einladung für das Rubinstein-Memorial in Polen bekommen hat. Ein renommierter Wettbewerb, dessen 60. Auflage GM Vincent Keymer im letzten Jahr gewinnen konnte. „Das ist ein sehr starkes Rundenturnier und eine sehr gute Möglichkeit für Matthias“, zeigte Péter Lékó Verständnis für die Abwesenheit des Lemgoers. Mit dabei ist aber Keymer, den Lékó seit 2017 trainiert. Der 20-Jährige lobte seinen Coach auch nach seinem Sieg in Chennai als denjenigen, der ihn – mit der Erfahrung, selbst lange Top-Ten-Spieler gewesen zu sein – nun unter die zehn besten Spieler der Welt geführt habe. „Er hat nicht die Ambition“, sagte Keymer im Siegergespräch mit Chessbase India, „mich zu seinem Spieler zu machen. Er unterstützt mich dabei, dass ich meinen eigenen Weg gehen kann.“ Der solle übrigens eine gesunde Mischung aus Schach und dem sein, was Keymer als ihm „heilig“ bezeichnet: Er wolle sich auch abseits des Schachbretts ein Leben bewahren und weiter aufbauen. Glück und Gesundheit seien ihm wichtig. Und damit auch Freunde und Familie.
Keymer erinnerte in der Stunde seines großen Erfolges in Indien (als er die 2750er-Elo-Grenze überschritt und nach Weissenhaus und München seinen dritten Turniersieg des Jahres feierte) daran, wie schwierig es auch für seinen Trainer gewesen sei, dass er erst die Schule ordentlich zu Ende bringen wollte und deshalb nicht ansatzweise so viel Zeit für Schach aufwenden konnte wie zum Beispiel viele seiner indischen Kontrahenten – und wenn, dann oft zu ungewöhnlichen Trainingszeiten am späten Nachmittag. Die deutsche Nummer eins sagt: „Peter investiert als Trainer sehr viel.“ Das gilt auch, wenn er die DSB-Kaderspieler trainiert. Neben Keymer sind in Kienbaum GM Rasmus Svane, GM Frederik Svane, GM Leonardo Costa, GM Dmitrij Kollars, GM Dennis Wagner und IM Marius Deuer mit dabei. Péter Lékó vermeldet: „Wir versuchen so intensiv zu trainieren wie es nur geht. Die Stimmung ist großartig wie immer, wir haben alle viel Spaß.“
Bei den Frauen trainiert Zahar Efimenko WGM Dinara Wagner, WGM Josefine Safarli, WGM Fiona Sieber, WGM Hanna Marie Klek, WGM Kateryna Dolzhykova, WGM Jana Schneider, FM Lara Schulze und das Talent WFM Charis Peglau. „Wir versuchen alle Bereiche abzudecken im Training. Zahar hat einige Eröffnungsideen vorbereitet, die uns natürlich auch im Hinblick auf die Team-EM helfen sollen. Wir machen aber auch Strategie- und Endspieltraining“, sagt Josefine Safarli.
Efimenkos Blick geht hier ganz klar bereits Richtung Team-EM (ab 5. Oktober) in Georgien. „Das Hauptziel dieses Trainingslagers ist es, das Team zusammenzuschweißen, den Kampfgeist zu stärken und die Motivation zu steigern“, sagt Efimenko. In Kienbaum lege er „die Strategie für unser Team für die Europameisterschaft fest. Außerdem bereiten wir neue Schach-Eröffnungsideen vor, die uns helfen werden, die Vorbereitung unserer Gegnerinnen zu neutralisieren. Jeden Tag arbeiten wir fünf Stunden lang intensiv am Schach.“ Nach dem Schachtraining geht das gesamte Team Sport treiben - auch das schweiße zusammen, so Efimenko. Er vertrete die These, dass Bewegung auch beim Schachspiel hilfreich sei. Der Coach selbst bevorzugt Tischtennis, die meisten Frauen spielen lieber Basketball oder Fußball. Die Männer sind nach der Nachmittags-Einheit bisweilen auch mit dabei – bevor es bis in den Abend hinein wieder um Schach geht.
Erst vor kurzem nominierte Efimenko den Kader für Batumi. Unter welchen Kriterien? Schließlich hätte es ja durchaus die Qual der Wahl gegeben angesichts starker Leistungen zuletzt von letztlich Nicht-Nominierten wie Jana Schneider. „Für mich spielen drei wichtige Kriterien eine Rolle bei der Zusammenstellung der Nationalmannschaft“, so Efimenko: „Das erste Kriterium ist die Elo-Zahl, das zweite Kriterium ist das Ergebnis bei der Deutschen Meisterschaft der Frauen und das dritte Kriterium ist die Erfahrung im Nationalteam.“ Da Kateryna Dolzhykova bei der Deutschen Meisterschaft den dritten Platz belegt hat und derzeit eine deutlich höhere Elo-Zahl habe als Schneider und Sieber, sei die Entscheidung für ihn klar gewesen – und habe ihm keine Kopfschmerzen bereitet: „Ich mag meine Arbeit als Trainer der Mannschaft, in diesem Bereich fühle ich mich wohl und sicher. Außerdem herrscht in der Mannschaft ein ausgezeichnetes Arbeitsklima und gegenseitiger Respekt.“ (mw)
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 36746