10. Juli 2026
Jürgen Müller, Vereinschef beim SC Bad Königshofen, und seine Frau Martina, die gute Seele des Vereins, erinnern sich noch genau an den Tag Ende Februar 2022. Der russische Angriffskrieg hatte gerade begonnen, da kam die Kunde aus der Ukraine, dass eine der Spielerinnen des Vereins fliehen will. Olga Babiy, die Großmeisterin, damals hochschwanger, wusste nicht so recht wohin, vielleicht erstmal zu einer Verwandten nach Polen – nur raus aus den Kriegswirren. Müller zögerte nicht lange, fuhr nach Polen – und holte sie ab. „Wir kriegen das hin“, habe er damals gesagt: „Und wir haben es hingekriegt.“ Das Gästezimmer wurde hergerichtet, wo Olga Babiy ein halbes Jahr wohnen konnte. Heute lebt die 37-Jährige mit ihrem Mann Igor Babiy, ihrer Mutter Larisa Kalinina (beide sind auch gute Schachspieler) und weiteren Familienangehörigen in einem Haus der Müllers. 15 Mitglieder der Familie sind mittlerweile in der malerischen Kleinstadt im unterfränkischen Landkreis Rhön-Grabfeld gestrandet. „Sie sind hier wunderbar integriert, das Verhältnis ist freundschaftlich“, sagt Jürgen Müller: „Und Olga ist eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht.“ Olga Babiy schwärmt im Telefonat mit der DSB-Öffentlichkeitsarbeit von der Herzlichkeit der Familie. Derzeit bringt sie Familie, Beruf und Schach prima unter einen Hut. In der Meisterklasse des Schachgipfels von Dresden gilt die Nachrückerin für Elisabeth Pähtz (übrigens bekam sie den Platz auf Empfehlung von Bundestrainer Zahar Efimenko und Frauenschachreferentin Nadja Jussupow) als Geheimtipp. Denn die frisch gebackene deutsche Schnellschach-Meisterin ist prima in Form.
Olga Babiy, Sie starten in Dresden in der Meisterklasse, an Position drei gesetzt – was sind Ihre Erwartungen für das Turnier? Wer sind Ihre stärksten Konkurrentinnen?
Zuerst: Ich freue mich sehr auf das Turnier und hoffe auf spannende und interessante Partien. Ich war noch nie in Dresden und würde mir wünschen, dass ich neben den Partien auch ein bisschen Zeit habe, die Stadt anzuschauen.
Sie waren in den vergangenen Jahren schon sehr erfolgreich auf vielen Turnieren in Deutschland, erst kürzlich wieder bei der Deutschen Schnellschach-Meisterschaft. Was waren für Sie die wichtigsten Erfolge?
Die beiden Titel bei der Deutschen Schnellschachmeisterschaft 2025 und 2026 bedeuten mir sehr viel. Darüber habe ich mich wirklich sehr gefreut. Besonders schön war für mich aber auch der Sieg beim Open in Bad Königshofen 2022.
Sie haben auch erneut eine starke Bundesligasaison gespielt. Deshalb, und auch aufgrund Ihrer Elo-Zahl, muss man die Frage stellen: Hat sich Bundestrainer Zahar Efimenko mal bei Ihnen gemeldet? Und würden Sie gerne mal für Deutschland spielen?
Nein, bisher hat der Bundestrainer sich nicht bei mir gemeldet. Aber es wäre natürlich eine große Ehre für mich, einmal für Deutschland spielen zu dürfen. Und zur Bundesliga: Mit meiner Saison war ich sehr zufrieden. 8,5 Punkte aus neun Partien hätte ich selbst nicht erwartet. Es war meine beste Saison in der Frauen-Bundesliga.
Was sind generell Ihre sportlichen Ziele?
Ich möchte immer besser und stärker werden. Mein Ziel ist es, mich weiterzuentwickeln und bei jedem Turnier mein bestes Schach zu zeigen.
Sie haben einmal gesagt, dass sie nie wieder für einen anderen Verein als den SC Bad Königshofen spielen werden – zumindest gibt es dieses Zitat von Ihnen. Das deutet auf eine große Verbundenheit hin. Was bedeutet Ihnen dieser Verein?
Das ist nicht ganz korrekt. Nach unserem Gewinn der Frauen-Bundesliga 2024/25 hat unser Mannschaftsleiter gefragt, wer auch in der nächsten Saison im Team bleiben möchte. Als ich gefragt wurde, ob ich weiter für Bad Königshofen spielen werde, habe ich spontan geantwortet: „Natürlich – mein ganzes Leben!“ Das war natürlich mit einem Augenzwinkern gemeint. Aber ich spiele wirklich sehr gerne für Bad Königshofen und fühle mir da sehr wohl. Wir haben eine tolle Mannschaft, verstehen uns super und verbringen auch neben dem Schach gerne Zeit zusammen. Deshalb denke ich im Moment überhaupt nicht an einen Vereinswechsel.
Wie sehr ist Bad Königshofen für Sie schon zur Heimat geworden? Und wie wichtig ist dabei die Familie Müller?
Bad Königshofen ist für mich wirklich zu einer zweiten Heimat geworden. Mit diesem Ort verbinde ich viele schöne Erinnerungen. Seit 2010 spiele ich in der Frauen-Bundesliga. Damals habe ich noch für Mülheim an der Ruhr gespielt. Ausgerechnet in Bad Königshofen habe ich 2013 bei der Endrunde meine dritte Großmeister-Norm geschafft. Das war ein ganz besonderer Moment in meiner Karriere. Ich war unglaublich glücklich und erinnere mich bis heute daran.
Wie war das damals, als Sie direkt nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine ausreisen wollten? Auch damals waren Jürgen und Martina Müller ja sehr wichtig für Sie, oder?
Ja, Familie Müller hat uns damals sehr geholfen. Gleich nach Kriegsbeginn haben sie sich bei uns gemeldet und gesagt, dass sie uns unterstützen. Kurz danach konnten meine Schwägerin, ihre Tochter und ich nach Deutschland kommen. Zwei Wochen später sind auch meine Mutter und meine Schwestern nachgekommen. Jürgen und Martina waren immer für uns da und haben uns in jeder Situation unterstützt. Sie haben uns bei allem geholfen, was wir am Anfang gebraucht haben. Dafür bin ich ihnen bis heute sehr dankbar. Ich war damals im sechsten Monat schwanger. Für mich war es sehr wichtig zu wissen, dass wir in Sicherheit sind.
Wie eng war schon vor dem Krieg der Kontakt nach Bad Königshofen?
Ich spiele seit 2019 für Bad Königshofen und habe mich in diesem familiären Verein von Anfang an wohlgefühlt. 2021 haben wir zusammen die Frauen-Bundesliga gewonnen. Deshalb hatte ich schon vor dem Krieg eine enge Verbindung zum Verein.
Mittlerweile sind viele Familienmitglieder von Ihnen und Ihrem Mann Igor in Bad Königshofen. Wie ist der Plan für die Zukunft? Bleiben – oder irgendwann zurückkehren?
Im Moment kann niemand sagen, wie lange der Krieg noch dauern wird. Deshalb können wir auch nicht weit in die Zukunft planen. Unser Sohn wächst hier auf und fühlt sich hier wohl. Für uns ist das im Moment das Wichtigste. Alles andere wird die Zeit zeigen.
Wie viele Ihrer Familienmitglieder leben noch in der Ukraine? Wie ist die Lage für sie fort? Und wie sehr leiden Sie mit den Menschen in Ihrer Heimat?
Einige meiner Geschwister leben noch in der Ukraine. Ich vermisse sie sehr und mache mir oft Sorgen. Die Lage dort ist nach wie vor schwer. Ich hoffe einfach, dass der Krieg bald endet und die Menschen wieder in Frieden leben können.
Sie haben mit 36 Jahren noch einmal eine Ausbildung zur Bürokauffrau begonnen. In welchem Betrieb und wie kam es dazu?
Ich mache meine Ausbildung bei Weigand Bau. Vor allem hilft die Arbeit mir auch dabei, mein Deutsch weiter zu verbessern. Die Berufsschule macht mir wirklich Spaß. Es gibt viele interessante Fächer, und ich lerne jedes Mal etwas Neues.
In der Ukraine haben Sie zuvor studiert und waren Schach-Profi. Beschreiben Sie mal Ihr „früheres“ Leben…
Ich habe an der Nationalen Wirtschaftsuniversität in Ternopil Informatik studiert. Dort habe ich auch fünf Jahre lang als Schachausbilderin unterrichtet. Die Universität hatte eine Sportabteilung mit verschiedenen Sportarten, und wir haben regelmäßig Wettkämpfe zwischen den Fakultäten organisiert. Nach dem Abschluss habe ich nicht im Beruf gearbeitet. Ich habe weiter Schach gespielt und später auch privat Unterricht gegeben. Schach war immer ein wichtiger Teil meines Lebens und ist bis heute meine große Leidenschaft.
Wie viel Zeit finden Sie heute für Schach? Neben Beruf und Ihrem kleinen Sohn Andriy ist das bestimmt nicht so einfach, oder?
Das ist im Moment wirklich nicht einfach. Es bleibt nicht so viel Zeit für Schach, wie ich gerne hätte. Aber wenn ich Zeit zum Trainieren oder Turniere spielen habe, genieße ich sie umso mehr.
Wie kann man den Stellenwert des Schachsports in Deutschland und der Ukraine vergleichen?
Ich glaube, in der Ukraine hat Schach einen etwas höheren Stellenwert. Viele Menschen nehmen das Spiel dort als Sport sehr ernst. In Deutschland ist Schach für viele eher ein Hobby. Trotzdem gibt es hier viele Vereine und Ligen, sodass man regelmäßig spielen kann. Das gefällt mir sehr.
In Ihrer Familie hat Schach jedenfalls einen hohen Stellenwert. Ihre Mutter ist eine sehr gute Schachspielerin, Ihr Mann spielt Schach… was bedeutet Ihnen und Ihrer Familie das Spiel? Was fasziniert Sie daran?
Schach gehört bei uns einfach zur Familie. Mein Papa war auch ein starker Spieler und Schachtrainer. Er ist leider 2019 gestorben. Er hieß Oleg Kalinin und hat viele talentierte Kinder trainiert. Mein Papa war der erste Trainer von Wassyl Iwantschuk, als dieser noch im Gebiet Ternopil lebte. Ich habe einen Bruder und drei Schwestern – alle spielen Schach, natürlich auf unterschiedlichem Niveau. Mein Bruder spielt heute nicht mehr, war aber als Kind sehr talentiert und hatte schon eine Elo von etwa 2200. Eine meiner Schwestern ist FIDE-Meisterin, ihr Mann ist Internationaler Meister. Vor dem Krieg haben wir uns oft als Familie getroffen und kleine Schachturniere gespielt. Natürlich wurde bei uns auch viel über Schach gesprochen, Partien analysiert und diskutiert. Was mich am Schach fasziniert, ist sehr viel: die Turnierreisen, der Wettkampf, die Spannung vor einer Partie und die Konzentration während des Spiels. Und natürlich dieses besondere Gefühl, wenn man am Brett sitzt und versucht, die beste Lösung zu finden. Das wird mich immer begeistern.
Interview: mw
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 37078