[Event "German Masters 2021"] [Site "?"] [Date "2021.07.25"] [Round "3"] [White "Kollars, Dmitrij"] [Black "Graf, Alexander"] [Result "1-0"] [ECO "B03"] [WhiteElo "2607"] [BlackElo "2569"] [Annotator "Högy,Kevin"] [PlyCount "85"] [EventDate "2021.07.23"] [SourceVersionDate "2021.05.04"] 1. e4 Nf6 $5 {Die Aljechin-Verteidigung muss für Dmitrij eine ganz schöne Überraschung gewesen sein, denn diese vielleicht provokanteste Eröffnung der Hypermodernen Schachschule hatte Alexander zuvor noch nicht einmal in seiner langen Turnierpraxis angewandt! Die Idee der Aljechin-Verteidigung ist dabei so frech wie schlüssig: Die gegnerischen Bauern nach vorne locken und dem Weißspieler die Bildung eines starken Bauernzentrums erlauben - dieses dann aber rechtzeitig anhebeln und in seine Einzelteile zerlegen. Dass die Aljechin-Verteidigung in der Weltspitze praktisch fast nicht vorkommt, ist womöglich ein Indiz dafür, dass diese Spielweise dann vielleicht doch ein wenig zu provokant ist. Aber dass sie immer für unterhaltsame Partien gut ist, das werden wir auch hier wieder sehen} 2. e5 {Weiß nimmt den Fehdehandschuh auf greift sich den angebotenen Raum} Nd5 3. d4 d6 {Die ganze Begründung der Aljechin-Verteidigung liegt in diesem kleinen Bauernzug begründet. Ja, der Bauer auf e5 ist aus schwarzer Sicht nervig, weil er dem Königsspringer das natürliche Feld f6 abspenstig macht. Aber er kann auch leicht attackiert werden, weil er in der schwarzen Hälfte des Brettes postiert ist. Und Weiß soll erstmal zeigen, dass er diesen Bauern behaupten kann.} 4. c4 Nb6 5. f4 $5 {Der konsequenteste und vielleicht prinzipiellste Zug. Mehr Raum kann sich Weiß nun wirklich nicht sichern. In der Regel wird es nun aber sehr scharf, denn Schwarz wird nachweisen wollen, dass sich der Anziehende überdehnt hat. Fällt das weiße Zentrum auseinander, steht Weiß häufig vor den Trümmern seiner Stellung. Aber falls Dmitrij seinen Raumvorteil konsolidieren und in der Entwicklung aufholen kann (immerhin: Schwarz hat eine Figur mehr entwickelt als Weiß und ist am Zug!), wird er vermutlich aufgrund des großen Raumvorteils klar besser stehen.} Bf5 ({Ein sofortiger Versuch, das weiße Zentrum zu unterminieren, besteht im trickreichen} 5... dxe5 6. fxe5 c5 7. d5 e6 $5 {Nun sollte Weiß nicht zu gierig sein, und mit 8.d6 versuchen, den Lf8 vom Spiel abzuschneiden} 8. Nc3 $1 (8. d6 $4 {das gilt es zu vermeiden, denn die kalte Dusche käme auf dem Fuß:} Qh4+ 9. g3 Qe4+ {mit Verlust von Turm und Partie 0-1 (20) Sabatoni,C-Hernandez,J (2335) Uruguay 1985}) 8... exd5 9. cxd5 c4 {Schwarz wird mit ...Lb4, ggf. ...Lg4, ...0-0 und ...S8d7-c5 mächtig Druck auf die weißen Bauern machen, aber Weiß hat mit seinen vorgerückten Bauern natürlich auch seine Trümpfe. In der Praxis sorgt die Stellung für viele entschiedene und spannende Partien, unter anderem den Klassiker: 1-0 (41) Bronstein,D (2585)-Ljubojevic,L (2570) Petropolis 1973}) 6. Nf3 e6 7. Nc3 dxe5 8. fxe5 Bb4 {Ganz klassisch im Sinne der hypermodernen Schachschule: Schwarz versucht, durch Figurendruck das gegnerische Zentrum unter Druck zu setzen. Diese Stellung gibt es in der Schachgeschichte schon häufiger, unter anderem hat der Aljechin-Experte Bagirov hier zwei siegreiche Partien mit den schwarzen Steinen gespielt. Und Bagirov muss es wissen: Er hat vor Ewigkeiten ein bekanntes Buch dazu geschrieben. Daran kann ich mich gut erinnern, denn besagtes Buch war der erste Buchpreis, den ich auf einem Jugendturnier in grauer Vorzeit gewann! Schaut man sich Bagirovs Partien an, könnte man meinen, dass die weiße Spielführung viel zu ambitioniert sei, weil Schwarz sich immer auf den wackligen c4-Bauern des Anziehenden einschießt} 9. Bd3 (9. Bg5 Qd7 10. Qd2 c5 11. Rd1 Nc6 12. d5 Na5 $13 {0-1 (65) Suetin,A-Bagirov,V Novosibirsk 1971}) (9. Be2 c5 10. Bg5 Qd7 11. Qd2 Nc6 12. a3 Bxc3 13. bxc3 Na5 $13 {0-1 (40) Polgar,I-Bagirov,V Baja 1971}) 9... c5 {der klassische Konter gegen das weiße Zentrum. Nun muss sich Dmitrij entscheiden, wie er damit umgehen möchte, dass sein Zentrum angeknabbert wird} 10. Bg5 Qd7 11. O-O { Im Nachhinein gefällt mir dieser Zug sehr gut. Weiß bringt einfach seine Figuren ins Spiel und behauptet, dass seine Figuren viel zentraler und besser postiert sind als die des Schwarzen} ({Alternativ springt natürlich} 11. Bxf5 exf5 12. d5 {ins Auge, denn die weißen Bauern auf d5 und e5 sehen schon sehr, sehr gefährlich aus. Aber andererseits ist nach} Bxc3+ 13. bxc3 $13 {die weiße Struktur ziemlich im Eimer und der weiße c4-Bauer steht unter Beschuss (und kann mit ...Da4 noch weiter belagert werden). Von daher ist Dmitrijs Wahl in der Partie aus praktischer Sicht denke ich absolut richtig}) 11... h6 12. Bh4 cxd4 13. Ne4 Nc6 14. a3 {Ein cleverer Zug. Weiß zwingt den Läufer zu einer Erklärung. Den Abtausch des Läufers kann sich Schwarz nicht erlauben, denn ansonsten fiele der weiße Springer auf e4 mit vernichtender Wirkung auf d6 ein} Bxe4 {Genau aus diesem Grund entfernt Alexander erst einmal den gefährlichen Gaul, bevor dieser noch allzu viel Unfug anrichten kann} (14... Be7 15. Bxe7 Kxe7 {wäre eine Katastrophe, denn nach} 16. Nd6 $1 $18 {wird Weiß alsbald den Punkt f7 erobern und die Partie gewinnen}) 15. Bxe4 Be7 16. Bxe7 Qxe7 17. c5 $1 {auch sehr stark gespielt. Weiß möchte mit b2-b4 noch viel mehr Raum gewinnen und dann früher oder später mittels Sxd4 seinen Bauern zurückgewinnen. Schwarz kann überraschend wenig dagegen tun, eingesperrt zu werden, denn das offensichtliche} Qxc5 {läuft in die petite combination} (17... Nd5 18. Bxd5 exd5 19. b4 $14) (17... Nd7 18. Bxc6 bxc6 19. b4 $16) 18. Rc1 Qb5 19. Rxc6 $1 bxc6 20. Nxd4 {Der Doppelangriff gegen b5 und c6 gewinnt das investierte Material zurück. Was soll Schwarz hier überhaupt noch ziehen mit seinem im Zentrum steckengebliebenen König?} Qxe5 $2 {Der natürlichste Zug der Welt - doch nun geht es mit der schwarzen Stellung rapide bergab} ({Gefühlt hätte ich der schwarzen Stellung keine Verteidigungsmöglichkeiten mehr zugestanden. Doch im Nachgang der Partie wies Stockfish auf das hochgradig überraschende} 20... O-O-O $5 {hin. Der Zug vereint die Notwendigkeit, den König in Sicherheit zu bringen mit der Hoffnung, durch Damentausch die schwarze Stellung zu entlasten. Gleichwohl geht nach} 21. Nxb5 Rxd1 22. Nxa7+ $1 {ein Bauer verloren} Kb7 23. Rxd1 Kxa7 { So ganz klar ist die Stellung allerdings nicht. Natürlich wird der Bauer auf c6 früher oder später zum Angriffsobjekt werden, aber sofort sollte sich Weiß hier nicht bedienen. Denn auf} 24. Bxc6 $6 {könnte Schwarz sich zumindest dank} Nc4 $1 $14 {einen der weißen Bauern zurückholen. Wie die Stellung dann einzuschätzen ist? Vermutlich (deutlich) besser für Weiß, weil der Läufer aufgrund der offenen Stellung und des Spiels an beiden Flügeln dem Springer überlegen sein sollte. Aber ausgemacht ist hier erst einmal nichts}) 21. Bxc6+ Kf8 22. Re1 Qc7 23. Qf3 $1 {Das droht unfreundlich die Gabel auf e6} Re8 {Schwarz bleibt nichts anders übrig, als die Qualität zurückzugeben} 24. Nxe6+ Rxe6 25. Rxe6 {Materiell ist die Stellung völlig ausgeglichen, aber die Stellung ist bereits ziemlich jenseitig. Das liegt daran, dass der schwarze Turm auf h8 eingeklemmt ist und nicht am Spiel teilnimmt. Der Rest ist für den unsagbar guten Variantenberechner Dmitrj ein Kinderspiel} Kg8 26. Re8+ Kh7 27. Qe4+ $1 { Das ist das mit Abstand stärkste und präziseste Schach, weil Weiß nun auch noch über die Ressource Te8-e7! mit Angriff auf der siebten Reihe verfügt} ({ Viel schwächer wäre} 27. Be4+ $2 {, denn nach} g6 $11 {steht der schwarze König bombensicher}) 27... f5 {das ist traurig, aber notwendig} (27... g6 { scheitert nun am oben erwähnten} 28. Re7 $1 $18) 28. Qxf5+ g6 29. Rxh8+ Kxh8 30. Qxg6 {Zwei Bauern mehr plus die bessere Leichtfigur - eine klassische Drops-gelutscht-Situation} Qf4 31. Qe8+ Kh7 32. Qe7+ Kh8 33. Qc5 Kg8 34. Qc3 Kh7 35. h3 h5 36. g3 Qd6 37. h4 Qd1+ 38. Kf2 Nd5 39. Bxd5 Qxd5 40. Ke3 Kh6 41. Qf6+ Kh7 42. Qd4 Qb3+ 43. Qd3+ {Nach dem Damentausch ist das Bauernendspiel leicht gewonnen - weshalb Alexander Graf genug gesehen hatte. Eine unterhaltsame Partie, aus der die Zuschauer:innen viel mitnehmen können.Für das Masters bedeutet es: Dmitrij steht nun wieder bei 50%, während Alexander Graf definitiv eine klare Bereicherung für das diesjährige Masters darstellt. Der ehemalige Nationalspieler hat bisher keine Gefangenen gemacht, denn alle seine drei Partien fanden einen Sieger!} 1-0