3. Oktober 2026
Mittlerweile wird ja auch im Schachsport nahezu in alle Ecken geleuchtet. Statistiken sind das Brot vieler Fans. Schaut man auf die Zahlen von Joachim Brüggemann, Internationaler Meister, fällt nicht nur seine einstmals starke Elo-Zahl auf (im Juli 2003 war er bei 2431, heute sind es noch 2260), sondern Chessbase will auch herausgefunden haben, wer über all die Jahre sein „Angstgegner“ war: Rainer Knaak, 73, Großmeister. Der Leipziger holte sich 2025 den ersten Weltmeistertitel für Deutschland bei den Senioren seit 1991. Als ihn der Anruf der DSB-Öffentlichkeitsarbeit erreicht, muss Knaak schmunzeln: „Angstgegner? Ich hätte jetzt vermutet, dass wir nicht so weit auseinanderlagen und die Bilanz recht ausgeglichen war. Wir haben häufig gegeneinander gespielt – und ich hatte sehr oft große Schwierigkeiten mit ihm.“ Näheres dazu: siehe unten auf dieser Seite, dort können Nostalgiker auch eine Partie der beiden aus der Jugendzeit nachspielen. Eines sei für ihn schwer zu glauben, betont derweil Rainer Knaak: Dass Joachim Brüggemann, ein ewiger Konkurrent auch auf Vereinsebene, am heutigen Tag der Deutschen Einheit bereits 75 Jahre alt wird. „Er war und ist immer noch taktisch sehr gewitzt. Wenn man ihn spielen sieht, ist das schon beeindruckend. Aber auch wie er spricht und sich bewegt – man sieht nicht, dass er schon 75 wird. Herzlichen Glückwunsch!“
Von seinem Leistungsvermögen her sei Brüggemann auch als IM auf Großmeister-Niveau gewesen, sagt Knaak. Erst kürzlich, bei der Deutschen Meisterschaft der Senioren in Dresden in der Altersklasse 65+, habe er das wieder bewiesen. „Er hat alle Partien schneller beendet als ich. Und oft gab es die Stellung lange gar nicht unbedingt her - und er hat trotzdem noch gewonnen. Das spricht für sein Fachwissen.“ Womit es in der neunten und letzten Runde zum Showdown kam. Das alte und ewig junge Duell: Knaak mit Weiß gegen Brüggemann mit Schwarz. Hätte Brüggemann gewonnen, wäre er Deutscher Meister geworden. Aber es war schnell vorbei, man schüttelte sich zügig die Hand. „Ich glaube, er hat sich nicht so chancenreich gesehen und war letztlich mit dem Remis zufrieden.“ Als Trostpreis blieb dem Zweitplatzierten Brüggemann, der landauf, landab noch fleißig Turniere spielt, Platz eins in der Nestorenwertung.
Als „Wegbereiter des Schachspiels“ in Erfurt und im Bundesland hat ihn die Thüringer Allgemeine einmal bezeichnet, dieser Tage dürfte Brüggemann – lange Jahre Vorsitzender des Thüringer Schachbundes und heute noch Präsident des Erfurter SK – wieder zufrieden in die Zeitung geblickt haben. Dort fand sich die lesenswerte Geschichte mit dem Untertitel: „Hinter Deutschlands Bronzemedaille bei der Schacholympiade steckt eine Thüringer Geschichte.“ Eingegangen wird hier noch einmal auf das Prinzenprogramm, jene Nachwuchsförderung, die einst Bernd Vökler initiiert hat. Also fragen wir auch mal beim heutigen Bundesnachwuchstrainer nach. Schließlich sind die beiden Vereinskumpels: Brüggemann ist Vorsitzender, Vökler der Schatzmeister beim Erfurter SK. Müsse er Brüggemann mit einem Wort beschreiben, so Vökler, dann würde er „diszipliniert“ wählen für den ehemaligen Ingenieur, der 28 Jahre im Landesverwaltungsamt zuständig war für Fachgebiete wie Emissionen, Zulassungen und Müllverbrennung. Im Verein, so Vökler, sei er eine absolute Führungsfigur.
Die beiden haben sehr viel miteinander erlebt. „Unsere erste Begegnung am Schachbrett war am 11. Januar 1981. Wir spielten im DDR-Pokal ISG Apolda gegen Mikroelektronik Erfurt, David gegen Goliath, Erstligist gegen Drittligist. Damals an acht Brettern erreichten wir (Apolda) ein 4:4 und schieden nach Wertung aus. Fünf Jahre später kam ich zum Erstligisten und 1988 errangen wir gemeinsam den ersten DDR-Meistertitel“, erinnert sich Bernd Vökler, „1992 schaffte Joachim Brüggemann als Präsident des Thüringer Schachbundes in intensiven Verhandlungen mit dem LSB eine Vollzeitstelle für den Landestrainer im Schach, die ich annahm. Unseren bisher größten Erfolg im “Weltschach" erreichten wir mit Team Thüringen bei der Senioren-Mannschafts-WM in Dresden 2015 mit Platz 4 hinter der Slowakei, Deutschland und England.“ Der Erfurter Schachklub wird Joachim Brüggemann heute feiern. Der DSB schließt sich den Glückwünschen gerne an. (mw)
IM Joachim Brüggemann wurde am 3. Oktober 1951 in Erfurt geboren. 1972 gewann er mit der SG Leipzig die DDR-Mannschaftsmeisterschaft, kurz darauf schloss er sich der Erfurter Spielgemeinschaft EVB/Motor West an, die wenig später in die Oberliga aufstieg. Bei der DDR-Einzelmeisterschaft 1978 in Eggesin belegte er hinter Rainer Knaak und Lutz Espig den dritten Platz.
Mit Erfurt wurde er zweimal DDR-Mannschaftsmeister: 1988 mit der BSG Mikroelektronik und 1991 mit dem SV Erfurt-West 90. Den Titel Internationaler Meister trägt er seit 2007.
Nach der Wiedergründung des Thüringer Schachbundes 1990 stand er an dessen Spitze, bis ihm auf dem Landeskongress am 23. April 2005 Diana Skibbe als Präsidentin folgte. Heute ist er Präsident des Erfurter Schachklubs. Der Deutsche Schachbund zeichnete ihn 2000 mit der Silbernen Ehrennadel und 2018 für seine langjährige Vereinsarbeit mit der Lasker-Medaille aus, der Thüringer Schachbund 2005 mit der Goldenen Ehrennadel.
Auch als Senior ist er erfolgreich: Bei der 3. Senioren-Mannschaftsweltmeisterschaft 2015 in Dresden belegte er mit der Mannschaft Thüringens (u. a. mit GM Thomas Pähtz, IM Thomas Casper und FM Bernd Vökler) den vierten Platz in der Altersklasse 50+. 2026 wurde er zum dritten Mal in Folge Thüringer Seniorenmeister der Altersklasse 65+. Bei der Deutschen Seniorenmeisterschaft 2026 in Dresden wurde er Zweiter der Altersklasse 65+ hinter GM Rainer Knaak und zugleich Deutscher Nestorenmeister (Ü75).
Mit Rainer Knaak verbindet Joachim Brüggemann ein Duell über fast sechs Jahrzehnte: Zwischen der ersten belegten Turnierpartie 1967 und der bislang letzten 2026 liegen 59 Jahre. Die beiden ersten Begegnungen bei den DDR-Jugendmeisterschaften 1967 in Glauchau und 1968 in Neukieritzsch gewann Brüggemann. In den Endrunden der DDR-Meisterschaft behielt später der fünfmalige DDR-Meister Knaak die Oberhand. Zuletzt saßen sich beide in der Schlussrunde der Deutschen Senioren-Einzelmeisterschaft 2026 in Dresden am Spitzenbrett gegenüber – die Partie endete remis.
Die erste dieser Partien, gespielt am 25. August 1967 in der 12. Runde der DDR-Jugendmeisterschaft – Brüggemann war 15, Knaak 14 Jahre alt –, lässt sich unter der Grafik nachspielen.
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// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 11805