Griechenland mit Dreifachsieg bei der 32. Auflage der NATO-Schachmeisterschaft

21. Juli 2022

Das siegreiche griechische Team: IM Anastasios Pavlidis, Konstantinos Mouroutis, CM Alexandros Papasimakopoulos, WIM Ekaterini Pavlidou, Andreas Nikomanis, Spyros Ntalampiras

Die Austragungsorte der jährlich stattfindenden NATO-Schachmeisterschaften werden grundsätzlich fünf Jahre im Voraus festgelegt. Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine und der besonderen Betroffenheit der baltischen Staaten war es insofern Zufall, aber doch eine durchaus passende Wahl, dass die 32. NATO-Schachmeisterschaft in diesem Jahr in Estland und damit zum zweiten Male in einem baltischen Staat ausgetragen wurde. Konnte so der Zusammenhalt der NATO-Staaten besonders mit den baltischen Ländern im Rahmen der NATO-Schachgemeinschaft weiter gestärkt werden.

Welche Bedeutung das Gastgeberland dieser Veranstaltung beimaß, ließ sich allein daran erkennen, dass der Ausrichter mit dem Befehlshaber der Verteidigungskräfte der Republik Estland, Generalleutnant Martin Herem, einen sehr prominenten Schirmherrn für das Turnier gewinnen konnte. Dieser ließ es sich dann auch nicht nehmen, an dem im Rahmenprogramm ausgetragenen Blitzturnier teilzunehmen, wobei er sich als respektabler Schachspieler erwies. Daneben bot die Meisterschaft in Estland auch eine gute Gelegenheit, Land und Leute besser kennenzulernen, was stets auch ein wichtiger Aspekt dieser Veranstaltung ist.

Das Turnier wurde vom 27. Juni bis zum 1. Juli 2022 in Tartu ausgetragen, das mit knapp 100.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes ist. Die An- und Abreise per Flugzeug erfolgte über die estnische Hauptstadt Tallinn. Dies nutzten einige der Teilnehmer, um die sehr schöne, alte Stadt kennenzulernen. Tallinn, das bis zur ersten estnischen Unabhängigkeit von Russland im Jahre 1918 Reval hieß, ist vor allem mit seinem Domberg und seiner Altstadt bis heute noch von der teils dänischen, teils deutschen Vergangenheit zur Zeit der Hanse geprägt. Aus kulinarischer Sicht sehr beliebt unter Touristen und in der Tat auch lohnenswert ist ein Besuch des traditionsreichen Restaurants „Olde Hansa“.

Und auch Tartu hat seine Reize als eine sehr liebenswerte und lebendige Universitätsstadt, wie die Teilnehmer feststellen durften. Dass die Menschen hier mit noch größerer Sorge auf den Krieg in der Ukraine schauen, ist nur zu verständlich. Schließlich ist die russische Grenze doch gerade einmal 50 Kilometer von Tartu entfernt. So war dann auch der Besuch des an der Grenze gelegenen Peipussees ein Teil des Rahmenprogramms. Mit Lionel Kieseritzky, der hier geboren wurde und auch hier studierte, hat die Stadt zudem einen bedeutenden Schachspieler hervorgebracht. Dass dieser ausgerechnet durch eine Verlustpartie, die sogenannte „Unsterbliche“ gegen Adolf Anderssen, zu besonderer Prominenz gelangte, tut dem keinen Abbruch.
Auch vom Wetter her zeigte sich Tartu von seiner besten Seite: Fünf Tage Sonnenschein bei Temperaturen von zum Teil über 30°C, die dann aber doch dem einen oder der anderen während der Meisterschaft etwas zusetzten.

94 Spieler aus 15 Nationen am Start

Die NATO-Schachmeisterschaft wurde wie immer als siebenrundiges Einzelturnier mit Mannschaftswertung ausgetragen. Insgesamt nahmen 94 Akteure aus 15 Ländern teil. Je Nation können offiziell acht Spieler gemeldet werden, von denen sechs im nationalen Team antreten und zwei auf NATO-Teams verteilt werden. Akteure mit mindestens acht Einsätzen bei NATO-Meisterschaften, sogenannte Lifetime-Member (Mitglieder auf Lebenszeit), können darüberhinaus in NATO-Teams spielen. Je Team werden die vier Bestplatzierten in der Einzelwertung für die Mannschaftswertung berücksichtigt.

Es gehört zur guten Tradition des Turniers, dass vor den Partien ein Gastgeschenk an den Gegner übergeben wird. Auch in diesem Jahr stellte ChessBase Präsente für alle Partien der deutschen Equipe zur Verfügung. Diese erfreuten sich bei den Gegnern großer Beliebtheit und wurden sehr dankbar von den Mitstreitern der anderen Nationen entgegengenommen.

Griechenland, Polen und die USA in der Mannschaftswertung auf dem Treppchen

Das Team der Bundeswehr ging in diesem Jahr geschwächt an den Start, da die nominellen Nummern zwei und drei nicht mitspielen konnten. Besonders stark war erneut das griechische Team vertreten, dass in den letzten beiden Meisterschaften jeweils zum Teil nur ganz knapp und auch etwas unglücklich den Meistertitel verpasste. Und natürlich galt Polen als Titelverteidiger als heißer Anwärter auf den Mannschaftstitel.
Allerdings zeichnete sich spätestens nach der fünften Runde ab, dass sich Griechenland den Sieg in diesem Jahr nicht nehmen lassen würde. Mit dreieinhalb Punkten Vorsprung vor der letzten Runde waren die Griechen schließlich quasi uneinholbar in Führung, so dass es eigentlich nur noch um die weiteren Plätze auf dem Treppchen ging. Hier lagen Polen und Deutschland gleichauf und das Team der USA folgte mit nur einem halben Punkt Rückstand. In der finalen Runde punktete Polen dann besser und auch die US-Amerikaner schoben sich noch vor das Bundeswehr-Team.

In der Mannschaftswertung ergaben sich somit folgende Platzierungen:

Pl. Mannschaft Land BP Buch
1. Griechenland 23,0 118,0
2. Polen 19,5 121,0
3. USA 19,0 112,5
4. Deutschland 18,5 119,5
5. Litauen 15,5 99,5
6. Lettland 15,5 98,0
7. England 15,5 93,0
8. Dänemark 15,0 109,5
9. NATO 2 14,5 104,0
10. Slowenien 14,5 93,0
11. Niederlande 14,0 100,5
12. NATO LTM 14,0 96,0
13. NATO 1 13,5 96,5
14. Estland 13,0 96,5
25. Belgien 13,0 89,5
16. Kanada 12,5 90,0
17. Norwegen 5,0 27,0
18. Ungarn 2,5 21,5

Premiere für Knut in der Ägäis – deutsche Mannschaft erstmalig nicht unter den besten drei Nationen

Damit durfte Griechenland zum ersten Mal die Bronzestatue des dänischen Königs Knut als begehrte Trophäe für die Mannschaftswertung in Empfang nehmen. Und auch aus deutscher Sicht war das Ergebnis einmalig: Konnte das Bundeswehr-Team doch bisher in weit mehr als der Hälfte der vergangenen 31 Meisterschaften den Sieg davontragen oder sich einen zweiten bzw. zuletzt zumindest einen dritten Platz sichern. Der vierte Platz stellt somit das bislang schlechteste Ergebnis der deutschen Equipe dar.

Griechische Dominanz in der Einzelwertung – FM Robert Stein auf Rang 3

In der Einzelwertung konnte die Nummer eins des deutschen Teams, FM Robert Stein, seiner Favoritenrolle als Führender der Startrangliste nicht ganz gerecht werden. Mit einer sehr soliden Leistung erreichte er mit 5,5 Punkten aus 7 Runden – bei drei Remisen – einen guten dritten Platz.

Natürlich dominierte auch hier die Auswahl aus Griechenland: Mit einem überzeugenden Resultat von 6,5 Punkten wurde CM Alexandros Papasimakopoulos völlig verdient und souverän Erster, vor seinem Landsmann IM Anastsios Pavlidis mit 6 Punkten. Letzterer gewann dann auch den Schönheitspreis mit einer eindrucksvollen Partie gegen den US-Amerikaner Eigen Wang, der, ebenso wie Robert Stein mit 5,5 Punkten, auf dem vierten Platz landete. Mit gleicher Punktzahl rundete WIM Ekaterini Pavlidou, die Schwester von Anastasios Pavlidis, den Erfolg des griechischen Teams auf Platz 5 ab.

In der Einzelwertung ergaben sich folgende Platzierungen:

Pl. Titel Name Land Elo Pkt. Buch
1 CM Alexandros Papasimakopoulos 2259 6,5 30,5
2 IM Anastasios Pavlidis 2296 6,0 32,5
3 FM Robert Stein 2365 5,5 34,5
4 Eigen Wang 2293 5,5 31,5
5 WIM Ekaterini Pavlidou 2146 5,5 27,5
6 Kamil Cichy 2179 5,0 31,0
7 Marcin Pietruszewski 2195 5,0 30,0
8 Damian Graczyk 2151 5,0 30,0
9 Andreas Nikomanis 2068 5,0 27,5
10 Alexander R. Flaata 2048 5,0 27,0
11 David E. Onley 2083 5,0 27,0
12 Valerijs Rizihs 1619 5,0 24,0
13 Janis Valeinis 2176 4,5 31,5
14 Dariusz Sycz 2189 4,5 30,0
15 Ulrich Bohn 2168 4,5 29,5
16 Slawomir Kedzierski 2133 4,5 29,0
17 Mateusz Tustanowski 2036 4,5 28,0
18 Andrew Duren 1997 4,5 27,5
19 Robert Keough 2074 4,5 27,5
20 Andrew Peraino 1940 4,5 27,0
21 Oliver Nill 2166 4,5 26,5
22 Enrico Balmaceda 1958 4,5 26,5
23 FM Finn Pedersen 2300 4,0 31,5
24 Erik Nilsson 2002 4,0 29,5
25 Jan Cheung 1964 4,0 29,0
26 Wilhelm Jauk 2156 4,0 29,0
27 Marko Sauer 2065 4,0 29,0
28 Konstantinos Mouroutis 2133 4,0 28,5
29 Franci Cirkvencic 2000 4,0 28,5
30 Diana Pazeriene 1930 4,0 28,0
31 John Farrell 1913 4,0 27,5
32 Mingaudas Giedraitis 1846 4,0 27,0
33 Gordon Randall 1954 4,0 26,5
34 Michal Choina 1927 4,0 26,0
35 Charles M. Unruh 2049 4,0 26,0
36 Guido Schott 2028 4,0 25,5
37 Harm Theo Wagenaar 1885 4,0 25,0
38 Tobias Jacob 2013 4,0 24,5
39 Samuel Heran-Boily 1871 4,0 24,5
40 Gert Aagaard 1979 4,0 24,5
41 Kimball Rosseel 1831 4,0 23,0
42 Matjaz Pirs 1965 4,0 20,5
43 Eduardas Brusokas 1681 4,0 19,5
44 Mati Tikerpuu 1819 3,5 30,0
45 Aleksander Stankowski 1971 3,5 27,5
46 Janek Tammisto 1881 3,5 25,5
47 Albert Hernandez 2012 3,5 25,5
48 Arturas Voroblievas 1740 3,5 25,0
49 Frazer Graham 1864 3,5 24,0
50 David Hater 1944 3,5 23,5
51 Edward Wendler 1839 3,5 23,0
52 Peter Papler 1714 3,5 23,0
53 Martins Ivbulis 1815 3,5 22,5
54 William Bradley 1827 3,5 21,5
55 Alexander Poyser 1759 3,5 20,5
56 Ard Dekker 1932 3,0 27,0
57 Tonnie van Den Heuvel 1799 3,0 25,0
58 Francois Simard 1757 3,0 25,0
59 Jan Mose Nielsen 1991 3,0 24,0
60 Luc Windey 1624 3,0 23,5
61 Marc Kocur 1835 3,0 23,0
62 Harry Taylor 1340 3,0 22,5
63 Spyros Ntalampiras 1815 3,0 22,5
64 Aleksander Tenin 2110 3,0 22,0
65 O' Byrne,Daniel GBR 1664 3,0 21,5
66 Jan Smit 1741 3,0 21,5
67 Cveto Ivsek 1766 3,0 21,0
68 Janis Strazdins 1535 3,0 20,5
69 Tarmo Muld 1783 3,0 20,5
70 Kris Steen 1735 3,0 20,0
71 Dominic Coulon 1701 3,0 17,0
72 Andres Sui 1288 2,5 23,5
73 Martin Simard 1514 2,5 23,5
74 Martynas Skaburskis 1619 2,5 23,0
75 Finn Stuhr 1686 2,5 23,0
76 Lauri Allmann 1804 2,5 22,5
77 Csaba Csizmadia 1875 2,5 21,5
78 Aleksejs Ivanovs 1784 2,5 20,0
79 David C. Ross 1677 2,5 19,5
80 Vytautas Janulionis 1511 2,5 16,0
81 Rico Adolfssen 1837 2,0 24,0
82 Karl Koopmeiners 1946 2,0 23,5
83 Hendrik Steffers 1838 2,0 20,5
84 Rik Boudry 1468 2,0 20,5
85 Freddy Charles 1742 2,0 20,5
86 Richard Moulton 1766 2,0 20,0
87 Klim Gusarov 1206 2,0 19,5
88 Fernando Echavarria Hidalgo 1749 2,0 17,0
89 Kersti Korge 1864 2,0 17,0
90 Ben Woolf 1589 2,0 16,5
91 Alex Lambruschini 1807 1,5 23,5
92 Alberto Perez-Sordo 1,0 15,0
93 Chas Chapman 1646 0,5 19,5
94 Johan Jansen 1105 0,5 16,5

Papasimakopoulos ebenfalls mit Sieg im Blitzturnier

Abschließend wurde wie in jedem Jahr ein Blitzturnier ausgetragen. Hier fanden sich immerhin 77 Teilnehmer, die über elf Runden im Schweizer System gegeneinander antraten. Auch in diesem Wettbewerb ließ CM Alexandros Papasimakopoulos mit 9,5 Punkten nichts anbrennen und siegte mit einem halben Zähler Vorsprung vor FM Robert Stein. Mit acht Punkten sicherte sich WIM Ekaterini Pavlidou den dritten Platz punktgleich vor Eigen Wang.

Nachfolgend die Platzierungen auf den ersten zehn Rängen:

Pl. Spieler Land Pkt.
1 CM Alexandros Papasimakopoulos 9,5
2 FM Robert Stein 9,0
3 WIM Ekaterini Pavlidou 8,0
4 Eigen Wang 8,0
5 FM Finn Pedersen 7,5
6 Konstantinus Mouroutis 7,5
7 IM Anastasios Pavlidis 7,5
8 Marcin Pietruszewski 7,5
9 Tobias Jacob 7,5
10 Aleksander Stankowski 7,0
Übergabe des Wikingerschiffs als Staffelstab für die Ausrichtung der NATO-Meisterschaft von Colonel Mati Tikerpuu (Estand, rechts) an Kapitän Peter Papler (Slowenien)

Alle Informationen zu Paarungen und Platzierungen der 32. NATO-Schachmeisterschaft können auf den Internetseiten www.natochess22.ee bzw. www.natochess.com/2022 eingesehen werden.

Die nächste NATO-Meisterschaft ist vom 4. bis 8. September 2023 in Portorož an der slowenischen Adriaküste geplant. Das deutsche Team möchte auch dann wieder mit Hilfe der Unterstützung durch die Katholische Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung e.V. (KAS) ganz vorn um die Meisterschaft mitspielen.

Text: Ulrich Bohn (Bearbeitung durch KAS)

// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 10981

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