5. April 2026
Die erste Hälfte des Kandidatenturniers ist gespielt – sieben Runden liegen hinter Matthias Blübaum. Die Bilanz: sechs Remis, eine Niederlage. Auch in Runde sieben blieb Blübaum stabil und trennte sich mit Weiß vom topgesetzten Hikaru Nakamura Remis. Auf den ersten Blick wirkt diese Serie unspektakulär, doch im Kontext eines Weltklassefeldes ist sie ein klares Zeichen: Blübaum hält mit und das auf konstant hohem Niveau. In nahezu allen Partien agierte er äußerst präzise, ließ kaum Chancen für seine Gegner zu und bewies große Stabilität. Lediglich eine Ungenauigkeit gegen Fabiano Caruana kostete ihn bislang einen ganzen Punkt.
Gleichzeitig zeigt sich aber auch: Der nächste Schritt fehlt noch. Mit Weiß bleiben klare Gewinnchancen bislang aus. Die erste Turnierhälfte ist damit vor allem eines: ein Beleg dafür, dass Deutschlands Nummer zwei mit der Weltelite mithalten kann und sich auf Augenhöhe bewegt.
Die Partien der ersten sieben Runden zeigen ein klares Muster: Blübaum agiert äußerst stabil, vermeidet Fehler und neutralisiert selbst absolute Spitzenspieler zuverlässig. Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler bringt es treffend auf den Punkt:
„Matthias ist sehr gut darin, solche soliden Stellungen komplett fehlerfrei zu halten.“ Auch die heutige Partie gegen Nakamura fügte sich in dieses Bild ein. Zwar gelang es Blübaum, aus der Eröffnung heraus leichten Druck zu erzeugen, doch wie so oft reichte dieser nicht für ernsthafte Gewinnchancen. Vökler ordnet die kritische Phase ein: „Der kleine Vorteil für Weiß war spürbar, aber nicht asymmetrisch genug.“ Dennoch unterstreicht die Partie eine wichtige Qualität: Selbst minimale Vorteile werden sauber ausgespielt, ohne dabei unnötige Risiken einzugehen.
Die einzige Niederlage kassierte Blübaum in Runde fünf mit Schwarz gegen Fabiano Caruana. Auffällig war dabei weniger die Niederlage selbst als vielmehr die schonungslose Selbstanalyse des deutschen Großmeisters im Anschluss – die man so schon von ihm kennt. Blübaum ging in der Pressekonferenz nach der Niederlage gewohnt hart mit sich ins Gericht: „Ich glaube, jeder Zug, den ich heute gemacht habe, war schrecklich.“
„Ich habe mich gefragt, was für ein Idiot ich sein muss, um zu erlauben, dass der Läufer auf e4 schlagen darf.“ Diese Aussagen zeigen den hohen Anspruch, den Blübaum an sich selbst stellt.
Die bisherige Turnierleistung lässt sich als Balance zwischen Sicherheit und fehlender Dynamik beschreiben. Blübaum hält nahezu jede Stellung, gerät kaum ernsthaft in Gefahr, doch gleichzeitig fehlen bislang klare Gewinnchancen. So wurde bereits nach den ersten Runden festgestellt, dass insbesondere in den Weiß-Partien zwar Kontrolle vorhanden ist, aber kaum konkrete Möglichkeiten entstehen, um Partien zu gewinnen. Auch Robert Rabiega ordnet das Turnier entsprechend ein:
„Dieses Turnier ist für ihn vor allem dazu da, gegen die Weltspitze zu lernen und sich weiterzuentwickeln.“
Und genau darin liegt der eigentliche Wert dieser ersten Turnierhälfte. Blübaum bewegt sich konstant auf Augenhöhe mit der absoluten Weltelite – ein Niveau, auf dem selbst kleinste Ungenauigkeiten sofort bestraft werden. Seine sechs Remis sind daher keineswegs Ausdruck von Passivität, sondern vielmehr das Resultat präziser Verteidigung und strategischer Disziplin. Vökler zieht ein insgesamt positives Fazit: „Ich bin insgesamt zufrieden mit seinen Ergebnissen, auch wenn er selbst mehr erwartet hat.“
Mit Blick auf die Rückrunde bleibt die zentrale Frage: Gelingt es Blübaum, aus seiner stabilen Basis heraus mehr Risiko zu gehen und Chancen zu kreieren? Der „Sicherheitsgurt“, den er sich bislang angelegt hat, sitzt dennoch realtiv fest – ein entscheidender Faktor in einem Turnier dieser Kategorie. Doch um in der Tabelle noch weiter nach vorne zu kommen, wird es notwendig sein, diesen gelegentlich zu lösen, um aktiv auf Gewinn spielen zu können. Fest steht: Blübaum hat bereits bewiesen, dass er auf diesem Niveau bestehen kann. Die zweite Hälfte des Turniers wird zeigen, ob er den nächsten Schritt gehen kann – vom soliden "Underdog" zum aktiven Punktesammler. (fe)
| 5. Runde am 03.04.2026 | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | GM Rameshbabu Praggnanandhaa | 2741 | ½:½ | 2698 | |
| 2 | GM Fabiano Caruana | 2795 | 1:0 | GM Matthias Blübaum | 2698 |
| 3 | GM Hikaru Nakamura | 2810 | 0:1 | GM Javokhir Sindarov | 2745 |
| 4 | GM Anish Giri | 2753 | ½:½ | GM Wei Yi | 2754 |
| 6. Runde am 04.04.2026 | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | GM Fabiano Caruana | 2795 | ½:½ | 2698 | |
| 2 | GM Hikaru Nakamura | 2810 | ½:½ | GM Rameshbabu Praggnanandhaa | 2741 |
| 3 | GM Anish Giri | 2753 | ½:½ | GM Matthias Blübaum | 2698 |
| 4 | GM Wei Yi | 2754 | 0:1 | GM Javokhir Sindarov | 2745 |
| 7. Runde am 05.04.2026 | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 2698 | 0:1 | GM Wei Yi | 2754 | |
| 2 | GM Javokhir Sindarov | 2745 | ½:½ | GM Anish Giri | 2753 |
| 3 | GM Matthias Blübaum | 2698 | ½:½ | GM Hikaru Nakamura | 2810 |
| 4 | GM Rameshbabu Praggnanandhaa | 2741 | ½:½ | GM Fabiano Caruana | 2795 |
| 8. Runde am 07.04.2026 | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 2698 | - | GM Javokhir Sindarov | 2745 | |
| 2 | GM Wei Yi | 2754 | - | GM Matthias Blübaum | 2698 |
| 3 | GM Anish Giri | 2753 | - | GM Rameshbabu Praggnanandhaa | 2741 |
| 4 | GM Hikaru Nakamura | 2810 | - | GM Fabiano Caruana | 2795 |
Offizielle Turnierseite | DSB-Turnierseite | Live-Partien: Chess, Lichess
// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 11728