„He let me escape" – Blübaum kämpft sich durch die Rückrunde

10. April 2026

Im Tunnel: Blübaum kämpft sich durch die vielleicht schwierigste Partie des Turniers.

Nach zehn Runden: Neun Remis, Elo-Plus – und die Frage, wann der erste Sieg fällt.

Die zweite Turnierhälfte ist in vollem Gange, und Matthias Blübaum setzt seinen soliden Lauf fort. Nach zehn Runden steht er bei neun Remis und einer Niederlage – ein Score, der in diesem Weltklassefeld alles andere als selbstverständlich ist. Besonders bemerkenswert: Mit den weißen Steinen ist Blübaum nach wie vor ungeschlagen. Die Runden neun und zehn zeichneten dabei ein vielschichtiges Bild – zwischen mutigem Aufbäumen, einem glücklichen Wunder, aber auch gewohnt solider Präzision.

Runde neun: Achterbahn gegen den Tabellenführer

Die wohl dramatischste Partie seines Turniers lieferte Blübaum in Runde neun gegen den Tabellenführer Javokhir Sindarov. Mit Weiß versuchte er, mehr aus seiner Eröffnung herauszuholen und wählte bewusst die lange Rochade, ein klares Signal: Heute soll mehr drin sein als ein Remis. Niclas Huschenbeth, der die Partie auf SchachdeutschlandTV analysierte, ordnete diesen Moment treffend ein: „Vielleicht hat er sich gesagt, komm, ich will irgendwie mal mehr aus meinen Weißpartien – alle Weißpartien, die er bisher hatte, hat er irgendwie nicht viel rausgeholt."

Der mutige Plan schien zunächst aufzugehen. Blübaum erzeugte Druck und hatte die Initiative auf seiner Seite. Doch dann kippte die Partie: Zu schnell vorangetriebene Bauernzüge am Königsflügel brachten ihn aus dem Takt. Sindarov übernahm das Spiel, und plötzlich war es Blübaum, der verteidigen musste. In der anschließenden Pressekonferenz ließ der deutsche Großmeister wie gewohnt kein gutes Haar an sich selbst: „I felt like I played like a complete clown" – und über den Moment, als die Stellung endgültig kippte: „After a4, I just hated my life. I just wanted to resign."

Die Stellung war objektiv verloren. Und dann geschah das Unerwartete: Sindarov, der das Turnier bis dahin nahezu fehlerfrei dominiert hatte, verzichtete auf den entscheidenden Gewinnzug und wickelte überraschend in ein ausgeglichenes Turmendspiel ab. Blübaum erkannte seine Chance, verteidigte das Endspiel souverän und rettete das Remis – mit kühlem Kopf, wo kurz zuvor noch Resignation drohte. „He let me escape into this endgame, which of course I should hold" – ein Satz, der die Erleichterung und die nüchterne Selbsteinschätzung gleichzeitig transportiert.

„Das war schon ein mittelgroßes Wunder", kommentierte Huschenbeth, der gleichzeitig Blübaums Rettungsaktion lobte: „Als er die Chance bekommen hat, in die Partie zurückzukommen, hat er sie wahrgenommen und das Endspiel sehr souverän in den Remishafen gebracht."

Runde zehn: Makellos, aber ohne Feuer

Gegen Andrey Esipenko präsentierte Blübaum in Runde zehn eine nahezu fehlerfreie Partie – diesmal allerdings ohne große Dramatik. Esipenko, der selbst ein schwieriges Turnier erlebt, wählte eine harmlose Variante im Russisch und stellte Blübaum vor keinerlei ernsthafte Probleme. Josefine Safarli, die die Partie auf SchachdeutschlandTV begleitete, fasste es so zusammen: „Matthias hatte keine Probleme, aber hat dann natürlich auch sauber gespielt – das ist auf seinem Niveau auch zu erwarten."

Bereits im 22. Zug bot Esipenko den Damentausch an, womit die Partie früh in ruhigeres Fahrwasser glitt. Blübaum nahm das Angebot an, manövrierte präzise durchs Endspiel und ließ nie auch nur den Hauch einer Schwäche entstehen. Nach dreifacher Stellungswiederholung war das Remis besiegelt. Eine Partie, die vor allem eines zeigte: Blübaum macht in ausgeglichenen Stellungen schlicht keine Fehler. Safarli stellte jedoch auch fest, was das Turnier insgesamt kennzeichnet: „Matthias bleibt seinem Stil sehr treu – und in vergangenen Turnieren hat das ja auch sehr gut geklappt. Jetzt klappt es plötzlich nicht mehr, ist halt bitter, aber das konnte er vorher nicht unbedingt wissen."

Zur Analyse der zehnten Runde mit Josefine Safarli

Standhaft im Weltklassefeld

Nach zehn Runden steht Blübaum auf Platz vier der Tabelle, mit einem leichten Elo-Plus gegenüber seiner Ausgangswertung. Neun Remis und eine Niederlage: das ist die Bilanz eines Spielers, der in diesem Turnier bewiesen hat, dass er zur Weltspitze gehört. Gleichzeitig bleibt die große offene Frage: Wann fällt der erste Sieg?

Huschenbeth, der zu Beginn des Turniers noch mit 80-prozentiger Zuversicht einen Blübaum-Sieg vorhergesagt hatte, relativierte seine Erwartungen nach Runde 9 mit Blick auf die Turniersituation: „Da Sindarov so davongezogen ist, ist das Turnier für alle anderen Spieler schon mehr oder weniger vorbei. Warum sollen sie dann extremes Risiko gegen Matthias gehen? Es wird nicht mehr deshalb sein, dass Spieler übertriebenes Risiko gegen ihn gehen."

Vier Runden sind noch zu spielen. Die Gegner heißen Praggnanandhaa, Caruana, Nakamura und Giri – eine Aufgabe, die kaum schwerer sein könnte. Doch Blübaum hat in diesem Turnier Charakterstärke bewiesen: in der stillen Präzision von Runde 10 ebenso wie in der kämpferischen Rettungsaktion von Runde 9. Ob der erste Sieg noch gelingt, werden die verbleibenden Partien zeigen. Fest steht: Deutschlands Nummer zwei hat sich in diesem Kandidatenturnier keine Blöße gegeben – und das auf dem höchsten Niveau, das Schach zu bieten hat. (fe)

Ergebnisse

8. Runde am 07.04.2026
1 GM Andrey Esipenko 2698 ½:½ GM Javokhir Sindarov 2745
2 GM Wei Yi 2754 ½:½ GM Matthias Blübaum 2698
3 GM Anish Giri 2753 1:0 GM Rameshbabu Praggnanandhaa 2741
4 GM Hikaru Nakamura 2810 1:0 GM Fabiano Caruana 2795
-
C28
9. Runde am 08.04.2026
1 GM Hikaru Nakamura 2810 ½:½ GM Andrey Esipenko 2698
2 GM Fabiano Caruana 2795 0:1 GM Anish Giri 2753
3 GM Rameshbabu Praggnanandhaa 2741 ½:½ GM Wei Yi 2754
4 GM Matthias Blübaum 2698 ½:½ GM Javokhir Sindarov 2745
-
D55
10. Runde am 09.04.2026
1 GM Andrey Esipenko 2698 ½:½ GM Matthias Blübaum 2698
2 GM Javokhir Sindarov 2745 1:0 GM Rameshbabu Praggnanandhaa 2741
3 GM Wei Yi 2754 ½:½ GM Fabiano Caruana 2795
4 GM Anish Giri 2753 ½:½ GM Hikaru Nakamura 2810
-
C42

Tabelle

Pl. Name Land Elo Punkte SoBe
1 GM Javokhir Sindarov 2745 8,0/10 34,75
2 GM Anish Giri 2753 6,0/10 28,00
3 GM Fabiano Caruana 2795 5,0/10 22,50
4 GM Matthias Blübaum 2698 4,5/10 23,25
5 GM Hikaru Nakamura 2810 4,5/10 21,00
6 GM Wei Yi 2754 4,5/10 19,75
7 GM Rameshbabu Praggnanandhaa 2741 4,0/10 19,25
8 GM Andrey Esipenko 2698 3,5/10 17,50

Vorschau

11. Runde am 11.04.2026
1 GM Anish Giri 2753 - GM Andrey Esipenko 2698
2 GM Hikaru Nakamura 2810 - GM Wei Yi 2754
3 GM Fabiano Caruana 2795 - GM Javokhir Sindarov 2745
4 GM Rameshbabu Praggnanandhaa 2741 - GM Matthias Blübaum 2698

// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 11729

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