4. Dezember 2025
September 2026. Schacholympiade in Samarkand. Deutschland geht mit einem 2800er – Vincent Keymer – und drei 2700ern – Matthias Blübaum, Alexander Donchenko und Frederik Svane – hinter den USA und Indien knapp vor den gastgebenden Usbeken an Position drei gesetzt an den Start und liefert den favorisierten Teams einen großen Kampf um Gold!
"I have a dream." Mit dem Bezug auf Martin Luther King vielleicht zu viel Pathos, aber nicht unrealistisch. Noch ist es ein knappes Jahr bis zur XLVI. Olympiade, in dem viel passieren kann, aber Bundestrainer Jan Gustafsson ist neben uns deutschen Schachfans bzw. -konsumenten einer der großen Gewinner des Weltcups: Das Potenzial seines Gerüstes für den – unter mannschaftlichen Gesichtspunkten – Jahreshöhepunkt 2026 darf noch einmal höher angesehen werden als nach den jüngsten „Wundern“ – kometenhafter Aufstieg Keymer plus Kandidatenturnier-Qualifikation Blübaum – angesiedelt werden! Was vor allem Donchenko und F. Svane zu verdanken ist, deren Möglichkeiten wir geahnt haben, ihrer aber nicht gewiss sein konnten.
Schade, dass weder Keymer noch einer der beiden Genannten als zweiter deutscher Akteur den Sprung ins Kandidatenturnier geschafft haben, was zwischenzeitlich durchaus greifbar schien, aber das wäre der Wunder vielleicht ein bisschen zuviel gewesen. Auch so fällt das Fazit des Weltcups fast durchweg positiv aus.
Ich lasse den Weg der sieben deutschen Teilnehmer kurz Revue passieren und konzentriere mich dabei auf ihre Chancen, (noch) weiter im Turnier vorzudringen.
Großmeister, Elo 2587, Nr. 194 der Weltrangliste
Mehr Schachdienstleister denn aktiver Spieler, wurde Niclas Huschenbeth, 33, nicht als heißes Eisen gehandelt. Aber er ist a) als exzellenter Theoretiker bekannt (Nakamura-Sekundant) und hatte b) bei vergangenen Weltcups bewiesen, dass ihm das Format liegt. Gegen den späteren usbekischen Halbfinalisten war er keineswegs chancenlos, wie folgendes Fragment aus der ersten klassischen Begegnung zeigt:
Im Rückkampf opferte Huschenbeth in der Eröffnung objektiv korrekt einen Bauern, sah sich im weiteren Verlauf jedoch mit der Kompensations-Beweislast konfrontiert. Das ging schief. Es war die erste klassische Partie, die er bei seiner dritten Weltcup-Teilnahme verlor.
Großmeister, Elo 2642, Nr. 83 der Weltrangliste
Auch für Dmitrij Kollars, 26, war in der zweiten Runde Endstation – gegen den Inder Pranesh. Nach einer Punkteteilung in der ersten sah er in der zweiten klassischen Partie lange Zeit wie der sichere Verlierer aus, bevor er sich mit einem Turmopfer Gegenchancen verschaffte und sich ihm gar eine Gelegenheit bot, das Match zu seinen Gunsten zu entscheiden:
Im Schnellschach-Tiebreak unterlag Dmitrij mit 0:2 (und wurde in Runde drei von Kollege Vincent Keymer gerächt, der Pranesh nach Hause schickte).
Nimmt man die drei zurückliegenden klassischen Höhepunkte als Einheit – Grand Swiss, Mannschafts-EM und Weltcup –, ist Kollars aus deutscher Sicht so etwas wie der Verlierer. Oder – besser – unser „Reserve-Knotenplatzer“!
Großmeister, Elo 2614, Nr. 133 der Weltrangliste
Dem 28-jährigen „Weltcup-Armageddon-Spezialisten“ war beim dritten Anlauf endlich ein Sieg im gefürchteten Sudden Death beschieden! 2021 und 2023 kam für ihn beim Gleichstand nach Klassik, Rapid & Blitz in der Entscheidungspartie das Aus gegen Ivan Cheparinov bzw. Wang Hao. Diesmal war Rasmus nach neun Stichkampfpartien gegen den Aseri Rauf Mamedow der Glücklichere! Ein weiterer Tiebreak zeichnete sich in Durchgang drei gegen den Amerikaner Awonder Liang ab. Aber dann passierte in der zweiten klassischen Partie das:
Rasmus steht vor der Aufgabe, sich neu zu erfinden. „Beton“ an Brett 2, wie bei den Mannschafts-Europameisterschaften 2023 und 2025, werden wir, wird mein Traum wahr, nicht mehr brauchen.
Großmeister, Elo 2687, Nr. 41 der Weltrangliste
Blübaum, 28, gehörte zu den vier deutschen Spielern, die die vierte Runde erreichten. Die soweit durchweg souveränen Vorstellungen und die Qualität der aus dem Felde geschlagenen Gegnerschaft ließ auf Großes hoffen.
Blübaum war der erste, der herausfiel. Das war insofern zu verschmerzen als es a) in einem innerdeutschen Duell geschah und er b) das Ticket zum Kandidatenturnier schon in der Tasche hatte.
Gegen seinen ehemaligen „Prinzen“-Kollegen war er relativ chancenlos. Einer beiderseits perfekt gespielten Grünfeld-Theorieschlacht folgte eine ruhige Behandlung eines Damengambits:
Großmeister, Elo 2773, Nr. 4 der Weltrangliste
Keymer plante, in Goa seinen 21. Geburtstag zu feiern (15.11.), schied aber zwei Tage vorher in Durchgang vier gegen eine Art „Angstgegner“, gegen den er im klassischen Schach zuvor mit 0:3 zurücklag, aus. Relativiert dadurch, dass die letzte Niederlage beim Grand Swiss 2023 zwei Jahre zurücklag und er Andrey Esipenko in diesem Jahr beim Freestyle in Karlsruhe geschlagen hatte. Nach zwei klassischen Remisen war Vincent in der ersten Schnellpartie nahe am Sieg, aber die bis dato bessere B-Note nutzte ihm gar nichts, als er in der dritten Stichkampf-Partie im Turmendspiel patzte:
Anschließend konnte Vincent nicht mehr zurückschlagen und wurde Teil des großen Favoritensterbens. Dass er, den man nach seinem Hoch der letzten Monate als potenziellen Weltmeister betrachten könnte, nicht den Sprung ins Kandidatenturnier schaffte, atmet eine gewisse Tragik. Er selbst machte dafür in einem Gespräch mit Sportschau.de in erster Linie die letzten beiden Runden des Grand Swiss verantwortlich, in denen er gegen Blübaum und Erigaisi mögliche Siege vergab.
Nun gilt es, nach vorne zu blicken. Die nächsten Stationen sind das Freestyle-Event in Südafrika sowie die Schnellschach- & Blitz-WM in Doha im Dezember und Wijk aan Zee im Januar, wo er als Nr. 1 der Setzliste an den Start geht.
Großmeister, Elo 2638, Nr. 88 der Weltrangliste
Von unseren letzten beiden Eisen im Weltcup-Feuer zeige ich Ihnen jeweils ein Fragment aus einer ihrer Gewinnpartien. Frederik, 21, schaltete den Weltmeister aus! Das hat seit Carlsens Verzicht auf den Titel zwar nicht mehr die herausragende Bedeutung wie zuvor, ist aber – zumal in Gukeshs Heimat – dennoch alles andere als „alltäglich“.
Großmeister, Elo 2641, Nr. 85 der Weltrangliste
Den Grand-Swiss-Sieger Anish Giri auszuschalten, hat keinen geringeren Stellenwert als Svanes Sieg gegen Gukesh!
Für Donchenko war das Turnier wohl sein bislang größter Erfolg, der durch den Gewinn von 20 Elo-Punkten und 35.000 US-Dollar Preisgeld abgerundet wurde. Er schaffte es nach weiteren Match-Siegen gegen Matthias Blübaum und Le Quang Liem bis ins Viertelfinale – wo er wie Niclas Huschenbeth knapp zwei Wochen zuvor gegen Nodirbek Yakubboev die Segel streichen musste. Der Usbeke war daraufhin seinerseits mit den Kräften am Ende und schaffte es nach Niederlagen im Halbfinale und im Match um Platz 3 nicht ins Kandidatenturnier.
Die Glücklichen hießen Javokhir Sindarov, Wei Yi und Andrey Esipenko. Letztlich drei bekannte Namen, obwohl das Favoritensterben das augenfälligste Merkmal des Weltcups war.
Auf den Sieger war ich u. a. durch eine Aussage Vladimir Fedoseevs im Januar dieses Jahres aufmerksam geworden, nachdem dieser ihn in einem Freestyle-Match geschlagen hatte: „Unsere kurzen Gespräche nach den Partien, die ich gegen ihn verloren habe, haben mich gewissermaßen davon überzeugt, dass er ein wirklich supertalentierter Spieler ist, der über Fähigkeiten verfügt, die ich nicht habe.“
Man kann argumentieren, dass drei Qualifikationsplätze zu viel sind, da beim Kandidatenturnier klassisches Schach gespielt wird, beim Weltcup jedoch viele Entscheidungen im Schnellschach und Blitz fielen. Obwohl das Gros des Interesses der Schachgemeinde weiterhin den klassischen Events gilt, werden die Schachvermarkter nicht müde, uns deren Ende zu prophezeien.
Die Teilnehmerliste des Kandidatenturniers in der ersten Aprilhälfte 2026 in Zypern ist damit komplett. Fünf Neulinge! Wir dürfen uns auf Matthias Blübaum freuen, als Favorit wird Fabiano Caruana gehandelt. (rt)
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// Archiv: DSB-Nachrichten - Kolumne Raj Tischbierek // ID 11700